Klassikyachten sterben nie

Sie duften herrlich nach Holz und Lack, haben im Lauf der Jahre eine wunderschöne Patina angesetzt und tragen majestätisch ihr Rigg zur Schau. Oldtimerboote, die auf unseren Seen und auch jenseits unserer Grenzen noch immer stolz ihre Bahnen ziehen, erkennt man auf den ersten Blick. Das Gewicht der Jahre hat ihrer antiken Schönheit keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Yawls, Drachen, Toucans, Stars, 6mRs… Sie alle stehen für eine andere Epoche, beschwören Träume von einer Zeit herauf, in der Schiffsbau noch ein Kunsthandwerk war, das Ergebnis einer aussergewöhnlichen Tischlerarbeit und anspruchsvoller Pläne mit der Handschrift eines Nicholson oder Fife, um nur die Berühmtsten zu nennen.
In den frühen Sechzigern waren die klassischen Yachten etwas in Vergessenheit geraten, bevor sie vor zwanzig Jahren langsam wieder aus der Versenkung geholt wurden. Ihre Rehabilitation wird allerdings noch einige Zeit dauern. Auf dem Genfersee machen die Holzboote nur gerade 7% aus. “ Es sind enorm viele klassische Schiffe verloren gegangen ”, bestätigt Roger Staub. Der Präsident des Schweizer Segelverbands hegt eine grosse Leidenschaft für Oldtimerboote. “ Da sie nicht gepegt wurden, verkamen viele Schiffe zu Wracks. Inzwischen hat sich jedoch ein Sinneswandel vollzogen. Immer mehr Segelfans interessieren sich für die Restaurierung der unterschiedlichsten alten Boote ”, stellt er erfreut fest. Die Leidenschaft für alte Boote beschränkt sich nicht auf einen bestimmten Typ Mensch. Liebhaber schöner Dinge, Technikfreaks, Investoren, Sammler, Bastler usw. – sie alle sorgen dafür, dass der Wind die alten Segel noch immer bläht. Zum Liebhaber klassischer Yachten wird man aus verschiedenen Gründen, einer steht aber stets im Vordergrund: Mit der Restauration wird ein nautisches Erbe erhalten, an das viele Träume und vergangener Ruhm geknüpft sind.

“Ein Stück Schifffahrtsgeschichte retten”

Die Restaurierung eines alten Bootes ist jedoch oft mit vielen Hindernissen verbunden. Es reicht bei weitem nicht, das richtige Boot zu finden. Man sollte sich unbedingt im Klaren sein, wie viel Zeit oder Geld oder beides man in das Projekt stecken muss. Roger Staub, auch Vizepräsident des Oldtimer Boot Club Zürichsee*, meint dazu: “ Die Leidenschaft für klassische Boote setzt nicht unbedingt einen dicken Geldbeutel voraus. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Eigner alter Boote vor allem Enthusiasten sind, die enorm viel Leidenschaft in ihr Hobbystecken. ” Eine Leidenschaft, die zum Traum wird, wenn das Boot die Werft oder die heimische Garage verlässt. Das erlebte auch der Deutsche Josef Martin. Geduldig hatte er fünf lange Jahre gewartet, bis seine 12-Meter-Yacht aus dem Jahr 1928 im September 2009 endlich wie neu vom Stapel lief und auf dem Bodensee dahinglitt. Ein emotionaler Augenblick für den Eigner und auch für die Handwerker, die das Boot mit viel Liebe restauriert haben. Ganze 15 Angestellte haben sich mit der Renovation beschäftigt, jeder arbeitete an einem ganz speziellen Teil des Schiffes.

Einige besonders betuchte Privatpersonen oder bestimmte Verbände investieren aus Imagegründen riesige Summen in langwierige und kostspielige Renovationen. Diese werden dann allerdings vollumfänglich von spezialisierten Werften übernommen. Zu den berühmtesten Vertretern dieser Sorte Bootsliebhaber gehört sicher die Familie Rothschild. Sie verbindet ihren Namen seit über 100 Jahren mit dem der Gitana. Wer am Genfersee erinnert sich nicht an die 6-Meter-Yacht Gitana Senior, eine Sparkman & Stephens aus dem Jahr 1981, die in der Segelwelt schon bald den Übernamen “ Das Piano ” erhielt?

