Rolex Sydney Hobart

Sie verlassen das Geschäftsviertel von Sydney, fahren dann weiter bis Rushcutters Bay und biegen am ersten Bootssteg links ab. Hier steht es, das Haus. Oder besser, es schwimmt. Vor zwei Jahren haben Dario und Sabine Schwörer und ihre beiden Kinder mit ihrer Aluyacht Modell Saranaia 50 vor Australien Anker geworfen. Zwar sehen die Weltenbummler eher aus wie entspannte, durchgebräunte Touristen, doch der Anschein trügt. Sie stecken mitten in den Vorbereitungen auf eine der gefährlichsten Hochseeregatten der Welt: die Rolex Sydney Hobart. Dank den Schwörers ist das „Land ohne Meer“ zum ersten Mal in der 64-jährigen Regattageschichte vertreten. Dass die „Swiss Family“ zum Star der australischen Medien geworden ist, liegt aber nicht nur an dieser Besonderheit.

Mittwoch, 24. Dezember 2008. Zwei Tage noch bis zum Start. Dario fürchtet sich nicht vor dem Klassiker, obwohl dieser zu Recht auch „Everest der Hochseeregatten“ genannt wird. Vor genau zehn Jahren haben sechs Teilnehmer ihr Leben gelassen. Aus dem Mund des Schweizer Skippers klingt es jedoch eher, als sei die 628 Seemeilen (1160 km) lange Strecke eine Spazierfahrt. „Wir werden kein Temporennen machen, dazu fehlt uns sowieso der Spi. Uns geht es vor allem darum keinen Schaden zu nehmen, schliesslich ist unser Boot ja auch unser Zuhause. Es stecken alle unsere Ersparnisse darin, so Dario.
Wettfahrten sind nicht mehr sein Ding. Das war nicht immer so. Als er noch in der Schweiz wohnte, war er völlig angefressener Skirennfan. Heute ist der Bergführer, Skipper und Klimatologe in erster Linie ein engagierter Abenteurer. Obwohl: Als Abenteurer möchte er nicht gesehen werden. „Wir machen genügend, na sagen wir mal spezielle Erfahrungen, so dass wir nicht nach Extremen trachten müssen“, erklärt er seine Abneigung gegen das Wort.
Eigentlich ist es eher ein Zufall, dass das Schwörer-Team die Regatta bestreitet. „Wir waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“, sagt Dario. Denn Australien liegt auf der Route seiner weltweit einzigartigen ToptoTop-Expedition.

30’000 Seemeilen in sieben Jahren
Vor sieben Jahren haben Dario und Sabine beschlossen, die Erde zu bereisen, um die jungen Generationen auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen. Schadstoffarm sollte es mit reiner Wind- und Muskelkraft über die sieben Meere und auf die sieben höchsten Gipfel gehen. Seit 2002 haben der Bergführer aus Graubünden und die Krankenschwester aus dem Thurgau 6’000 km Fuss, 18’000 km mit dem Velo und 30’000 Seemeilen mit dem Boot zurückgelegt, rund vierzig Länder besucht, 30’000 Kinder getroffen und 15’000 Tonnen Müll zusammengetragen.
„Wir sind keine grünen Fanatiker, sondern Bergführer, die für den Klimaschutz werben und die Natur schützen möchten“, bringt es Dario auf den Punkt. Seit einigen Jahren hat das Projekt ToptoTop an Glaubwürdigkeit gewonnen. Es wird von den Vereinten Nationen und den Schweizer Botschaften unterstützt. Mittlerweile können die Aufwendungen für die Expedition von den Sponsorenbeiträgen von SGS und Victorinox sowie vom Lohn des Ehepaars, das zwischen jeder Etappe mit Jobs etwas dazuverdient, gedeckt werden. Dario Schwörer arbeitet zudem mit mehreren Klimainstituten der Schweiz, Patagoniens und Australiens zusammen. Ausserdem testet er an Bord seines experimentellen, mit zwei Windgeneratoren und elf Solarpanelen ausgestatteten Hausbootes für Schweizer Unternehmen einen solarbetrieben Kühlschrank und ein Entsalzungsgerät. Für Langeweile bleibt bei den Schwörers keine Zeit, auch deshalb nicht, weil die Crew im Lauf der Jahre Zuwachs erhalten hat. Salina ist drei, Andri zwei Jahre alt. Auf die Sydney-Hobart dürfen sie jedoch nicht mit. Für die Eltern ist auch das eine ganz neue Herausforderung.

„Die Botschaft der Natur ist klar“
Freitag, 26. Dezember 2008, 13 Uhr. Hafen von Sydney. Hunderttausend Zuschauer drängen sich am Ufer, auf Fischerbooten, schwimmenden Palästen und sogar auf Kajaks. Über ihnen drehen sich zwölf Hubschrauberrotoren, vor ihnen durchschneiden hundert Segel den azurblauen Himmel. Und mitten drin, das unter Schweizer Flagge segelnde 15-Meter-Boot Pachamama. Der Startschuss ertönt. Wenige Sekunden später hat sich die Siegerin der drei letzten Ausgaben bereits an die Spitze geschoben. Die SUI1 schwenkt auf südlichen Kurs und hat auch schon mit ihrem ersten Problem zu kämpfen. „Da uns das Grossfall Probleme bereitete, mussten wir es langsam angehen lassen“, erzählt Dario Schwörer später. Am Samstag werden sie von einem Sturm getroffen und können die Wetterinformationen der Organisation nicht mehr empfangen. Die Pachamama nähert sich der Küste und erreicht schliesslich den Hafen von Eden. Es werden drei Fronttiefs angekündigt. Am Sonntagmorgen hat die Pachamama erst die Hälfte der Strecke bewältigt, während die Wild Oats triumphierend in Hobart einläuft. Sie versuchen es mit Gewalt, doch am Montag ist das Meer völlig entfesselt. Eine vier Meter hohe Welle überspült das Deck. Die Crew kann sich gerade noch rechtzeitig ins Innere retten. Es hat keinen Zweck. „Die Botschaft der Natur war klar und wir haben sie respektiert“, meint Dario enttäuscht. Doch das Wichtigste sei dennoch erreicht, schliesslich seien alle gesund wieder nach Hause gekommen. „Das Beste ist aber, dass nicht sieben, sondern acht Besatzungsmitglieder mitgefahren sind“, freut sich Dario. Mitten in den Strapazen einer der anstrengendsten Regatten erhielt Sabine Schwörer die Bestätigung, dass sie schwanger sei.