Justine Mettraux, Skipperin mit Leib und Seele

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Seit Justine Mettraux an der Mini- Transat 2013 den zweiten Platz geholt hat, verfolgt sie ihre Karriere als Hochseeseglerin zielstrebig und strategisch überlegt weiter. Nach einem Volvo Ocean Race und zwei guten Saisons in der Figaro-Szene, wo sie als dritte Frau in der Geschichte unter die Top 10 segelte, sowie einer Jacques Vabre auf einer Class40 will die Genferin aus Versoix 2020 an der Vendée Globe teilnehmen. Wird die Schweizer Vorzeigeseglerin die Hürden meistern und ihren grossen Traum wahrmachen?

Sie haben letztes Jahr bekanntgegeben, dass Sie eine Teilnahme an der Vendée Globe 2020 planen. Wie weit sind Sie mit Ihrem Projekt?

Mein Sponsor Teamwork und ich haben unsere Absicht geäussert, eine Kampagne für die Vendée Globe aufzuziehen, aber ein solches Vorhaben ist sehr zeitaufwendig und kostspielig. Zudem müssen wir ein Boot auftreiben. Für mich als Skipperin ist es schwierig, mich voll auf dieses Projekt zu konzentrieren und gleichzeitig den sportlichen Aspekt nicht zu vernachlässigen. Der hat aber für mich Priorität. Ich möchte weiter bei den Figaro und Class40 segeln.

Wir werden uns diesen Winter mit diesem Thema befassen und parallel dazu die nächste Figaro-Saison vorbereiten. Welches sind die grössten Schwierigkeiten beim Aufgleisen eines Vendée-Projekts?

Die Zeit zu finden, es umzusetzen! Wenn man sich richtig vorbereitet, um an einer stark besetzten Profitour wie der Figaro konkurrenzfähig zu sein, bleibt wenig Zeit für anderes. Auch braucht man dazu die richtigen Leute. Ich war überrascht, wie schnell die alten Boote nach der letzten Vendée verkauft waren. Es sind nur noch sehr wenige auf dem Markt. Die Sponsorensuche setzt ebenfalls enorm viel Aufwand voraus. Teamwork ist zwar bereit, mich zu unterstützen, wir brauchen aber einen Partner. Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diese Probleme gleichzeitig gelöst werden müssen. Ich habe mich bereits letzten Herbst und im Frühjahr auf die Suche nach möglichen Partnern gemacht, aber sobald die Figaro-Saison begonnen hatte, war ich damit zu 100% ausgelastet.

An der Vendée Globe nehmen Skipper teil, deren seglerischer Lebenslauf deutlich dünner ist als Ihrer. Sie selbst scheinen in Ihrer Karriere keinen wichtigen Schritt auszulassen. Was steckt hinter dieser Strategie?

Wenn man ein solides Vendée-Projekt aufbauen will, darf man nichts überstürzen. Ich möchte die Vendée zwar unbedingt segeln, aber wenn es nicht klappen sollte, bin ich auch mit einem starken, interessanten Figaro-Projekt zufrieden, bei dem ich mich steigern kann. Ich bin der Meinung, dass viele Segler heute viel zu schnell eine Vendée anstreben, weil sie medienwirk-sam ist und man dazu am ehesten das nötige Geld auftreiben kann. Man muss aber wissen, ob man ein guter Segler sein oder im Rampenlicht stehen will. Ich lasse mir bis Ende 2018, das heisst bis nach der Route du Rhum, Zeit. Dann werden die letzten Boote verkauft. Ich denke, das ist eine vernünftige Frist, damit ich mich richtig vorbereiten und qualifizieren kann.

Ist Ihr 7. Platz an der Solitaire Urgo Le Figaro als Background für eine Teilnahme an der Vendée Globe solide genug?

