Lady First

Die Kulisse ist schlichtweg traumhaft. Man könnte sich keinen schöneren Schauplatz für den Auftakt des iShares Cups wünschen als den von grünen Bergen umgebenen Luganersee. Dieser Meinung war auch Mark Turner (Offshore Challenge). Der Organisator der Europatour dislozierte seine Truppe kurzerhand von der Insel Wight in unser schönes Alpenland. Vom 30. Mai bis 1. Juni absolvierten neun Extreme40-Katamarane die vom Circolo Velico Lago di Lugano ausgelegten Regattaläufe. Launische Winde und der 300 m tiefe See, der das Verankern der Bojen erheblich erschwerte, machte den Organisatoren das Auslegen der Kurse nicht gerade einfach. „Wir sind hier um zu lernen. Am ersten Training in Valencia waren fünf Boote präsent, heute sind es deren neun. Das sollte uns eigentlich zeigen, wo wir stehen“, sagte Alinghi-Skipper Ed Baird kurz vor dem Start zur ersten Regatta. Ganz so ideal verlief der Lernprozess dann aber nicht. Der rot-weisse Kat kenterte gleich in der ersten Wettfahrt. Alinghi und Homaltro wurden mit voller Wucht von einer 30 Knoten starken Böe erfasst und stiegen beide hoch. Während das holländische Boot wie durch ein Wunder wieder „auf beiden Beinen“ landete, überschlug sich die Alinghi. Beim Aufrichten ging dann auch noch der Mast in die Brüche. Das Schweizer Team mit Pieter Van Nieuwenhuyzen (HOL), Lorenzo Mazza (ITA) und Rodney Ardern (NZL) brauchte einen ganzen Tag, um das Boot wieder fahrtüchtig zu machen. Fazit: drei letzte Plätze. Mit Ausnahme einer kleinen Lippenverletzung, die sich Taktiker Peter Evans (AUS) bei der Kenterung zuzog, kam zum Glück nur Material zu Schaden. Evans fuhr bei fast allen Läufen als „fünfter Mann“ an Bord der Alinghi mit. Seine Präsenz stimmte die anderen Teams ärgerlich. Am iShares Cup sind eigentlich nur teamfremde Personen als Gäste erlaubt und sie dürfen weder an den Entscheidungen noch bei den Manövern mitwirken. Trotz der scharfen Kritik hielt sich der unbelehrbare Schweizer Defender nicht an diese Regel und segelte weiter stur mit dem Taktiker an Bord.

Eine Wettfahrt mit Shirley Robertson

Auch Skippers war als Gast mit dabei, allerdings auf der JP Morgan. Deren Steuerfrau Shirley Robertson ist die Diskretion selbst. Grund hat sie dazu keinen. Zwei olympische Goldmedaillen auf Europe (Sydney) und Yngling (Athen) hat die junge Britin bereits auf ihrem Konto. Und auch sonst bringt sie eine Menge Erfahrung mit. Während ich es mir im Netz bequem machte, beobachtete ihr neuseeländischer Taktiker Chris Main den sich kräuselnden See. Da die Kurse kurz und die Boote schnell sind, kann der Start rennentscheidend sein. Mit wenigen Manövern positionierte Shirley Robertson den Kat ideal zur Linie. Sie ging als zweite über die Linie, machte Tempo und übernahm nach zwei guten Kreuzkursen die Führung. Das Team segelt bereits die zweite Saison miteinander und hat sichtlich Spass dabei. Ein Blick auf die Rangliste zeigt: Ihre positive Einstellung zahlt sich aus. An diesem Wochenende konnte die JP Morgan gleich fünf Laufsiege verbuchen und führt damit die Gesamtwertung souverän an.

Dynamische Regattaserie

Yvan Ravussin, der einzige Schweizer Teilnehmer an der Regattaserie, segelte als Söldner mit. Er trimmte die Vorsegel der iShares, dem Boot des gleichnamigen Hauptsponsors. „Ich glaube, dass es die einzige Profi-Regattaserie des Circuits ist. Sie ist dynamisch und vereint Topsegler aus dem olympischen Segeln, der Hochseeszene und dem America’s Cup. Das Boot wird unseren Ansprüchen gerecht: Es reagiert schnell, ist leicht im Handling, lang genug für die Geschwindigkeit und vielseitig. Vor allem aber lässt es sich leicht demontieren und transportieren“, lobt Ravussin. Die Extreme 40 wurden 2004 vom französischen Konstrukteur Yves Loday in Zusammenarbeit mit den Tornadoseglern Mitch Booth und Herbert Dercksen entworfen. Das grösste je in einem Autoklav hergestellte Schiff fährt ab 8 Knoten Wind auf einem Rumpf, bei glatter See und kräftigem Wind erreicht es Spitzen von 35 Knoten. Bei einer Verdrängung von 1300 kg weist das Grosssegel eine Fläche von 75 m2 und der Gennaker von 78 m2 auf. Das Boot wurde so konzipiert, dass es bei einer Kenterung sofort wieder aufgerichtet und noch am gleichen Wochenende wieder gesegelt werden kann. Der iShare Cup versteht sich auch an Land als „place to be“. Zweihundert Gäste pro Tag gaben sich im imposanten VIP-Bereich die Klinke in die Hand. Bei einem Interview, das uns Mark Turner letztes Jahr gegeben hatte, sagte er: „Es ist nicht unser Ziel die Anzahl Boote ständig zu erhöhen. Die Organisation von Anlässen mit über 10 Kats ist logistisch sehr kompliziert.“ In Lugano hat sich gezeigt, dass er mit dieser Einschätzung schon damals goldrichtig lag. Für Gesprächstoff sorgte auch Oracle. Das amerikanische Team wird nicht an der Tour 2008 teilnehmen. Wir haben telefonisch nach den Gründen gefragt. Man wolle sich auf den America’s Cup konzentrieren, lautete die Antwort. Mit Ausnahme ihrer Präsenz bei den RC 44 (Russell Coutts’ Einheitsklasse) hat sich Oracle aus allen anderen Regattaserien zurückgezogen (iShares Cup, Audi Med Cup). Ein direktes Aufeinandertreffen zwischen Alinghi und Oracle im Vorfeld des America’s Cups – eine Probe für den Ernstfall sozusagen – wird es also nicht geben.