Polartörn: Von Walhalla bis Spitzbergen ist es nur ein Schritt

Fotos : ©Dominique Hausser

Wer Spitzbergen, Norwegens nördlichste Inselgruppe, bereisen will, muss sich akribisch darauf vorbereiten und braucht einen eisernen Durchhaltewillen. Wir haben uns an Bord der OVNI 445 Cruising Swiss V zu siebt in die unwirtliche Polarregion aufgemacht und von dort das Europäische Nordmeer durchquert. Gletscher, Bären, Orkas und Städte aus einer anderen Welt prägten unsere abenteuerliche Reise.

Wer bereits einmal einen Törn unternommen hat, weiss, dass das Abenteuer lange vor den ersten Schlägen auf dem offenen Meer beginnt. Unser Trip nimmt Ende Februar, also gute fünf Monate vor Reisebeginn, in einer Wohnung in Genf seinen Anfang. Sieben Personen, die sich kaum oder überhaupt nicht kennen, wollen in 78 Grad nördlicher Breite drei Wochen völlig auf sich allein gestellt segeln und werden dort wohl oder übel auf engstem Raum zusammenleben. Nach den üblichen Präsentationen geht es ans Eingemachte. Schnell wird klar, dass ein Törn rund um Spitzbergen alles andere als banal ist. Eine Unmenge Fragen tauchen auf: Verpflegung? Vor Ort nur eingeschränkt möglich und extrem teuer. Daher werden wir dort oben nur frische Produkte, Getreide, Mehl usw. kaufen. Den Rest wollen wir vorher besorgen und für den Transport auf die Teilnehmer aufteilen. Sicherheit? Spitzbergen = Eisbären. Eisbären = Gefahr. Das Gesetz schreibt vor, dass jede Gruppe zu ihrem Schutz ein Gewehr mitführen muss. Landgänge? Wer auf Spitzbergen unterwegs ist, muss beim Regierungshalter eine Sonderbewilligung einholen. Einfach irgendwo und ohne Erlaubnis an zu Land gehen ist strengstens verboten. Warme Kleidung, kälteresistentes Bordmaterial und Kommunikationsstrategie? Auch das will genau geregelt sein. Das Teamtreffen zeigt klar, dass die bevorstehenden drei Wochen nicht mit dem vergleichbar sind, was die meisten von uns von ihren bisherigen Segeltörns kennen.

29. bis 31. Juli: Gegensätzlichkeiten

Um es vorwegzunehmen: Spitzbergen ist keine Destination für reine Segelfreaks. Die Inselgruppe eignet sich nicht wirklich für pure Navigation. Zwischen den von den Bergen geschützten Fjorden herrscht oft vollkommene Flaute. Wer diese einmaligen Orte erkunden will, kommt nicht ohne Motor aus. Hin und wieder haben die Windgötter aber auch ein Nachsehen. Nach drei Expeditionstagen kommt am 31. Juli endlich der Gennaker zum Einsatz. Wir können sogar die Stagfock setzen und mit einem Reff mit 22 Knoten am Wind segeln. Der Grund ist Isfjorden, eine grosse Bucht im westlichen Teil von Spitzbergen, wo der Wind nicht von Bergen und Gletschern gestoppt wird, sondern völlig frei in den Fjord eindringen kann.
Im Isfjorden haben die Menschen die drei grössten „Städte“ des Archipels errichtet: die Hauptstadt Langyeabyen mit ihren 2000 Einwohnern sowie die russischen Bergarbeitersiedlungen Barentsburg (500 Einwohner) und Pyramiden (seit 1998 verlassen). Pyramiden ist unser erster Halt. Hier bekommen wir einen ersten Eindruck von der speziellen Stimmung, die in diesen Landstrichen herrscht. Die Siedlung wurde Ende der 1990er-Jahre innerhalb einer knappen Woche evakuiert und ist seither nahezu intakt geblieben. Tief eingeschnittene Berge, stillgelegte und langsam zerfallende Bergbauanlagen sowie hölzerne und metallene Schlangen, die sich die grauen und schwarzen Felsen hinaufwinden, prägen das Bild. Steinbauten im typischen sowjetischen Stil mit vernagelten Fenstern werden heute von den Vögeln als Aufenthalts- und Brutstätten genutzt. Vor der früheren Sporthalle thront eine Lenin-Büste. Sie ist umgeben von verblassten Fotos aus dem Leben der Einwohner dieser Bergbausiedlung.
Pyramiden hat an sich nichts zu bieten, was man als schön bezeichnen könnte, es ist aber ein hervorragendes Beispiel für die Gegensätzlichkeiten auf Spitzbergen. Zwischen den verlassenen Orten, leerstehenden Hütten und durch Erosion bröckelnden Felsen macht sich der Eindruck einer verlassenen, langsam sterbenden Region breit. Und doch grasen inmitten dieser grauen Einöde Rentiere das spärliche, aber unglaublich vielfältige Grün ab. Eisturmvögel und Papageientaucher machen sich einen Spass daraus, uns bei unseren Bootsfahrten zu begleiten. Auch die Gletscher tragen zu dieser Widersprüchlichkeit bei. Die weissen Riesen, die sich majestätisch zwischen verlassenen Städten und sonnenbestrahlten Fjorden ihren Weg bahnen, ziehen uns in ihren Bann und begeistern jeden Fotografen.

