Bol d’Or Mirabaud: die Bretagne lässt grüssen

Text | Vincent Gillioz

Die Bol d’Or ist Kult. Warum das so ist, hat die 78 Ausgabe wieder einmal eindrücklich gezeigt. Die 511 Boote am Start bekamen ein wahres Best of der Genferseewinde zu spüren. Dazu gesellte sich typisch bretonisches Wetter mit Nieselregen, Schauer, Sonne und Gewittern.

Die diesjährige Bol d’Or bot den Teilnehmern alles, was diese Kultregatta in petto hat. Sie bescherte ihnen unvergessliche Erlebnisse, die in ihnen gegensätzliche Gefühle auslösten: Die einen freuten sich, den anderen verging ein für allemal die Lust auf eine weitere Teilnahme. Dieses Jahr wechselten sich am Genferseeklassiker Wind, Flaute, Regen, Gewitter und sogar ein paar zögerliche Sonnenstrahlen ab. Bei solchen Verhältnissen blieb den Teams nur eins: Sie mussten pokern.

Geheimnisvoller Genfersee

bom2016_01Lionel Fontannaz wollte sich beim Wetterbriefing vor dem Start nicht auf die Äste hinauslassen und sich schon gar nicht als Wahrsager betätigen. Angesichts der komplexen Wetterlage und der ungewissen Entwicklung, die von mehreren undurchsichtigen lokalen Phänomenen beeinflusst wurde, hielt er sich an die wenigen bekannten Fakten. Das einzige, was der Meteorologe den Teams mit Sicherheit voraussagen konnte, war ein Südwestwind, der sich auf die eine oder andere Weise bemerkbar machen würde. Zur Freude der Zuschauer stellt er sich bereits am Start ein. Um punkt 10 Uhr blähte er die unzähligen Spis und sorgte für einen farbenfrohen Vorhang. Das Ganze machte aber nicht nur optisch viel her. Für eine Bol d’Or eher ungewöhnlich fanden die Boote für einmal schnell aus dem unteren Genfersee hinaus.

Problematisch wurde es erst nach dieser Schlüsselpassage zwischen Nyon und Yvoire. Vor allem die Führenden waren gefordert. Sie mussten ihre Gehirnzellen gehörig anstrengen, um irgendwie aus der immer verzwickteren Situation hinauszufinden. Zunächst meldete sich der Rebat (ein Thermikwind), dann versuchte sich der kräftige Südostwind Vaudaire durchzusetzen, bevor ein Gewitter alle Windsysteme zunichtemachte. Auch die erfahrensten Segler wussten keinen Rat mehr und sogar Christian Wahl, der „Zauberer des Sees“ am Steuer der Mobimo, ging vor Nernier in die Falle und musste tatenlos zusehen, wie seine Konkurrenten ohne ihn davonzogen. Dem mehrfachen Sieger reichte es dann immerhin noch für den dritten Schlussrang.

Die Stunde der Wahrheit

bom2016_al_02Bei der Einfahrt in den oberen Genfersee kam es auf der Höhe von Evian zu den ersten grossen Positionswechseln. Ein heftiger Regenschauer ging über den Booten nieder und die gesamte Flotte verteilte sich quer über den See. Die Karten wurden wieder komplett neu gemischt. Am besten zogen sich die aufmerksamen Beobachter aus der Affäre. Sie nahmen Reissaus und preschten in Richtung Le Bouveret. Nach gut vier Stunden rundete Alinghi die Wendemarke als erste. Die Abstände hatten sich mittlerweile vergrössert. Zwischen Alinghi und Racing Django, der letzten D35, lagen zu diesem Zeitpunkt bereits 1 Stunde und 20 Minuten.

Nach fünfeinhalb Stunden erreichte auch der erste Einrümpfer, die Implantcentre Raffica den Walliser Hafen. Apsara, die mit den schwachen Winden vor Le Bouveret zu kämpfen hatte, folgte als schnellste Grand Surprise nach 7 h 24 min und Peps, die erste Surprise, brauchte sogar 8 h 30 min.

