Törn im Bassin d’Arcachon: Unterwegs auf einem Kielschwerter

XXL-Dünen, Sandbänke, eine einsame Insel, Pfahlhütten, versteckte Ankerplätze und ein idyllischer Fluss: All das bietet die Bucht von Arcachon an der französischen Atlantikküste. Am besten entdeckt man die Schätze auf einem Kielschwerter. Urteilen Sie selbst!

Eigentlich hätte sich das Bassin d’Arcachon wie alle Flussmündungen, die sich in einen Süsswassersee verwandelt haben, schliessen sollen. Doch ein unbeugsamer Fluss namens Eyre leistete erfolgreich Widerstand. Er führt genügend Wasser, um zu verhindern, dass sich der Dünengürtel komplett schliesst. Diesem Durchgang sei Dank bleibt das 156 Quadratkilometer grosse Becken mit dem Ozean verbunden. Solche „Passes“ sind bei Seefahrern gefürchtet. Sie zählen zu den gefährlichsten Wasserstrassen Europas. Wir wollen uns nicht unnötig in Gefahr begeben und beschränken uns auf das Becken und die direkte Ausfahrt gegenüber der imposanten Pilat-Düne.

Sicher, aber nicht ganz einfach

Das Segelrevier ist nicht so einfach, wie man vermuten würde. Erstens, weil es von bis zu vier Knoten starken Strömungen durchzogen wird. Zweitens, weil es voller Austern- und Sandbänke steckt. Und drittens, weil das Fahrwasser teilweise nur mit grob geschnitzten Kieferästen, den sogenannten „Pignottes“, gekennzeichnet ist. Obwohl ungefährlich, lauern doch überall heimtückische Fallen. Die beste Art, sie zu umgehen und den Törn unbeschwert zu geniessen, ist die Wahl einer Jacht mit aufholbarem Schwert. Wir wollten uns Gewissheit verschaffen und haben uns vor Ort von den Vorteilen der lange verpönten Kielvariante überzeugt.

Arcachon, der perfekte Stützpunkt

IMG_2233R2Besuchern können wir nur empfehlen, den Jachthafen von Arcachon als Stützpunkt zu wählen. Er ist mit 2000 Bootsplätzen nicht nur der drittgrösste Frankreichs, sondern auch der einzige Tiefwasserhafen des Beckens. Überall sonst liegen die Schiffe mindestens die Hälfte der Zeit auf dem Trockenen. Zwar kann im Bassin d’Arcachon auch geankert werden, die Regeln werden aber zusehends strenger. An der Banc d’Arguin zum Beispiel darf man seit diesem Jahr nachts nicht mehr anlegen. Genau zu dieser Sandinsel wollen wir als erstes. Wir segeln quer durch zahlreiche Bänke, die zwischen Le Ferret und Moulleau wie lauter Konfettis verstreut liegen. Das Schwert unserer TES-Jacht hebt sich von ganz alleine, wenn nicht mehr genügend Wasser unter dem Kiel ist. Ähnlich funktioniert auch das Schwenkruder. Es ist mit einem Bolzen ausgestattet, der unter Druck zurückklappt. Mit hochgezogenem Ruderblatt lässt sich die Jacht allerdings nur mit viel Kraftaufwand steuern und um die imposante Schaufel wieder in die senkrechte Position zu bringen, muss man mit dem Fuss darauf drücken.
Erster Halt ist der Strand der Banc d’Arguin, der kürzlich zum Meeresschutzgebiet erklärt wurde. Mit dem typischen Geräusch von scheuerndem Sand strandet die Jacht. Von hier haben wir einen wunderbaren Ausblick auf die sanft geschwungenen Sandbänke, das türkisfarbene Wasser und die Brandung auf dem offenen Meer. Im Osten ist die Sandbank von kleinen Buchten, sogenannten „Conches“, durchsetzt. Unter dem Einfluss der Dünung und der Windböen verändern sie sich fortlaufend, verschwinden und bilden sich wieder neu.

Höchste Düne Europas

Stranden kann man auch östlich der berühmten Pilat-Düne – am besten bei Ebbe, um der Kabbelung zu entgehen. Zwar ist die mit 105 Metern höchste Düne Europas letzten Winter vier bis fünf Meter geschrumpft, aber das merkt niemand. Der imposante Sandberg ist und bleibt ein Stück Sahara zwischen Pinien und Ozean. Unter seinen 60 Millionen Kubikmetern Sand verbergen sich ganze Villen und Blockhäuser, die plötzlich wieder an die Oberfläche treten. Nicht nur die Wüste, auch die Düne lebt!

