Matt Mitchell

America’s Cup 2003, Auckland. Das erste Duell zwischen dem Defender Team New Zealand und dem Challenger Alinghi ist von heftigen Winden geprägt. Es endet mit einem Desaster für die Titelverteidiger. Das schwarze Boot ist trotz des laut verkündeten architektonischen Wunderwerks “Hula” technisch nicht auf der Höhe. Im Heck der Kiwi-Yacht müht sich ein Crewmitglied verzweifelt ab, mit einem Plastikeimer Wasser zu schöpfen. Schliesslich gibt es entmutigt auf, lässt den Kübel fallen und zuckt resigniert mit den Schultern. Millionen Fernsehzuschauer verfolgen die Szene live mit. Mit diesem “ridiculous” Bild hat Matt Mitchell ungewollt die Geschichte des 31. America’s Cup geprägt. Er hat sich fest vorgenommen, dieses Image mit der 32. Kampagne wieder zurechtzurücken und den “Match” im Juni 2007 zusammen mit Alinghi zu gewinnen. Als wir ihn in der Basis von Darsena Interior interviewten, sagte der Vater zweier kleiner Jungen, dass er sich in seinem neuen Team sehr wohl fühle.

Seine vierte Kampagne segelt der 33-Jährige als Mid-Bowman im berühmten Sailing Team. Die Segelcrew ist die Spitze des Eisbergs Alinghi. In den vier Jahren, die zwischen den beiden America’s Cups liegen, setzt sich das gesamte Team dafür ein, dass die 17 Mann an Bord im entscheidenden Moment punkten. Dazu trainiert Matt das Hissen und Einholen der Grosssegel und Spinnaker. An Land ist er für das stehende Gut, d.h. für alle festen Teile der Takelage (Maste, Wanten, Salinge) verantwortlich. Obwohl “wir uns dank der Qualität der Shore Crew hauptsächlich auf das Segeln konzentrieren können”, werden einige Wartungsarbeiten dennoch von den Mitgliedern des Sailing Teams ausgeführt. Auf diese Weise verlieren sie den Kontakt mit der Materie nicht.

Auch die Kommunikation mit den Yachtdesignern nimmt einen hohen Stellenwert ein. “Zwischen den Seglern und dem Design Team läuft ein ständiger Evaluationsprozess. Wir tauschen uns oft mit den Architekten aus und machen auf die Probleme aufmerksam. Manchmal müssen wir ein paar Ruhetage einlegen, um die beste Lösung zu finden. Die Architekten des Design Teams wiederum segeln an Bord mit, damit sie sich in situ über die möglichen Verbesserungen ein Bild machen können.”

Für Matt Mitchell kommt es nicht in Frage, sich auf den bautechnischen Erfolgen des letzten Cups auszuruhen. “Auf einem Boot gibt es immer irgendetwas zu verbessern. Die Materialien entwickeln sich von Cup zu Cup weiter. Man kann immer noch schneller werden.”

Da die Segler bei den Medien immer gefragter werden, kümmert sich der Sektor Marketing und Kommunikation um ihren Terminplan und achtet darauf, dass niemand zu kurz kommt. “Dadurch können wir uns voll und ganz auf unsere sportliche Aufgabe konzentrieren.”

Der Teamwechsel und die Tatsache, dass er nicht mehr in den Farben seiner Heimat segelt, bereiten dem gebürtigen Neuseeländer kein Kopfzerbrechen. “1995 stiess ich unter australischer Flagge zum Cup.” Mit 23 Jahren wurde er vom Team One Australia als Reserve-Bugmann verpflichtet. Als sich der zweite Bugmann verletzte, kam Matt Mitchell zum Zug. Er segelte 13 Läufe und kam mit seinem Team bis ins Halbfinale des Louis Vuitton Cups. “Es war gut, dass ich das neuseeländische Team als Aussenstehender beim Segeln beobachten konnte”, meint Mitchell. Wenig später nahm ihn Peter Blakes Team New Zealand unter Vertrag und Matt feierte ein herrliches Comeback in den Farben seines Landes. “Die Verteidigung 2000 war grossartig”, erinnert sich der Neuseeländer.

Bei der darauffolgenden Kampagne machte Alinghi dem Kiwi-Boot dann aber einen Strich durch die Rechnung. “Nach den Ereignissen von 2003 wollte ich etwas anderes sehen. Es interessierte mich, mit den Kiwis der Schweizer Yacht zu arbeiten. Mit ihnen lerne ich viel dazu. Der Unterschied zu meinen früheren Erfahrungen ist enorm und das Arbeitsklima locker. Es gab also genügend gute Gründe für einen Wechsel.”

Als Jugendlicher war Matt ein leidenschaftlicher Rugbyspieler. Da er jedoch zu schmächtig war, um dem Aufprall im Gedränge standzuhalten, wechselte er den Sport. Mit dem Segeln hatte er bereits im Alter von fünf Jahren begonnen, denn sein Vater nahm ihn in seiner Jolle mit. Später bastelte er Modellboote und schliesslich sogar seine erste richtige Segelyacht. Matt Mitchell ist ein Fan von Russell Coutts, Lance Amstrong, Tiger Woods und Michael Jordan. Er liebt Sportler, die ihre Disziplin dominieren. Er mag auch die Musik von U2, den australischen Blues-Rock von Powder Finger und gegrillte Steaks.

Durchhaltewillen ist seine grösste Qualität. “Ich ziehe es vor, während ein paar Stunden alles zu geben und danach nach Hause zu gehen. Ich mag es, wenn es körperlich und mental zur Sache geht.” Die restliche Zeit verbringt er mit seiner Familie. Und obwohl er den Cup liebt, “weil er ein Sammelpunkt unglaublicher Fähigkeiten ist”, stellt er sich nach jeder Kampagne wieder auf seine eigenen Füsse. “Meistens nehme ich einen Sechsmonatejob an Land an, damit ich wieder Boden gewinne und am wirklichen Leben anknüpfen kann.” Matt Mitchell hat sich im America’s Cup Zirkus einen Namen gemacht, dennoch hat er keine Starallüren. Er weiss, dass ein Sieg in erster Linie eine Teamangelegenheit ist.