Nur wenig schneller war die erste der rund zwanzig erstmals zugelassenen C1-Katamarane. Die Nacra von Jean-Jacques Born und Patrick Hauserman erreichte die Wendemarke nach knapp sieben Stunden.

Flucht nach vorne

bom2016_l_01Auf der Rückfahrt erwischten die Führenden vor Meillerie ein paar Luftstösse. Sie entkamen und suchten angeschoben vom Wind das Weite. Alinghi, Ladycat, Tilt, Swisscom und Mobimo hatten die Flotte schon bald deutlich abgehängt. Es sah ganz so aus, als würden sie den Sieg unter sich ausmachen. Zwischen Evian und Thonon kam es dann zu den ersten Ausreissversuchen. Erwan Israel, der Taktiker der Ladycat, ging beherzt zur Sache. Listig täuschte er einen „Jibe“ vor, positionierte sich so auf der richtigen Seite und fuhr einen sicheren Sieg nach Hause.

Die Ersten beendeten diese Bol d’Or 2016 unerwartet schnell nach achteinhalb Stunden, während die schnellten Einrümpfer etwas länger brauchten. Implantcentre Raffica querte die Linie nach 10 h 48 min. Mit diesem dritten Sieg in fünf Jahren gewann das ungarische Team die Bol de Vermeil definitiv. Die restliche Flotte dümpelte noch weit in die Nacht hinein auf dem Wasser, denn mit dem Sonnenuntergang hatte sich auch der Wind vielerorts verabschiedet. Erst in der Morgendämmerung kam wieder Leben in die SNG. Angeführt von der Mea Huna trafen die Grand Surprise kurz nach 5 Uhr morgens dicht nacheinander im Ziel ein. 15 Minuten später folgten auch die Surprise mit Greenwatt.ch an erster Position. Triumvirat, die Luthi F10 von Yves Tournier und Siegerin nach berechneter Zeit, brauchte 13 h 49 min. Auf dem 429. und letzten Platz landete die Bavaria 32 Entropie. Das Schlusslicht war 28 Stunden und 55 Minuten unterwegs. Die rund zwanzig Stunden, die den Ersten vom Letzten trennten, zeigen, wie unterschiedlich die Bedingungen an diesem Wochenende waren. Auch diese Bol d’Or Mirabaud wird garantiert in die Annalen eingehen!

Stimmen:

  • Jacques Guichard, Grosssegeltrimmer auf der Ladycat: „Ich segle seit 2007 auf dem Genfersee und gewinne lieber die Bol d’Or als die D35 Trophy.“
  • Robin Maeder und Félicien Ischer, Sieger in der C1-Klasse in 15 h 30 min: „Es war lang, sehr lang sogar, aber top. Wir haben viel geackert und waren reaktionsschneller als unsere Konkurrenten. Es lief wirklich gut!“
  • Kiraly Zsolt, Skipper der Implantcentre Raffica: „Wir waren erstmals seit unserem Sieg im Jahr 2012 wieder dabei und hatten uns vorgenommen, die Bol de Vermeil definitiv zu gewinnen. Das ist uns gelungen und wir sind wirklich stolz auf diesen Erfolg. Trotzdem werden wir nächstes Jahr wiederkommen.“
  • Pierre Girod, Präsident der SNG und Skipper der Raijin, 32. nach gesegelter Zeit: „Es war eine super Regatta, sehr kompliziert, man musste seine Entscheidungen ständig hinterfragen.“
  • Christian Wahl, Steuermann der Mobimo: „Wir haben sehr schnell gemerkt, dass die Bedingungen nicht unseren Erwartungen entsprachen, dass es zu Zusammenschlüssen kommen würde und auch Chancen bestanden, wieder aufzuschliessen.“