Von Belfast nach Dunkerque: Ainmara, mit über 100 Jahren gegen Wind und Wellen

Texte :

Bericht einer turbulenten Fahrt von Irland nach Nordfrankreich an Bord einer Holz-Yawl aus dem Jahr 1912

Am 19. August 2018 verliess die Ainmara die irische Küste, nachdem sie über hundert Jahre im naturgeschützten Strangford Lough südlich von Belfast festgemacht war. 1966 hatte der nordirische Segler Dickie Gomes die 1912 von John Breslin Kearney in Dublin gebaute Holz-Yawl gekauft, sie mehr als 50 Jahre gehegt und gepflegt und damit viele Regatten gewonnen. Im Alter von 80 Jahren entschied er sich, uns das Ruder zu übergeben – mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Er freute sich, dass sein Boot zu neuen Abenteuern aufbricht, dass er sich von ihm trennen musste, brach ihm aber fast das Herz. Mit Tränen in den Augen sah er die Ainmara an jenem 19. August davonziehen. Wir hoffen, dass wir sein Vertrauen verdienen.
In zwei Wochen nach Dunkerque an die französische Nordküste zu segeln scheint uns ambitioniert, aber machbar. Nach der Ausfahrt aus dem Strangford Lough, die aufgrund der bis zu acht Knoten starken Strömung sorgfältig berechnet werden muss, gleiten wir gemächlich Richtung Dublin. Die ersten beiden Tage auf See sind ruhig. Wir sichten viele Robben und sogar zwei der sehr seltenen Riesenhaie. Vor Lambay Island, nur wenige Kilometer von Dublin entfernt, ruft der Skipper plötzlich: „Dort oben auf den Klippen hüpft ein Känguru!“ Lautes Gelächter, wir glauben ihm kein Wort und machen uns den ganzen Abend über seine Halluzinationen lustig. Nach einer Nacht vor Anker suchen wir am nächsten Morgen dann doch mit einem Feldstecher die Umgebung ab… und müssen klein beigeben. Der Skipper hatte recht! Die Familie, der die Insel gehört, hat in den 1950er-Jahren Wallabies eingeführt. Heute leben etwa hundert dieser kleinen Kängurus inmitten von Rindern und Damhirschen.

Wellenberge und Wasser

La-côte-sud-ouest-des-Cornouailles-©VisitBritain-Tomo-BrejcKurz darauf nimmt die bisher ruhige Reise eine unerwartete Wendung. Wir wollen nach Wicklow südlich von Dublin, doch der Hafen dort ist voll. Trotz immer heftigerem Wind und stärkerer Strömung bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterzuziehen. Wir kommen mehr schlecht als recht voran. Mit einer Geschwindigkeit von nur zwei Knoten kämpfen wir uns durch das kabbelige Meer und erreichen erst spät am Abend den Hafen von Arklow. Erschöpft entschliessen wir uns, die 180 Seemeilen bis nach England erst am übernächsten Tag in Angriff zu nehmen.
Die Wetterprognosen sind günstig, aber kaum sind wir auf dem offenen Meer, legt der Wind zu und die Wellen werden unregelmässig und immer grösser. Die Crew verkleinert das Segel, aber das Boot lässt sich immer schlechter steuern. Grosse Wellen knallen gegen das Heck, wir müssen ständig den Kurs korrigieren, damit wir nicht abdriften. Unmengen von Wasser dringen ins Boot ein, die Bilgenpumpe läuft auf Hochtouren. Die Krängung ist so stark, dass nur die beiden Backbordkojen benutzbar sind. Eine davon ist allerdings unbrauchbar, da wir darin Material verstaut haben. Also teilen wir uns eine einzige Koje und wechseln uns am Steuer ab. Wir dösen in unserer Wachkleidung auf dem Boden liegend vor uns hin und essen Bananen und Schokolade, da die anderen Vorräte momentan nicht erreichbar sind. Wir müssen meist zu zweit an Deck sein, um das Meer zwischen den Wellen nach anderen Schiffen abzusuchen.
Am nächsten Tag, als endlich die englische Küste am Horizont auftaucht, atmen wir erleichtert auf. Doch die Freude ist von kurzer Dauer. Als wir den Motor starten, um in den Hafen von Newlyn einzulaufen, ertönt der Ölalarm. Wir legen so schnell wie möglich an und suchen verzweifelt einen Mechaniker. Da am nächsten Tag ein langes Wochenende ansteht, sind sie alle bereits nach Hause gegangen.

Die Zeit wird knapp

Les-Seven-Sisters,-falaises-de-craie-entre-Seaford-et-Eastbourne-©VisitBritain-Charlie-WaiteWir sitzen im kleinen Fischerhafen von Newlyn an der Südwestküste Englands fest. Unsere Bootsnachbarn leihen uns eine Ölpumpe, damit wir einen ersten Ölwechsel vornehmen können. Der Alarm verstummt trotzdem nicht. Nach zweitägigem Warten mit viel Ungeduld und Frust nutzen wir einen günstigen Wind, um nach Plymouth zu segeln. Dort finden wir endlich einen Mechaniker, der sich unseren Motor anschauen kann. Diagnose: Durch die starken Wellen, die das Boot von hinten getroffen haben, ist Wasser in den Auspuff gedrungen. Nach einem weiteren Ölwechsel können wir unsere Fahrt fortsetzen. Die Crew ist müde, aber wir müssen sofort los, wenn wir rechtzeitig in Dunkerque ankommen wollen. Wir sind bereits drei Tage im Rückstand und können unsere Ferien (leider) nicht verlängern. Also stechen wir wieder in See und segeln 30 Stunden am Stück. Zunächst erreichen wir Brighton (170 Meilen), wo wir ein paar Stunden schlafen, bevor wir mit dem nächsten Strömungswechsel in einem Zug nach Dunkerque segeln (110 Seemeilen). Die Kanalüberquerung zwischen Dover und Calais ist besonders heikel, denn dieser Seeweg gehört zu den meistbefahrenen Wasserstrassen der Welt. Containerschiffe und Fähren folgen einander in einem höllischen Rhythmus. Wir haben kein AIS und versuchen, gefährliche Situationen so gut wie möglich zu vermeiden, indem wir das Tempo drosseln oder unseren Kurs ändern. Nach drei Stunden höchster Anspannung sind wir endlich durch. Leider fliesst die Strömung jetzt in Gegenrichtung, sodass wir die letzte Strecke bis nach Dunkerque mit langsamen drei Knoten bewältigen.
Wir sind total erschöpft, aber überglücklich, dass wir unser Segelboot in den sicheren Hafen gebracht haben. Die Ainmara hat trotz ihres hohen Alters nie versagt. Im Gegenteil: Sie hat sich sogar als besonders solide erwiesen. Etwas haben wir auf der Überfahrt aber gelernt: Um eine solche Reise auch wirklich zu geniessen, sollte man doppelt so viel Zeit einplanen.