Wenn Klassikeryachten Generationen überdauern

Es ist wie beim Stafettenlauf: Der Stab, der in diesem Fall leidenschaftliche Begeisterung, eine Vorliebe für die majestätische Ästhetik alter Rümpfe und ein Faible für den unverkennbaren Duft von Lack und warmem Holz in sich vereint, wird sorgfältig weitergegeben. Doch nicht jeder bringt die erforderliche Langatmigkeit und die nötigen Mittel auf, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Wer den Fortbestand eines Oldtimer-Bootes sichern will, muss eine phänomenale Energie an den Tag legen. Alle, die wissen, wie lange und kostspielig die Renovation eines Schiffes sein kann, überlegen es sich genau, bevor sie sich in ein solches Abenteuer stürzen. Diejenigen, die den Stab dann doch übernehmen, haben meistens wunderschöne alte Boote geerbt, die bereitwillig Geschichten von vergangenen Glanzzeiten erzählen, sofern man sich die Mühe macht, etwas zu stöbern. Ganz zu schweigen von der Genugtuung, die sie beim gedanken erfüllt, die Zeugen der Segelgeschichte nicht einfach der Vergessenheit preisgegeben zu haben.

Verliebt in ein Boot
Am Genfersee bekommt man rührende und spannende Geschichten über die Weitergabe des Segelerbes erzählt. Wie die der Nausicaa, einer 6,5-Meter-Yacht aus dem Jahr 1934. Sie wurde im Auftrag eines gewissen Delesvaux von Tore Holm in Schweden gebaut und erlebte unter ihrem Erstnamen Isbana eine glorreiche Zeit auf dem Genfersee. Am Steuer stand damals der charismatische Louis Noverraz. Er hatte den Bootskonstrukteur entscheidend beeinflusst, denn er wollte ein Boot, das beim Thermikwind „Séchard“ schnell, schwer und kräftig war. 1945 wurde die Isbana an André Mercier übergeben, der sie fortan Nausicaa nannte. Merciers Übername „Papy“ weckt bei allen, die ihm an einer der 40 von ihm bestrittenen Bol d’Or oder an einer anderen Regatta begegnet sind, unvergessliche Erinnerungen. „Mein Vater war in das Boot verliebt“, erzählt sein Sohn Pierre Mercier. Nach seinem Tod wollten es meine Schwester, meine beiden Brüder und ich behalten und restaurieren lassen. Wir waren wie besessen von dem Gedanken, das Überleben der Yacht zu sichern.“ Pierre Mercier ist heute selbst 70 Jahre alt und musste sich deshalb seinerseits Gedanken über einen Nachfolger machen. Da in der Familie niemand Interesse bekundete, dachten die Merciers an Philippe Durr. Wie es der Zufall so wollte, schaute sich Pierre Mercier eine Westschweizer Fernsehsendung an, die der Renovation der Ballerina 4 durch Philippe Durr gewidmet war. Durr geniesst im Genferseeraum auf dem Gebiet der Restauration von Klassikeryachten einen kaum zu toppenden Ruf. In dem Moment, in dem Pierre Mercier ihn am Fernsehen sah, wusste er, was zu tun war, um der Nausicaa ein langes Leben zu sichern: „Philippe sprach mit so viel Gefühl und Respekt von der Ballerina 4, als wäre sie ein Kunstwerk. Ich wusste nicht, dass er nicht nur ein begnadeter Segler ist, sondern auch eine so wichtige Rolle auf dem Gebiet des goldenen Zeitalters eleganter Rümpfe spielt. Letztes Jahr haben wir Philippe gefragt, ob er die Nausicaa übernehmen wolle und er war einverstanden. Seine Zusage ist eine fantastische Hommage an das Boot.“ Philippe Durr: „Es war unmöglich, ein solches Geschenk abzulehnen. Welch eine Ehre, ein Boot zu bekommen, das nach den Wünschen von Louis Noverraz gebaut wurde. Als ich noch jung war, war er mein Vorbild!“

