In jeder Hinsicht ein Renner

Samstag, 1. Mai, 9 Uhr. Im Nieselregen findet das Briefing des Geneva Cups und damit des zweiten Laufs der Europameisterschaft der Esse 850 statt. Den Auftakt hatte der Primo Cup in Monaco Anfang Februar gemacht. Sechzehn Teams aus der ganzen Schweiz und sogar aus Deutsch-land lauschen schweigend den Anweisungen der Verantwortlichen der SNG, die diese zweite Punkteregatta der Saison organisieren. Der technische Leiter ergreift das Wort: „Ich erinnere Sie daran, dass der Bugspriet erst ausgefahren werden darf, wenn Sie den Gennaker setzen und er beim Bergen sofort wieder eingezogen werden muss. Die Wettfahrtleitung wird darauf besonders genau achten“, mahnt er. Niemand protestiert. Der 1,85 m lange Carbon-Bugspriet könne bei Kollisionen grossen Schaden anrichten, da er wie ein Rammbock wirke, erklärt Nicolas Moget aus Rolle die Sicherheitsvorschrift. Als Mitglied der technischen Kommission im Vorstand des Klassenverbands weiss er, wovon er spricht.
Es könnte eigentlich ein ganz normales Regattawochenende sein. Ist es aber nicht. Die Erfolgsstory der Esse 850 auf nationaler und internationaler Ebene beeindruckt. Das Sportboot wurde vor knapp sechs Jahren nach einem Konzept des Zürchers Josef Schuchter aus Stäfa und Plänen des damals noch wenig bekannten italienischen Schiffdesigners Umberto Felci entworfen. Seither sind bereits 134 Einheiten vom Stapel gegangen. Zunächst war der Daysailor vor allem auf dem Zürichsee zu fi nden, er machte sich jedoch in kürzester Zeit über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus als Leichtwindrenner einen Namen. Nach den beiden Titeln „European Yacht of the Year“ (2005) und „Boat of the Sailing Year USA“ (2007) wurde die Esse 850 in diesem Jahr offiziell als internationale ISAF-Klasse anerkannt. Eine Auszeichnung, die ihrer Popularität weiter Vorschub leisten dürfte und sicher auch Ambitionen weckt. Eric Meyer von der Chantier Naval de Vidy, der die Marke in der Westschweiz und in Frankreich vertritt, ist auf jeden Fall zuversichtlich: „Ziel ist die Einwasserung von hundert neuen Booten pro Jahr weltweit“, sagt er.

Schnell und stabil
„Beim Training am Primo Cup hatten wir 30 Knoten Wind und drei Meter hohe Wellen, trotzdem lag das Boot unglaublich stabil“, sagt er begeistert, fügt jedoch hinzu: „Für Regatten haben wir die Obergrenze auf 26 Knoten Wind begrenzt, um Havarien zu vermeiden.“
Neben den ausgezeichneten Segeleigenschaften kommen zwei weitere Vorzüge immer wieder zur Sprache: das einfache Handling und die Transportierbarkeit. Diese beiden Aspekte waren Schuchter beim Entwurf der Pläne besonders wichtig und der Erfolg zeigt, wie richtig er damit lag. Mit einem Gesamtgewicht von 1180 kg (2000 kg mit Anhänger), einer Länge von 8,50 m, einer Breite von 2,20 m und dem Hubkiel lässt sich die Esse 850 problemlos trailern. „Man benötigt gerade einmal eine Stunde, um das Boot abzutakeln und auf den Anhänger zu verladen. Auch das umgekehrte Manöver dauert nicht länger“, bestätigt der Deutsche Dieter Schweitzer, Crewmitglied auf dem Zürcher Boot Saba Rock. „Ein Kinderspiel“, fügt er hinzu. „Es spornt die Eigner an, an Regatten in ganz Europa teilzunehmen.“ Nicolas Moget auf seiner Epoxy Affair kann die Loblieder nur bestätigen. Da er auch gern Ski fährt, verzichtete er zwar auf den Primo Cup, will aber an den anderen Etappen der Europameisterschaft 2010 auf dem Bodensee (Mitte Mai in Langenargen), dem Gardasee (Ende Juli in Macesine), dem Thunersee (Mitte September in Spiez) und dem Zürichsee (im Oktober) mit dabei sein.

Fast spartanisch
Moget mag auch die Einfachheit der Besegelung und des Riggs. „Ein Grosssegel, eine Fock und ein Gennaker, das ist alles!“ schwärmt er und setzt die Aufzählung der Vorzüge gleich fort: „Ein Aluminiummast mit zwei Salingen und einem Achterstag, klare, präzise Manöver, ein grosses Cockpit für bis zu drei oder vier Personen, eine kleine Kabine für das Material und ein grosser Koffer zum Verstauen des bei Regatten obligatorischen Aus-senbordmotors.“ Alles in allem eine aufs Wesentliche reduzierte, schon fast spartanische Ausstattung, die auch deshalb so gut ankommt, weil die Klassenvereinigung das Aufrüstungswettrennen stark einschränken will.

Am meisten verblüfft hat Moget aber das Geschwindigkeitspotenzial dieses kleinen „Cuppers“ mit den klaren Rumpflinien: „In Punkto Segelfeeling gleicht die Esse 850 vor dem Wind eher einem Katamaran wie dem M2 als einem Toucan“, meint Nicolas Moget, der bereits auf beiden Boote gesegelt ist. Und: „Man segelt ständig mit dem scheinbaren Wind und das Boot ist schnell, sehr schnell, es geht genauso ab wie ein 10-Meter-Racer. Grund dafür ist die geringe benetzte Fläche und der lange Kiel.“

An Vorzügen fehlt es der Esse 850 ganz offensichtlich nicht. Auf Schweizer Seen kam sie deshalb auch gut an. Auf dem Zürichsee segeln derzeit 23 Einheiten, auf dem Genfersee 17, im Tessin acht und auf dem Neuenburger- und dem Bodensee je vier – Tendenz steigend. Die Klasse hegt jedoch noch ganz andere Ambitionen: Sie will sich so schnell wie möglich auf allen fünf Kontinenten ausbreiten.