Segelschule Les Glénans: Segeln lernen im bretonischen Winter

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Fotos : Quentin Mayerat

Nächstes Jahr feiert die berühmte französische Segelschule Les Glénans ihren 70. Geburtstag. Sie hat seit ihrer Gründungfast eine halbe Million Schüler ausgebildet und beschäftigt heute über 1000 Lehrer. 80 Prozent davon arbeiten ehrenamtlich.

Getreu dem Motto „Segeln für alle“ ist der Verein Les Glénans auch bei den Schweizern, die den Sprung vom See ins grosse Bad wagen möchten, eine beliebte Anlaufstelle. Er bietet ein komplettes Ausbildungsprogramm an, das von der Grundausbildung bis zu Berufsabschlüssen reicht. Ich habe die Gelegenheit genutzt und ein Winterpraktikum in Paimpol absolviert. So viel zum Voraus: Man muss ganz schön tough sein für ein solches Experiment.

Ausbildung im Schnellverfahren

Skippers62_FR_web-1240„Das Steuer ist nicht deine Schwester. Sei nicht so zimperlich, pack richtig an!“, befiehlt Segellehrer Moritz einem Schüler, der eine Wende etwas allzu zögerlich angeht. Das also erwartet mich. Erster Tag auf dem Meer: Wir verlassen die Bucht von Paimpol und segeln in Richtung Saint-Quay- Portrieux. Wir sind zu sechst auf einer Salona 34. Gestern erst haben wir Bekanntschaft geschlossen und werden jetzt eine intensive Segelwoche zusammen verbringen. Die beissende Kälte ist schon nach wenigen Minuten durch unser Ölzeug gekrochen. Kein Grund zu jammern, schliesslich sind wir nicht auf einem Wellness-Törn und die Crew soll sich so schnell wie möglich an die raue See gewöhnen. Das Revier ist anspruchsvoll, vor allem in dieser Jahreszeit. Labyrinthartig angeordnete Inseln und Felsen, Untiefen und ein Tidenhub von bis zu zwölf Metern wirken zusätzlich erschwerend. Aber auch das wussten wir. Wir befinden uns nicht auf dem Mittelmeer und schon gar nicht auf dem Genfersee. Für Moritz ist dieses Gefühl nicht neu. Der gebürtige Waadtländer und Wahlbretone kennt das Meer und versucht, seine Schützlinge auf seine ganz eigene, ruppige, aber wirksame Art bestmöglich darauf vorzubereiten. Der zweite Tag zeigt, wie recht er damit hat. Schon bei der Hafenausfahrt setzt ein Gegenwind Stärke 7 zwischen dem Kap und den Felsen von Saint-Quai einen Grossteil der Novizen ausser Gefecht. Sie sind offenbar noch nicht seefest. Doch was soll’s. Solidarität ist ein fester Wert des „Glénans-Geistes“: Man leidet zusammen, löst sich ab, ermutigt einander und hilft sich.

Sicherheit über alles

Egal, wie schwierig die Bedingungen auch sind, die Sicherheit steht immer an oberster Stelle. Diese überlebenswichtige Regel wird uns regelrecht eingetrichtert. Sie sei das A und O des Ausbildungskonzepts, erklärt Thibault Lecompte, der Chef der Basis von Paimpol. „Bei uns ist die Sicherheit in allen Bereichen zentral, beim Leben an Bord, der Verwendung des Materials, der Umwelt, dem frühzeitigen Reagieren auf Wetterumschwünge und bei den Manövern. Wir sorgen dafür, dass sich alle daran halten, denn nur ein lebender Segler ist auch ein guter Segler.“

