Curtis Blewett und Rodney Ardern

Hochseeluft schnuppern! Obwohl den America’s Cuppern das ganze Jahr die thermischen Mittelmeerwinde um die Nase wehen, reizt sie der Gedanke, bei eisiger Kälte und stürmischem Wellengang an einer Weltumsegelung im tiefen Süden teilzunehmen. Einmal abgesehen vom Abenteuer, das sie bei eine  solchen Trip erwartet, lernen die Segler navigationstechnisch viel dazu. Das haben sich auch der Neuseeländer Rodney Ardern (Runner/Pit) und der Kanadier Curtis Blewett (Midbowman) gesagt. Die beiden Alinghi-Teammitglieder nutzten die Winterpause der Louis Vuitton Acts und nahmen das Angebot der „Pirates of the Caribbean“ an, an den drei längsten Etappen des Volvo Ocean Race von Vigo nach Rio de Janeiro mitzusegeln.

Beim Volvo Ocean Race geht es in insgesamt neun Etappen einmal um die Welt. Das Rennen gilt zusammen mit der Einhand-Weltumsegelung Vendée Globe Challenge als härteste Regatta der Welt. Nicht nur die menschlichen Kräfte, sondern auch das Material wird bis an die äusserste Grenze belastet. Dieses Jahr haben sich sieben neue Einrümpfer der Herausforderung gestellt. Die VOR 70 mit einer Länge über alles von 21 Metern, einem 31,5-Meter-Mast und einer Verdrängung von 14 Tonnen sind unglaublich schnell, doch fast ebenso zerbrechlich. Sie sind im November im spanischen Vigo gestartet und werden Mitte Juni im schwedischen Göteborg erwartet. Dazwischen müssen die Karbon-Racer drei Kaps, 32’700 Seemeilen (60’560 km), etliche Böen, Havarien und einige Express-Reparaturen während der Etappenhalte hinter sich bringen. Das Hochseeabenteuer steht in keinem Vergleich zu den Match Races des America’s Cup!

Curtis hatte das Volvo Ocean Race 1997-1998 auf der EF Language von Paul Cayard gewonnen. Er sieht mehrere Gemeinsamkeiten zwischen dem Team Alinghi und der Crew der Black Pearl: “Es herrscht ein ähnliches Klima und in beiden Teams sind alle bereit, ihr Bestes zu geben.” Leider blieb dem Midbowman das Runden des Kap Hoorns verwehrt. Er zog sich in der dritten Etappe eine Verletzung zu und wurde in Wellington von den Ärzten aus dem Rennen genommen. “Ich bin furchtbar enttäuscht. Wir haben auf den letzten Etappen viel Arbeit in die Feineinstellungen des Bootes gesteckt. Ich musste in dem Moment von Bord, in dem sich unsere Situation zu ändern schien”, meinte der glücklose Pirat enttäuscht.

Auf hoher See wechseln sich die Wachen rund um die Uhr ab. Wenn es hart auf hart kommt, gehen die “Schläfer” dem Navigationsteam zur Hand. Wachoffizier Rodney ist für eines dieser Teams verantwortlich. Für ihn ist es bereits das dritte “Round the World”-Rennen. Der frischgebackene Vater kann zudem auf vier America’s Cup Kampagnen und einen Sieg (2003 mit Alinghi) zurückblicken. Er zieht Parallelen zwischen seiner Hochseeerfahrung und dem Match Racing: “Wir lieben beide Disziplinen. Es ist interessant, von einer zur anderen
zu wechseln und dabei Neues zu entdecken. Wir hoffen auch, dass wir einige technische Ideen bei Alinghi mit einfliessen lassen können.”

Während die Atlantikregatta noch in vollem Gang ist, sind die beiden Teammitglieder zum Saisonbeginn 2006 in die Basis in Valencia zurückgekehrt. Dort werden die Testphasen wieder aufgenommen und die Acts vorbereitet. Als Midbowman klettert Curtis noch immer das Rigg rauf und runter. “Ich liebe die Intensität meines Jobs”, erklärt der begeisterte Mountainbiker. Wenn er nicht gerade unter Deck die Segel verpackt, klettert der Kanadier auf den Mast, springt auf den Spinnakerbaum und von dort in die mehreren hundert Quadratmeter Spi. Da er dazu stets topfit sein muss, trainiert er täglich im Fitnesszentrum. Zurück im Hafen informiert er das Rigg-Team über seine Beobachtungen. Schliesslich hängt von dieser Zusammenarbeit seine Sicherheit ab.

Rodney ist beim Vorstart und auf den Amwindstrecken hinten am Grinden, d.h., er stellt die Backstagen ein. Das Drahttauwerk verläuft vom Masttopp zum Heck und stützt den Mast schräg nach achtern. Ein Fehler beim Wenden und der Mast explodiert unter dem Druck. Unter Spi ist Rodney vorne am Cockpit zu finden, wo er als Pitman die Verantwortung für das Laufen der Fallen beim Setzen und Einholen der Segel trägt. Manchmal betätigt er sich aus als Grinder. “Der vielseitige Job passt zu mir”, so Rodney. An Land, wo er als einer der vier Boat Captains wirkt, kommt ihm seine Ausbildung als Ingenieur zu Gute. Er organisiert die Arbeiten auf dem Boot und steht dazu in ständigem Kontakt mit den Mitgliedern der Shore Crew, den Designern und den Seglern. “Ich bin sozusagen überall gleichzeitig, damit das Boot jeden Tag segelbereit ist.”