Conche du Mimbeau für Boote mit wenig Tiefgang

Das Meer hat fast wieder seinen höchsten Stand erreicht. Zur Flut gesellt sich ein konstanter Wind aus Westnordwest. Der richtige Moment, um uns zur Conche du Mimbeau am Fuss des rot-weissen Leuchtturms des Cap Ferret aufzumachen. Jetzt, da die meisten Sandbänke überflutet sind, schwappen die Wellen aus dem offenen Meer in das Becken. Man könnte sich beinahe auf dem Ozean wähnen. Wir erreichen den schmalen Kanal. Unser Boot bleibt sogar mit hochgehobenem Schwert und Ruder manövrierfähig, sodass wir uns problemlos zwischen den festgemachten Booten hindurchschlängeln und uns eine schöne Stelle am Strand aussuchen können. Wir geniessen das Nichtstun inmitten wilder Palmlilien. Die geschützte Stelle ist eine Art Becken im Becken, ein wahres Wirbelsturmloch, obwohl es hier natürlich keine Zyklone gibt, nur ein paar kräftige Sommergewitter und heftige Winterstürme. Für die Umgebung spricht aber auch sonst viel. Sie wartet mit typischen Austernvierteln und Restaurants auf und das Dorf von Cap Ferret ist nur ein kurzer Fussmarsch entfernt. Leider kann man hier im Juli und im August nicht mehr an Bord übernachten.

Die „Cabanes tchanquées“, Wahrzeichen des Bassins

IMG_0807R2Wir setzen die Reise Richtung Süden fort, die Strömung zieht uns sanft zur Ausfahrt, fordert aber viel Aufmerksamkeit beim Navigieren. Wer bei der Kanalausfahrt auf Grund läuft, bleibt meist mehrere Stunden stecken. Vor unserem Bug breitet sich ein flaches Stück Land mit spärlichen Hütten und ein paar Zwergpinien aus. Auf der Insel gibt es weder Wasser, noch Strom, noch Telefon. Mehrere kleine Kanäle führen zu traumhaften Orten, trotzdem entscheiden wir uns für die beiden Pfahlhütten. Die „Cabanes tchanquées“ sind Wahrzeichen des Bassin d’Arcachon. Früher wurden sie als Wachposten für die Austernbänke genutzt.

Biganos, ein Hafen mitten auf dem Land

Tags darauf beschliessen wir, auf der Eyre bis zum Hafen von Biganos zu fahren. Damit wir uns in dem verwinkelten Labyrinth aus Kanälen nicht verirren, segeln wir nach Karte und mit Fernglas. Aufgrund des geringen Gezeitenkoeffizienten – 59 – steigt das Wasser bei Flut heute nicht sehr hoch. Wir müssen uns noch etwas gedulden, denn unser Saildrive berührt den Grund. Nur knappe zwei Stunden steht das Wasser hoch genug, damit wir aus dem Kanal herausfinden. Wir lassen die „G“-Tonnen des Chenal de Branne hinter uns und laufen in den mit „H“-Tonnen markierten Chenal de Touze ein. Gras und Sträucher versperren uns die Sicht. Erst im letzten Moment erkennen wir zwei schmale Durchfahrten, die weiter hinten zusammenlaufen. Die an backbord ist betonnt. Allmählich zeichnen sich Ufer ab, wir erblicken Kühe und Eichen. Nach wenigen hundert Metern haben wir das Meer gegen Land getauscht. Ein paar Flussbiegungen weiter erblicken wir den winzigen Hafen Tuiles, durchqueren einen dichten Wald und erreichen den malerischen Hafen von Biganos.

Eine Nacht auf einem einsamen Sandfleck

Mittlerweile sind wir in Andernos. Die grossen Sandflächen und der Schlick auf dem Beckengrund eignen sich perfekt zum Stranden. Ein guter Tipp: Tasten Sie den Boden mit den Füssen ab und suchen Sie so den besten Ort, um Ihr Boot richtig zu positionieren. Bei schlammigem Boden wird Ihnen die Cockpitbrause nützliche Dienste leisten. Alternativ können Sie auch einen Eimer mit Wasser füllen, um später die Füsse abzuspülen. Schlamm, Sand, Wasser sowie Ebbe und Flut sind im Bassin d’Arcachon bei jedem Törn ständige Begleiter.