Im Land der Rumpföffner

Skippers62_FR_web-1242 Wetterbedingt reicht unser heutiges Segelrevier von Tréguier an der Jaudy-Mündung bis nach Paimpol und Saint-Quay-Portrieux. Moritz erzählt uns, dass in dieser Region die „Association des Plaisanciers Ouvreurs de Coques“ – übersetzt in etwa „Fahrtenseglerverein der Rumpföffner“ – sein Unwesen treibt. Er verleiht jedes Jahr die nicht ganz ernst gemeinte Trophäe der goldenen Ferse („Talon d’or“) an den Urheber der schönsten Strandung. Wir sind gewarnt und doppelt achtsam. Die von der Schule vorgeschriebene Kartennavigation erhält einen besonderen Reiz. Eine falsche Peilung, eine Unaufmerksamkeit, eine schlecht gelesene Signalisierung und wir kollidieren mit einem Felsen. Das Revier ist unglaublich komplex und wir müssen den Kurs immer wieder minutiös anpassen und uns an den Gezeiten, den Logrechnungen und den Seemarken, die die Kanaleinfahrten anzeigen, orientieren. Wir merken schnell, dass man besser vorausschauend segelt als unter Zeitdruck improvisiert.

Skippers62_FR_web-1241Die uns eher feindlich gesinnte Natur in dieser Region ist faszinierend. Auf mehreren hundert Inseln ragen scheinbar stoisch Leuchttürme in den Himmel. Die junge GPS-Generation kann sich wohl nur schwer vorstellen, wie ihre Vorgänger vor gar nicht mal so langer Zeit nur anhand der Leuchtturmlichter den Weg in den Hafen finden konnten. Auch das bretonische Wetter, das zu Unrecht als grau und regnerisch bezeichnet wird, ist etwas ganz Besonderes. Es ändert jeden Tag etliche Male und taucht die Landschaft in immer andere Farbtöne und Lichtverhältnisse. Ein Spektakel, das einem fast die türkisfarbenen Lagunen der Tropen vergessen lässt. Wenn sich dann noch neckische Delfine dazugesellen, muss man dem Charme der Bretagne einfach erliegen – im Winter wie im Sommer. Zurück im Hafen wird in der Kneipe das Glas gehoben: Yec’hed mat! „Gesundheit“ auf Bretonisch.


Der „Glénans-Geist“

Gibt es ihn wirklich, den vielbesagten Glénans-Geist? Die Erfahrungen in der Schule lassen sich auf jeden Fall nicht nur auf das Segeln reduzieren. Die Stimmung in der Basis, die Kameradschaft und die jedes Jahr wiederkehrenden Praktikanten sorgen für ein spezielles, nur schwer zu fassendes Erlebnis. Gegründet wurde Les Glénans 1947, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, mit dem Ziel, die früheren Widerstandskämpfer und Deportierten bei ihrer Rückkehr ins Zivilleben zu begleiten. Segeln war damals nur eine von mehreren Tätigkeiten, entwickelte sich aber schon bald zur Hauptaktivität des Vereins. 70 Jahre später ist Les Glénans die führende Segelschule Europas, hat mehrere Hunderttausend Schüler ausgebildet und erzielt einen Umsatz von 10 Millionen Euro pro Jahr. Trotz des rasanten Wachstums ist die Struktur ihren ursprünglichen Grundsätzen treu geblieben. Noch immer wird die Segelschule als Verband mit sozialem Zweck geführt, wo man auch lernt zu teilen und zusammenzuleben. „80 Prozent unserer Lehrer arbeiten unentgeltlich“, sagt Thibault Lecomte, der Chef der Basis in Paimpol. „In der Regel tritt man als Praktikant in Les Glénans ein und gibt später als Ehrenamtlicher etwas an die Schule zurück. Gleichzeitig klettert man so die Stufen hoch. Manche lassen sich zum Lehrer ausbilden oder sind in noch höheren Funktionen tätig.“ Lecomte hat einst sein Biologiestudium geschmissen, um sich voll und ganz den Glénans zu widmen. Er hat dort eine Ausbildung absolviert, einen Abschluss gemacht und übt heute einen Beruf mit direktem Bezug zum Meer aus, der ihn glücklich macht.