2. und 8. August: Gletscher

„Wie kalt ist es dort oben?“ ist eine der ersten Fragen, die wir beantworten müssen, wenn wir von unseren Plänen erzählen. Verständlich, schliesslich segeln wir rund um den 78. Breitengrad. Das Klima ist aber nicht härter als im bretonischen Winter. Meistens liegen die Temperaturen zwischen 0 und 10 Grad, bei Sonnenschein brauchen wir nicht einmal eine Jacke. Gefröstelt wird nur auf offenem Meer bei viel Wind, wenn die gefühlte Temperatur unter den Gefrierpunkt fällt. Trotz des milden Wetters ist Spitzbergen ein Gletscherparadies. Dass es mehr dieser weissen Kolosse gibt als Menschen, ist nicht übertrieben. Zwei Erlebnisse in Zusammenhang mit den unzähligen Gletschern, denen wir uns nähern, werden uns besonders in Erinnerung bleiben.
Das erste ereignet sich am 2. August. Die Cruising Swiss V fährt unter Motor durch den von drei Gletschern umgebenen St. Johnsfjorden. Auf dem Landweg ist die Bucht nur schwer zu erreichen, gibt sich Seeleuten dafür in seiner ganzen Schönheit preis. Der Fjord gleicht einer Parade aus Growlern und kleinen, erstaunlich geformten Eisbergen, die sich auf über einer Seemeile vor uns ausbreiten: Hier ein Flusspferd, dort das Monster von Loch Ness, eine Hütte, ein fliegender Adler und ein Hase. Am Fuss der Gletscher bedeckt ein Teppich aus Eisbrocken das Wasser. Wir sind froh über unseren Aluminiumrumpf. Plötzlich ist unser Schiff von Eis umgeben. Es kratzt am Rumpf, jedoch ohne Schaden anzurichten. Ein magischer Moment. Unser Segelboot macht sich als Eisbrecher nützlich!
IMG_2365Dienstag, 8. August, 2 Uhr morgens. Das Team schläft friedlich vor Anker im Hornsund gegenüber einer polnischen Forschungsstation. Unser Skipper Dominique Hausser erwacht mit einem seltsamen Gefühl. Er hat den Eindruck, das Schiff befinde sich auf einem Fluss. Ein Blick nach draussen schafft Klarheit: Das Blau des Vorabends ist weiss geworden. Der an die Bucht grenzende Gletscher hat rund um das noch immer fest verankerte Boot mehrere Tonnen Eis aufgehäuft. Zwei Tage begleitet uns das charakteristische Knacken der Growler, die im Kontakt mit dem Wasser und unter der Sonne schmelzen. Wir geniessen das Schauspiel. Mit einer bewährten Technik schaffen wir es trotzdem an Land: Wir befestigen eine Harpune vorne am Beiboot und bahnen uns einen Weg aus dem Eis.

5. August: der Bär

Vor der Abreise drehten sich praktisch alle Diskussionen um ihn. Würden wir das Glück haben, einem Eisbären zu begegnen? Obwohl auf der Inselgruppe eine der grössten Populationen der Welt lebt, so sind sie doch vor allem im Osten Spitzbergens anzutreffen. Und dort ist es so unwirtlich, dass sich kaum je ein Mensch hinwagt. Im Westen sind die Zotteltiere seltener. Sie treten vereinzelt auf, weil sie durch die Eisschmelze von ihrem Jagdgrund getrennt oder von rivalisierenden Männchen aus ihrem Revier vertrieben wurden. An diesem 5. August machen wir in Fleur de Lyshamma Halt. Die kleine Ortschaft reduziert sich auf zwei leerstehende Trapperhütten und drei umgekippte Boote, die an die Walfänger- Vergangenheit des Archipels erinnern. Nachdem wir eine Stunde lang an Land herumgewandert sind, ruft Pierre plötzlich: „Schaut!“ Wir stehen auf einem Hügel. 900 Meter weiter unten nähert sich ein Eisbär der Hütte, zu der auch wir wollen. Fünf Minuten bestaunen wir das Raubtier, dann beschliessen wir, zur Cruising Swiss V zurückzukehren. Auf dem Wasser sind wir in Sicherheit und können den Bären in aller Ruhe beobachten, ohne um unser Leben fürchten zu müssen.
Nachdem wir den Anker gelichtet und den Motor angelassen haben, treffen wir unseren Freund nur wenige hundert Meter von der Stelle entfernt wieder an, an der wir ihn zuletzt gesehen haben. Er spaziert gemächlich über einen langen, schwarzen Kiesstrand. Wir begleiten das einsame, aber stämmige Männchen eine Viertelstunde lang und lassen es dann in Frieden. Alles in allem hat unsere Begegnung mit dem Eisbären nicht länger gedauert als 30 Minuten. Aber das fast mystische Tier in seinem natürlichen Lebensraum anzutreffen ist für uns alle ein nicht zu übertreffendes Erlebnis. Von diesem Tag an fühlt sich jedes Anlegen am Ufer von Spitzbergen anders an. Wir sind uns im Klaren, dass jederzeit ein Eisbär vor uns auftauchen kann. Es bleibt aber bei der einen Begegnung. Vielleicht ist das ja unser Glück, denn kaum ein Tier ist für Menschen so gefährlich wie der Eisbär. Das gilt aber auch umgekehrt.