„Eine Werkstatt muss nach Holz riechen“
Viele Boote gehen verloren, weil sie nicht gepflegt werden. Viele überleben aber auch mehrere Generationen. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Familiengeschichte. Wie man ein Familienhaus vererbt, so gibt man auch ein Boot weiter. Man möchte die Rümpfe aus einer anderen Zeit am Leben erhalten. Thierry Plojoux hat von seinem Vater viel mehr als nur ein Boot bekommen. Es war eine ganze Werft. Dieses Jahr feiert das Unternehmen in Corsier Port am Genfersee sein 100-jähriges Bestehen. Der gelernte Kaufmann vertritt bereits die vierte Generation an der Spitze der Westschweizer Institution, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Motorbooten einen Namen gemacht hat. Die Führung eines solchen Unternehmens anzutreten, war gar nicht so einfach. „Ich kannte mich nicht wirklich aus“, gesteht er. „Aber wenn man das Glück hat, so etwas zu erben, muss man sich so gut wie möglich darum kümmern.“ Als er die Werft 2002 übernahm, war sie hauptsächlich als Trockenmarina und in der Bootswartung tätig. Für Thierry Plojoux war das nicht befriedigend. Er wollte dem Standort wieder zu verdientem Ansehen verhelfen. „Ich wollte das Werk meines Vaters weiterführen und zu einem echten Know-how im Bereich der Renovation zurückfinden. Jedes Jahr restaurieren wir mindestens ein Motor- oder Segelboot. Ich mache das aus Leidenschaft. Eine Werkstatt muss nach Holz riechen, auch dann, wenn sie nicht von solchen Projekten lebt, wie das bei uns der Fall ist.“ Die Mundpropaganda funktioniert auf jeden Fall bestens. Nicht selten melden sich Eigner von Booten aus der Werft Corsier Port bei Thierry Plojoux, weil sie ein Boot verkaufen, schenken oder restaurieren lassen möchten. Vor einigen Jahren hat die Werft das 1919 in Corsier Port gebaute Motorboot Ida erworben. Es wurde als Wrack von einem englischen Paar an einem Strassenrand entdeckt und vollständig restauriert. Solche Geschichten kennt Thierry Plojoux haufenweise. Auch er liess sich anstecken und restauriert nun sein eigenes Boot, eine 8-Meter-Yacht mit Gaffelsegeln aus dem Jahr 1911. Er hat die Taifun zusammen mit einem Freund vor zwei Jahren gekauft und bringt sie seither in seiner Werkstatt in Corsier Port mit viel Aufwand auf Vordermann. „Es ist langwierig und kostspielig, trägt aber zum Erhalt des Segelerbes bei. Es wäre schade, wenn solche Boote verschwinden würden“, sagt er.
Ein verstümmeltes Boot
Dessen ist sich auch Christian Niels bewusst. Er hat die Herausforderung angenommen, die Mariska zu renovieren. Das edle Stück ist die zweite 1908 von William Fife entworfene 15-Meter-Yacht. Das Boot hat Seltenheitswert, denn inklusive der 1912 eingewasserten The Lady Anne sind auf dem Mittelmeer nur noch vier 15-Meter-Yachten beheimatet. Nach ihrer erfolgreichen Regattazeit von 1908-1923 wurde die Mariska in eine Yawl und schliesslich in ein Fahrtenboot umgewandelt. Viele Segelliebhaber liebäugelten mit dem Oldtimer, gekauft hat ihn im Jahr 2006 schliesslich Christian Niels. „Im Nachhinein habe ich geglaubt, dass man mich übers Ohr gehauen hat. Ich hatte mich sogar gefragt, ob das Boot überhaupt schwimmt oder ob es auf Grund liegt. Es sah eher aus wie ein Lastkahn als wie ein Segelboot, auf jeden Fall nicht so wie eine Fife-Yacht“, erinnert sich Niels. Bei der Restauration ging es erst einmal darum, das verstümmelte Boot wieder vermessungskonform zu machen. Darum kümmerten sich Marc Pajot und die Designer Jacques und Nicolas Fauroux in Absprache mit dem Eigner. Zweieinhalb Jahre musste er warten, bis die Mariska endlich übers Mittelmeer glitt. Mit einigen Monaten Verspätung wurde sie diesen Sommer schliesslich eingewassert. „Am härtesten war aber nicht die Dauer der Werftarbeiten“, sagt Christian Niels. „Schliesslich wusste ich, dass ich mich auf ein langes, teures Projekt eingelassen hatte. Am schwierigsten war es, bei der Renovation keinen Fehler zu machen und dem Geist von Fife treu zu bleiben, gleichzeitig aber modernere Materialien und Techniken zu verwenden.“ Er hat die Renovation deshalb auch den Ateliers Réunis de Méditerranée in La Ciotat anvertraut. Sie verstehen ihr Handwerk, das weiss auch der Eigner der Mariska: „Es ist ein solides Team, das mit Leidenschaft bei der Sache ist und dazu beigetragen hat, die Seele des Bootes zu bewahren, es aber trotzdem so herzurichten, dass es an den grossen Klassikertreffen auf dem Mittelmeer vorne mitsegeln kann.“