Nils Frei macht Tempo.

„Ich bin ein waschechter Bieler.“ Vorsegeltrimmer Nils Frei stammt aus Vingelz und liebt dieses Kaff, wie er betont. Auf der Terrasse der Alinghi-Basis in Valencia steht er uns bereitwillig Rede und Antwort. Die Segel der Class America wurden gereinigt und in der gigantischen Segelmacherei verstaut. Ein sanfter, mediterraner Thermikwind wirbelt die dunkelblonden Locken des 33-jährigen Familienvaters auf. Direkt unter uns machen sich einige Mitglieder der Shore Crew noch immer an der SUI75 zu schaffen. Die Schweizer Yacht hat zwei Stunden zuvor im Halbfinal des Act 12 einen Sieg davongetragen. Spanien ist gerade aus der Siesta erwacht und bereitet sich auf einen dieser Abende vor, wie nur Iberer sie zu leben wissen. Die herrschende Stimmung löst die Zungen.

„Sicher sind zwei America’s Cup Teilnahmen eine wertvolle Erfahrung, aber bei Alinghi liegt das Durchschnittsalter bei 39-40 Jahren. Einige der Männer bestreiten bereits ihren sechsten Cup. Ich muss noch viel lernen“, meint Nils. Und doch hat er bereits einen verantwortungsvollen Posten inne. Von ihm hängt das Tempo der Yacht ab. Sein Know-how ist für Alinghi, was die Kohle für die Dampflok – ein unentbehrlicher Treibstoff. Beim Spi-Trimmen steht Nils in ständigem Kontakt mit dem Steuermann. „Ich informiere ihn über den Druck, den ich im Segel spüre, damit er den Kurs je nach meinen Angaben anpassen kann.“ Auf Amwindkursen muss der Genuaholepunkt mit der Hydraulikpumpe eingestellt werden.

Auch beim Vorstart spielt der Trimmer eine wichtige Rolle. „Da die Ruder der Class America nur wenig Auftrieb haben, nützen sie bei weniger als zwei Knoten nicht viel. Bei so geringer Geschwindigkeit können einzig die Segel das Schiff wenden.“ Wenn die Yacht beim Dial-up wieder in Fahrt kommen muss, ist der Trimmer deshalb entscheidend.

Im Rennen hat der Trimmer meist die Aufgabe, die „gutgemachte Geschwindigkeit“ (VMG), d.h. die Geschwindigkeit, mit der man sich einem Ziel nähert, zu finden. Es kommt aber auch vor, dass er sich in den Dienst des Taktikers stellt. „Der Kurs im Verhältnis zu dem des Gegners zwingt die Yacht zuweilen, in anderen Winkeln als dem maximalen VMG zu segeln. Der Taktiker gibt dem Steuermann den Kurs vor. Dieser teilt dem Trimmer, der die Anweisungen strikt befolgen muss, die Kursänderungen mit.“

Wenn der Segeltag zu Ende ist, wird das Erlebte durchgesprochen. Obwohl zur genauen Analyse Instrumente zur Verfügung stehen, tauschen sich die vier Trimmer daneben oft auch informell aus. „François und Virginie Niveleau haben ein Sail-Vision-Computerprogramm erstellt. Wir wenden viel Zeit dafür auf, uns Segelfotos auf dem Computer anzusehen.“ Als Mitglied der Sail Group nimmt Nils auch an den Zusammenkünften mit den Segelmachern teil. „Wir versuchen, den Segelmachern unser Feeling an den Segeln zu vermitteln. Unsere Angaben beeinflussen das Segelprogramm und die technologischen Entwicklungen.“ Im Lauf einer Kampagne stellt Alinghi mehrere hundert Segel her. Allein schon die Anzahl Verbesserungen am Spinnaker Code 2 ist eindrücklich. „Wir sind bereits an der zehnten Generation“, präzisiert Nils. Er ist sich zwar nicht sicher, ob er die Einstellungen sämtlicher Segel auswendig kennt, aber die Segel, die das Team an Regatten verwendet, kann er mit geschlossenen Augen trimmen.

Wenn er nicht an Bord der Class America steht, segelt er mit dem ISAF Match Racing Team von Alinghi. Zusammen mit Jochen Schümann oder Ed Baird bestreitet er die Grade One, die am stärksten besetzten Wettkämpfe des weltweiten Match-Race-Zirkus. „Sie sind für mich sehr wichtig, denn dabei kann ich die Kommunikation mit den Seglern der Afterguard trainieren. Ich lerne viel über Match-Race-Szenarien und die Reflexe in heiklen Situationen.“ An den Juni-Wochenenden wird zudem auf dem Katamaran Alinghi gesegelt. Die Décision 35 bestreitet die Genferseeregatten der Challenge Julius Bär. „Ich mag Multis. Früher segelte ich zum Vergnügen in der Class A. Es war wirklich fun!“

Aufgrund seiner Zweisprachigkeit ist Nils Frei das ideale Teammitglied für die Promotionstouren. In Zusammenarbeit mit dem Marcom (Marketing und Kommunikation) bereitet er seine Konferenzen vor und ist regelmässig an der Alinghi Road Show anzutreffen.

Die wenige Zeit, die ihm bei dem vollen Programm bleibt, widmet der junge Vater ganz seiner Familie. „Sie hat meine sportlichen Hobbies nach und nach abgelöst“, sagt Frei. Windsurfen, Snowboarden und Skifahren nehmen etwas weniger Platz ein als früher, bleiben aber trotzdem seine Leidenschaften. Vielleicht werden seine Kinder ja später einmal in seine Fussstapfen treten? Seine Karriere begann mit Jollensegeln (Optimist, 420, 470, 49er), vier Tour de France à la Voile, davon zwei mit dem Genfer Centre d’Entraînement à la Régate, und einem ersten Kontakt mit den „Cuppern“ im Jahr 1997 unter der Flagge des Challengers Fast 2000.