10. bis 17. August: Durchquerung des Europäischen Nordmeers

Vom Süden Spitzbergens bis nach Trondheim, dem Zielhafen unserer Reise, sollten wir je nach Wind sechs bis acht Tage brauchen. Meist weht nur ein schwacher Wind, der das Team körperlich und mental auf eine harte Probe stellt. Sechs Stunden versuchen wir, uns aus den Fängen Spitzbergens zu befreien. Unter blauem Himmel, bei spiegelglattem Meer und 1,5 Knoten Wind kommen wir kaum vom Fleck. Als die letzten Spitzen des Archipels am Horizont verschwunden sind, kippt das Wetter. Ein Tief versperrt jedem den Weg, der in Richtung norwegische Küste unterwegs ist. Für ein Team, dessen längster Nonstop-Trip bisher drei Tage dauerte (Dominique Haussers Weltumsegelung nicht eingerechnet), eine happige Feuertaufe! Fast vier ganze Tage verharren wir bei trübem, nassem Wetter und müssen konstant über 25 Knoten starken Wind sowie zwei Stürme überstehen.
Am Samstag, 12. August, versucht die Cruising Swiss V das Tief in der Mitte zu durchqueren, befindet sich aber rund dreissig Meilen weiter westlich als geplant. Dort bläst der Wind nicht mit den erwarteten 35, sondern mit 45 Knoten und Spitzen von bis zu 53 Knoten! Wir beschliessen beizudrehen, damit sich die Besatzung und das Boot ausruhen können, bevor wir die Route ein paar Stunden später wieder aufnehmen. Am Montag, 14. August, um 4 Uhr morgens, hat sich der Wind auf 30 Knoten abgeschwächt, das Meer aber ist stark aufgewühlt. Eine Welle knallt gegen das Boot und drückt es ein paar Sekunden zur Seite. Dabei dringt Wasser in den Salon und setzt die Bordelektronik teilweise ausser Gefecht. Nichts Überlebenswichtiges, aber wir befürchten das Schlimmste. Trotz solcher Schreckensmomente behalten der Ozean und das Meer auch in den härtesten Augenblicken ihre magische Seite. Sie schenken uns zeitlose Anblicke, wie die drei Orkas, die zehn Minuten vor der Monsterwelle in der halbdunklen Polarnacht nur 20 Meter vor dem Schiff vorbeischwimmen und ein fast irreales Bild abgeben.

Am 17. August, nach sieben Tagen und einer Stunde, haben wir die 996 Seemeilen geschafft. Unser Abenteuer ist zu Ende. Die Cruising Swiss V hat sich bei stürmischem Wetter und im Eis als solide erwiesen und uns sicher ins Ziel, die Marina von Trondheim, gebracht. Nach den drei Wochen wird Spitzbergen bei uns untrennbar mit drei Adjektiven verbunden sein: majestätisch, gegensätzlich und aussergewöhnlich.

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REISE-INFOS

Sie besitzen Ihr eigenes Segelboot

  • Die Navigationserlaubnis für die verschiedenen Regionen der Inselgruppe können hier beantragt werden: sysselmannen.no/en
  • Mieten oder kaufen Sie zum Schutz vor Eisbären ein Jagdgewehr und eine Schreckschusspistole. Ihr Besitz ist Vorschrift.
  • Ausserdem benötigen Sie eine spezielle Versicherung, die über dem 60. Breitengrad gültig ist, und einen SAR-Schutz („Suche und Rettung“) beinhaltet.
  • Nützliche Informationen für die Vorbereitung: dominiquehausser.skippers.tv

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Für massgeschneiderte Reisen und/oder Törns: my charter, info@mycharter.ch www.mycharter.ch
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