Text und Fotos: Christophe Migeon

Die beiden westlichsten Inseln des Hawaii- Archipels sind spektakulär schön und bieten viel Nervenkitzel: O’ahu mit ihren langen Surfstränden, Kaua’i mit ihren Brontosaurier-Dschungeln.

Ala Moana Beach. Honolulu. Ile d’Oahu. Hawaii.

Nur eine Autostunde von Waikiki Beach entfernt, wo die hippen Zeitgenossen lieber ihrem Körperkult frönen, als sich in die Wellen zu wagen, bieten die wilden Tubes der Banzai Pipeline an der Nordwestküste von O’ahu eine erfrischende Alternative. Touristenmassen, Möchtegernsurfer, Restaurants mit Fusionsküche, Luxusboutiquen und kokaingeschwängerte Nachtclubs sucht man hier vergeblich. Das Spektakel des entfesselten Ozeans lässt den adretten Trubel der Südküste vergessen. Mit über einem halben Dutzend ertrunkener oder an den Felsen zerschellter Surfer gilt der Spot zu Recht als der gefährlichste der Welt. Ungebändigte Wassermassen führen ein infernalisches Schauspiel auf. Monsterwellen richten sich haushoch auf, rollen sich zusammen und krachen in einer ohrenbetäubenden Gischtexplosion in sich zusammen. Der Pazifik scheint sich auszukotzen, nachdem er sich selbst krank gemacht hat. Als Kala Alexander 2001 hierher kam und sah, wie unorganisiert die Surfer der Banzai Pipeline waren, beschloss er aufzuräumen und gründete Wolfpak, eine der berühmtesten Surf-Gangs Hawaiis. Er wollte mit seiner Organisation für Ordnung sorgen und sich dafür einsetzen, dass die lokale Tradition am Strand respektiert wird. Ganz uneigennützig war seine Idee allerdings nicht. Klar enden Kollisionen zwischen Surfern in solchen Wellen oft tragisch, aber es ging ihm auch darum, seine Besitzansprüche an den Wellen zu sichern. Touristen sollten sich hüten, die Hierarchie zu missachten, denn die Muskelprotze von Wolfpak sind wortwörtlich genommen äusserst schlagfertig. In der Szene herrscht das Faustrecht. Nachdem Kala an mehreren Surfcontests Erfolge feiern konnte, wurde er als B-Promi durch eine Reality Show bekannt und versucht sich seither als Schauspieler in Filmen, deren Drehbuch auf der Rückseite eines Parktickets Platz hätte – Hauptsache, ein paar grossbusige Blondinen, die mehr schlecht als recht auf einem Surfbrett stehen können, sind dabei. Zwischen zwei Rides bietet er auf seinem 32 Meter langen Katamaran Kama Hele Kai Ausfahrten für Touristen an, um ihnen „seine“ Küste zu zeigen.

Verliebte Buckelwale

Im Winter aus dem Hafen von Haleiwa hinauszufinden ist nicht immer ganz einfach. Die gesamte Northshore von O’ahu ist vollkommen ungeschützt und dem permanent wehenden Passat ausgesetzt. Im Surfmekka Waimea Bay nehmen die Wellen auf offenem Meer Fahrt auf und bäumen sich zu 15 Meter hohen Brechern auf, die mit roher Gewalt und markerschütterndem Getöse ans Ufer knallen; für Törns nicht die besten Voraussetzungen, aber für die welbesten Surfer ein Glücksfall. Heute Morgen aber scheint das Meer Valium geschluckt zu haben. Kama Hele Kai gleitet mühelos und ohne zu rollen die Ko’olau-Berge entlang. Die Augen ermüden beim Anblick des tiefen Blau von Himmel und Wasser. An Deck herrscht eine kuriose Stimmung, eine Mischung aus aufgeregter Vorfreude und nervöser Neugier, wie bei Kindern am Weihnachtsabend, wenn sie um den Tannenbaum kreisen. Die Saison der Kohola oder Buckelwale hat begonnen.

PhHAWAII-MĂ–NCHSROBBE (MONACHUS SCHAUINSLANDI): VON DIESER ENDEMISCHEN ROBBENART SOLL ES NUR NOCH 1200 EXEMPLARE GEBEN.