Ein weiteres illustres Beispiel ist die Luxusfuuhrenschmiede Panerai, die auch als Titelsponsor bei der Panerai Classic Yachts Challenge mitwirkt. 2007 griff sie tief in die Tasche, um den völlig verrotteten Zweimaster Eilean zu retten. Die 22-Meter-Ketsch war 1936 nach Plänen von Fife gefertigt worden. Obwohl Panerai-Chef Angelo Bonati sie von A bis Z von einer spezialisierten Werft fachgerecht restaurieren liess, musste auch er viel Geduld an den Tag legen: “ Als erstes sollte man sich die Frage stellen, ob man tatsächlich Zeit für ein solches Unterfangen hat. Man muss enorm viel Geduld haben, um das Projekt zu Ende zu bringen. Ich persönlich verbringe fast alle meine Wochenenden in der Werft, wo ich nach dem Stand der Arbeiten sehe. ” Allein die Beschaffung der Risse, die in einem schottischen Museum aufbewahrt werden, dauerte über drei Monate. Genauso viel Zeit nahmen die historischen Recherchen und die Lektüre der unzähligen Dokumente über die dekorativen Details in Anspruch. “ Es ist hochspannend, aber man muss sowohl zeitliche als auch finanzielle Opfer bringen ”, führt Angelo Bonati fort. “ Doch wenn man berücksichtigt, dass man dazu beiträgt, ein wichtiges Stück Schifffahrtsgeschichte zu retten, ist es die Sache wert. ” Philippe Durr, Besitzer der gleichnamigen Werft in Versoix (GE), teilt diese Ansicht. Er liebt alte Boote und restauriert alles, was ihm zwischen die Finger kommt. “ Alles, was man irgendwie bekommen oder kaufen kann, ist gut zu nehmen. Man muss wirklich versuchen diese Schönheiten zu retten ”, sagt er. Auch wenn die Restauration noch so langwierig ist. In einigen Einheiten stecken 2000 Arbeitsstunden. Deshalb kann auch eine Werft wie die von Philippe Durr nicht mehr als ein, zwei Boote pro Jahr restaurieren.
Hoher Zeitaufwand
Klassikyachten stehen jedoch nicht unbedingt für “ Bling Bling ”. Bilder von Pfeife rauchenden Gentlemen im fein geschnittenen Anzug, die mit einer Hand lässig das Steuer ihrer Yacht halten, sind Klischee, mit der Realität haben sie wenig zu tun. Die Begeisterung für Oldtimerboote ist in erster Linie eine Sache der Leidenschaft. Das Alter oder die soziale Schicht spielen da kaum eine Rolle. Etliche Liebhaber alter Boote, die über die nötige Fachkenntnis verfügen und etwas vom Basteln verstehen, ziehen es vor, viel Zeit zu investieren, statt ihr ganzes Geld auszugeben. Hinzu kommt, dass spezialisierte Werften mit freien Kapazitäten nur schwer aufzutreiben sind.

Echte Liebhaber beteiligen sich also lieber selbst an den verschiedenen Projektphasen. So auch Arnaud L’Huillier, der Miteigner eines 1963 in Seattle gebauten Starboots mit Gaffelrigg, das an der Nioulargue unter anderem unter Tabarly und auch an der Weltmeisterschaft von 1966 glorreiche Stunden erlebt hat. Seit mehreren Monaten restauriert Arnaud L’Huillier in einem Keller unter der fachkundigen Beratung der Handwerker aus der Werft Philipp Durr geduldig seine Pacha Rouge. Je-den Abend, jedes Wochenende verbringt er mit der Renovation. Stundenlang schleift und lackiert er das Holz und sucht nach Beschlägen. “ Es ist sehr schwierig, in Europa Beschläge für eine solch kleine Einheit zu finden. Einige musste ich sogar massanfertigen lassen ”, bemerkt er. Der 24-Jährige macht seine Arbeit mit viel Geschick und Beharrlichkeit, obwohl er nach eigenen Worten weder ein Bastler noch geduldig ist.

Also ist es auch bei ihm eher eine Frage der Leidenschaft. Jene Leidenschaft, die den schwimmenden Relikten noch immer genauso anhaftet wie die Träume, die Freiheitsliebe und der Abenteuergeist. Und sie verhindert, dass die Oldtimer in Vergessenheit geraten.