Die Solitaire war für mich eine wichtige Etappe. Ich habe das Gefühl, dass ich viel gelernt habe und durch den Kontakt mit erfahrenen Seglern grosse Fortschritte machen konnte. Im Figaro-Circuit ist das Niveau so hoch, dass man jahrelang dabeibleiben und sich an der Weltspitze der Hochseeseglerei halten kann. Dort ganz vorne mitzumischen setzt enorm viel Arbeit voraus. Es ist lange her, dass sich eine Frau an diesem Rennen unter den Top 10 klassieren konnte. Einhandsegeln scheint Ihnen am besten zu gefallen. Warum? Allein bekommen das Projektmanagement und die Eigenverantwortung eine viel grössere Bedeutung als im Team. Man steuert nicht nur das Boot, sondern muss sich daneben auch um alle anderen Aspekte wie die Navigation, die Wetterprognosen, die Strategie und die Einhaltung der Regeln kümmern. Das ist sehr lehrreich, verlangt aber mehr Einsatz als im Team. Einhandsegler können sich weniger erholen und kommen vor allem bei den Figaro schon mal an ihre Grenzen. Ich lerne mich selbst und die Reviere immer besser kennen.

Was halten Sie von der Entwicklung der Schweizer Offshore-Szene in den letzten Jahren?

Mit vier Schweizer Teilnehmern herrscht an der Mini eine gute Dynamik. Die Schweizer sind immer besser vertreten. Es wäre schön, wenn sich dieser Trend auch bei den Figaro einstellen würde. Leider handelt es sich aber systematisch um Einzelprojekte, die von den Seglern nur mit riesigem persönlichem Aufwand gestemmt werden können. Eine Hochseeausbildung wie in Frankreich, wo die Rennställe Crédit Mutuel und Macif Nachwuchsseglern beim Einstieg in die Offshore-Szene helfen und ihnen die dazu nötigen Mittel bereitstellen, gibt es in der Schweiz nicht. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass ein Sponsor ein Boot kauft und alle zwei Jahre eine Nachwuchshoffnung selektioniert, die auf dem Boot segeln darf und ausreichend Mittel erhält, um sich unter den besten Voraussetzung auf die Regatta vorzubereiten. Wenn man junge Segler auswählt, die sich schon bewährt haben, und für die richtigen Rahmenbedingungen sorgt, stehen die Chancen gut, dass ein solches System funktioniert.

Mangelt es der Solitaire Urgo Le Figaro verglichen mit anderen Hochseeregatten nicht etwas an Bekanntheit?

In der Schweiz ist die Solitaire Urgo Le Figaro leider nicht sehr bekannt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass keine andere Einhandtour ein so hohes Niveau aufweist. Wenigen ist bewusst, wie hoch die Anforderungen und wie hart umkämpft die Regatten sind. Dominique Wavre und Bernard Stamm haben die Solitaire absolviert, aber viele junge Segler überspringen diese Etappe, obwohl sie viel lernen könnten. Es braucht schon etwas Mut, die Solitaire zu segeln, denn die Ergebnisse stellen sich erst nach mehreren Jahren ein. Deshalb ist es auch so schwierig, das Projekt zu vermarkten und Sponsoren zu finden.

Sie sind eine Sportlerin mit Leib und Seele und leben im Hier und Jetzt. Ihre langfristige Planung gerät dabei manchmal in den Hintergrund. Stehen Sie dazu?

Das ist vielleicht meine Schwäche (lacht)! Möglicherweise macht es diese Einstellung für mich manchmal schwieriger, das nötige Geld aufzutreiben, aber ich habe das Gefühl, dass ich mit mir im Reinen bin und das mache, was mir am Segeln gefällt. Die Vendée muss für Segler das Höchste bleiben und darf nicht einfach nur ein banales Abenteuer sein. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem es sogar starken Seglern nicht mehr gelingt, das nötige Budget für eine Teilnahme aufzutreiben. Die Vendée gilt als Topevent der Hochseeregatten, aber das Niveau der Flotte spiegelt dieses Ansehen nicht wirklich wider. Deshalb fühle ich mich bei den Figaro auch so wohl. Und wenn ich mit meinem Vendée- Projekt scheitere, stimmt das für mich trotzdem.