Jedes Jahr verlassen rund Tausend dieser sanften Meeresriesen ihr Sommerquartier in Alaska und Baja California und erreichen Ende November das warme Wasser der hawaiianischen Inseln. Es ist zwar eher planktonarm, aber die Wale sind nicht hier, um sich den Bauch vollzuschlagen. Hawaii ist für sie ein idealer Ort, um sich zu paaren und ihre Jungen zu gebären. Mit etwas Glück können Whale Watcher das ungestüme Balzverhalten der Männchen beobachten, die vor lauter Hormonüberschuss ihre 30 Tonnen aus dem Wasser heben, als gäbe es nichts Einfacheres auf der Welt. Liebe verleiht eben Flügel! Wir erhaschen leider nur einen flüchtigen Blick aus rund hundert Metern Entfernung. Ein fünf Meter hoher Geysir verrät den Koloss, kurz darauf durchschneidet der lange Rücken die Oberfläche geschmeidig wie ein Rasiermesser. Rasch werden Smartphones und Kameras gezückt. Der 20-Meter-Riese hat offenbar keine Lust auf Zuschauer, krümmt kurz sein Rückgrat und taucht in die Tiefe. Ein letzter, kräftiger Flossenschlag, der das Wasser plattdrückt, und der Wal ist verschwunden.

Stinkende Robben

Wir nehmen Kurs Richtung Westen bis zum Ka’ena Point State Park an der westlichsten Spitze von O’ahu. An der windgepeitschten Küste soll die Brandung manchmal noch stärker toben als in Waimea Beach und 26 Meter hohe Wände bilden. Dass keine befestigte Strasse dahin führt, Rettungsdienste nur schwer zu organisieren sind und gefährliche Strömungen herrschen, schreckt Surfer ab. Dafür eignet sich der Spot aber gut für Luftakrobaten. Er wurde 1991 zum Schutz der Sanddünen und der dort brütenden Laysanalbatrosse zum Naturreservat erklärt.

Ile de Kauai. Hawaii.

Die anmutigen Wesen können stundenlang ohne einen einzigen Flügelschlag im Wind spielen, sobald sie aber am Boden sind, wirken sie plump und sind eine leichte Beute. 2011 wurde ein Zaun errichtet, um die Albatrosse vor Hunden, Katzen, Ratten, Mangusten und anderen Räubern zu schützen. Der karge Küstenstreifen von Ka’ena Point birgt einen der letzten, leider etwas penetrant duftenden Schätze von O’ahu. Während unser Kat langsam wieder aufs offene Meer hinausgleitet, trägt die Brise plötzlich einen ekelerregenden Geruch heran. Er ist unverkennbar der typische Gestank eines Flossenfüsslers, der seine Körperhygiene vernachlässigt! Bei genauem Hinschauen erkennen wir vor den dunklen Basaltfelsen eine grosse, braunschwarze Robbe. Sie liegt neben einer von der Ebbe zurückgelassenen Pfütze und wärmt ihre Schwarten in den letzten Sonnenstrahlen. Die Hawaii- Mönchsrobbe lebt eigentlich eher auf den Atollen im Nordwesten des Archipels. Rund zwanzig Exemplare lassen sich aber nicht beirren und bleiben stur auf der Halbinsel. Beim Anblick dieses vom Aussterben bedrohten Meerssäugers, von denen es nur noch 1200 Überlebende gibt, schnürt sich mein Herz zusammen. Schildkröten im Überfluss Die hawaiianischen Ureinwohner glauben, dass die Seelen der Verstorbenen in Ka’ena Point die Welt der Geister betreten. Sie folgen dem Licht der untergehenden Sonne, bevor sie in der ewigen Dunkelheit verschwinden. Mit etwas Schwung könnten sie sogar bis nach Kaua’i springen. Die älteste Hawaii-Insel sollte man mit etwas Abstand bestaunen, dann wirkt die Landschaft besonders dramatisch. Seit sie vor fünf Millionen Jahren aus dem Meer aufgetaucht ist, hatte Kaua’i viel Zeit, sich von den Elementen formen zu lassen. Entstanden sind schroffe Berge, schmale Grate, von der Erosion verschonte Felstürme und steile Bergwände, über die sich todesmutig Wasserfälle stürzen. Die Redensart „ewiger Tropfen höhlt den Stein“ zeigt sich selten so eindrücklich wie an der Napali Coast im Nordwesten der Insel. Sie besteht aus 18 Kilometern ungezähmter, nur zu Fuss, mit dem Kajak oder hochseetauglichen Booten erreichbarer Küste.

Eingeschifft wird im Hafen von Kekaha in der Waimea Beach, dort, wo eines schönen Morgens im Januar 1778 Captain Cooks HMS Resolution Anker warf. Hier traf der Entdecker auf die ersten Hawaiianer. Die Begegnung sollte beiden kein Glück bringen. Cook starb ein Jahr später in einer Bucht von Big Island unter den Lanzen- und Dolchhieben eines wütenden Mob. Die Einheimischen wurden durch Geschlechtskrankheiten, die von den englischen Seeleuten eingeschleppt wurden, dezimiert. Dank der beiden 500-PS-Motoren kommt der Makana, auch er ein 32 Fuss langer Lightning-Power-Katamaran, spielend mit der starken Dünung aus Norden zurecht. Nach einer knappen Stunde erreicht er ein Küstengebiet, das wirkt, als habe noch nie ein Mensch einen Fuss darauf gesetzt. Durch die zerklüfteten Felsen vor der rumorenden Welt geschützt, breitet das Kalahau-Tal einen üppigen Garten Eden aus. An den Steilhängen wachsen heimische Arten wie die Koa-Akazie oder der Ohia, ein Baum mit kleinen, roten Blüten. Darunter mischen sich vom weissen Mann eingeschleppte Eindringlinge mit mörderischen Absichten. Passionsfrüchte, Wandelröschen, Schmetterlingsingwer und Erdbeer-Guaven verdrängen skrupellos die indigenen Pflanzen und tragen dazu bei, dass in Hawaii so viele Arten bedroht sind wie sonst nirgends auf der Welt. Die Landschaft ist eine Abfolge von Schluchten und Hügeln. Gigantische Furchen ziehen sich bis zu den nebelverhangenen Ausläufern des Wai’ale’ale, einem 1569 Meter hohen Schildvulkan und mit 11,7 Metern Niederschlag pro Jahr der regenreichste Ort der Erde. Bei Tauchgängen vor der etwas besser geschützten Südküste zeigen sich die Folgen einer heftigen tektonischen Aktivität. Bei den Sheraton Caverns sind riesige Lavaröhren zu einer chaoatischen Landschaft aus Bögen und Tunnels zusammengebrochen. Unzählige Schnapper bilden dichte Schwärme, die auseinanderstieben, sobald sich ein Taucher nähert.Das Korallenriff ist in einem desolaten Zustand. Trotzdem haben sich hier Dutzende Suppenschildkröten niedergelassen. Die einen dösen im Schatten eines Felsen, die anderen knabbern genüsslich an Schwämmen oder Weichtieren. Die lokalen Taucher beachten die über einen Meter langen und bestimmt über 100 Kilo schweren Panzertiere kaum noch. Sie suchen den Meeresboden lieber nach Nacktkiemern oder Rotfeuerfischen ab. Wie an der Wall Street drückt auch das Überangebot den Wert nach unten. Manchmal setzt sich das Marktgesetz eben an den ungewöhnlichsten Orten durch.

PRAXIS-TIPPS

Byron Sewell, Hawaii.

Anreise
Zürich–Honolulu (Hin- und Rückflug) für rund 1000 €. Von Zürich nach Los Angeles mit Swiss, von dort nach Hawaii mit United Airlines. Vor dem Abflug nicht vergessen, für die Einreise in die USA die elektronische Genehmigung ESTA zu beantragen. Sie kostet 14 USD und ist zwei Jahre gültig.

Waimea Canyon.

Klima
Beste Reisezeit ist der Sommer von Mai bis Oktober. Im restlichen Jahr ist es oft trĂĽb und nass, obwohl die Regenschauer nur selten den ganzen Tag anhalten und von einer KĂĽste zur anderen stark variieren.

kukuiula bay. Cote sud. Ile de Kauai. Hawaii.

Bootsfahrten
Nordküste von O’ahu: Mit Chupu Charters an Bord des Kama Hele Kai, dem Lightning-Power-Katamaran des Surfers und Schauspielers Kala Alexander. Startpunkt ist der Hafen von Haleiwa. 125 $ für eine rund dreistündige Ausfahrt. Tel.: 808 637 3474, chupu.com Nordwestküste von Kaua’i: Mit Makana Charters auf eine fünfstündige Entdeckungsfahrt entlang der Napali Coast. 135 $, Abfahrt um 8.30 Uhr und um 14.00 Uhr in Kikiaola Small Boat Harbor an der Südküste. Tel.: 808 338 9980, makanacharters.com

Kalahau Valley. Ile de Kauai. Hawaii.

Reisen/Charter:
Für massgeschneiderte Reisen und/oder Törns: my Charter, info@mycharter.ch, mycharter.ch

Tauchen
Südküste von Kaua’i: Seasport Divers betreibt zwei Boote, den Anela Kai, ein PR048 für bis zu 18 Taucher, und den Anuhea, einen 32-Fuss-Powerkat für bis zu 10 Taucher. Die Boote werden in Kukuiula Small Boat Harbor, 30 Kilometer westlich von Waimea, zu Wasser gelassen. Zwei aufeinanderfolgende Tauchgänge kosten 140 $.
Tel.: 808 685 5889, seasportsdiver.com

Hanauma Bay. Ile d’Oahu. Hawaii.