Tour de France à la Voile: Mettraux-Saga mit neuer Episode

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Sie sind garantiert nicht „landkrank“. Die Frauen des Teams SCA freuen sich, nach einem intensiven Jahr auf allen Meeren der Welt endlich wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Einziger Wermutstropfen ist der Rückzug des Sponsors SCA. Dieser begründete seinen Rückzug aus dem Frauen-Segelsport mit der Aussage, er habe am Volvo Ocean Race alle Ziele erreicht. Fest entschlossen, die Dynamik aufrechtzuerhalten, will Elodie Mettraux zusammen mit ihren Ex-Teamgefährtinnen ein neues Projekt aufgleisen. Ziel ist die Teilnahme an der Tour de France à la Voile.

Sie sind zurück! Noch immer im unverkennbaren blau-rosa Outfit des Teams SCA gekleidet, waren Elodie Mettraux, Annie Lush und Sally Barkow im Oktober in der Genfer Société Nautique, um ihren neuen Untersatz, die Diam 24 zu testen. „SCA, das ist vorbei“, bedauert Elodie. Wirklich geknickt wirkt sie aber nicht, dazu ist ihr Drang, vorwärts zu schauen, viel zu gross. Sie brennt darauf, in ihrer Karriere ein neues Kapitel zu schreiben. „Natürlich haben wir gehofft, dass SCA den Frauen-Segelsport auch weiterhin in irgendeiner Form unterstützt“, fügt sie hinzu, „aber das ist leider nicht der Fall. Jetzt möchten wir bekannt machen, dass zehn erfahrene Frauen für nächstes Jahr auf der Suche nach Projekten im Profi-Segelsport sind.“

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SPONSOREN GESUCHT: DIE SEGLERINNEN PLANEN EINE TEILNAHME AN DER TOUR DE FRANCE À LA VOILE 2016. DAZU MÜSSEN SIE ABER NOCH DAS NÖTIGE GELD AUFTREIBEN. © Morgan BOVE / ASO

Zurück zu den Wurzeln 

Eigentlich sind die drei Seglerinnen mit Flottenregatten vertrauter als mit Hochseerennen. Elodie ist fünf Jahre auf einer D35 gesegelt. Annies und Sallys Lebensläufe reichen vom Yngling bis zum Match Racing und schliessen sogar je eine Olympiateilnahme ein. Die Amerikanerin Sally Barkow bestätigt denn auch, dass sie sich an Flottenregatten eigentlich wohler fühlt: „Sie sind viel einfacher“, urteilt sie. „Ich persönlich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich mich an die Strategien der Offshore-Regatten gewöhnt hatte.“ Ähnlich tönt es bei Elodie: „Während der gesamten Strecke motiviert und konzentriert zu bleiben und stets Topleistungen abzurufen, ist viel härter, wenn kein anderes Boot in Sichtweite ist.“

Die Tour de France à la Voile liegt ihnen also bestimmt mehr als Hochseerennen, zumal sie am Volvo Ocean Race wertvolle Erfahrungen gesammelt haben, die sie bestimmt gewinnbringend einsetzen können. Ende März wollen sie an ihrer ersten Regatta, dem Spi Ouest-France teilnehmen. Bis dahin werden sie in der Bretagne und auf dem Genfersee intensiv auf Mehrrümpfern trainieren. Elodie hat sich bereits auf die Suche nach finanziellen Partnern gemacht, die sich in den vom Frauen- Segelsport verkörperten Werten wiedererkennen.

Dass die Seglerinnen den grossen Namen an der Tour sportlich einheizen wollen, muss wohl nicht erwähnt werden. Cammas, Stamm, Riou, Beyou und Konsorten sollten sich in Acht nehmen!

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© Anna-Lena Elled

Die Seglerin macht das Boot 

Das erste Schweizer Team der Regatta im neuen Format wird also weiblich sein. Warum aber haben die grossen Schweizer Rennställe der Tour den Rücken gekehrt?

Anfangs begegneten viele Segler der Wahl der Diam 24 als Tourboot und dem neuen Rennformat mit Skepsis, doch mittlerweile hat der neue Organisator ASO die Profis von seiner Kompetenz und der Stichhaltigkeit seiner Entscheidungen überzeugt. Elodie sieht in der Tour de France jedenfalls viele Vorteile: „Die Regatten finden in unmittelbarer Nähe der Zuschauer statt und stossen auf grosse Resonanz. Ausserdem ist das sportliche Niveau hervorragend. Es stimmt schon, dass die Schweizer Rennställe dem Boot nicht viel abgewinnen können, aber was uns interessiert, ist der Wettstreit mit den anderen Teilnehmern.“ Annie Lush sieht die fehlende Begeisterung nicht so eng: „Einheitsklassen werden anfangs immer kritisiert. Das ist ganz normal. One-Design-Boote sind aber einfacher zu segeln, günstiger und robuster. Da bleiben Unkenrufe natürlich nicht aus. Das war schon bei den Volvo 65 nicht anders.“ Auch die Bilanz der ersten Ausgabe scheint die Richtigkeit des neuen Formats zu bestätigen. Änderungen gibt es deshalb sozusagen keine, ausser dass 2016 die Teilnehmerzahl von 28 auf 35 Teams erhöht wird.

Nach ihrer ersten Fahrt auf der Diam 24 äus-sersten sich die Seglerinnen positiv überrascht über den Katamaran. Bei 10 bis 15 Knoten Wind reagiere er relativ schnell und vor dem Wind nehme er rasch Tempo auf, so ihr Fazit. Die vielen positiven Rückmeldungen könnten durchaus den einen oder anderen umstimmen. Elodie Mettraux springt auf jeden Fall als erste ins kalte Wasser.

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WICHTIGES PLUS: SEIT DEM GEMEINSAM GESEGELTEN VOLVO OCEAN RACE SIND DIE DREI ATHLETINNEN EIN EINGESPIELTES TEAM. © Quentin Mayerat

Eine Mettraux-Schwester kommt selten allein! 

Funktionieren sie wirklich immer paarweise? Während sich Justine nach dem Volvo Ocean Race sofort in die Vorbereitung auf die Einhandregatta Solitaire du Figaro gestürzt hat, heuerte Elodie ihre jüngste Schwester Lauranne an. Die 23-Jährige hat einen grossen Teil ihres Lebens auf dem Wasser verbracht und mit dem Genfer Centre d’Entraînement à la Voile bereits einige vielversprechende Ergebnisse erzielt. „Ich bin im CER viel mit Lauranne gesegelt. Klar würde es mich freuen, mit ihr die Tour zu bestreiten. Sie war so viele Stunden auf dem Wasser, dass man kaum einen Unterschied zum Niveau der Profi-Seglerinnen sieht“, sagt Elodie. Lauranne behält aber einen kühlen Kopf. Sie weiss noch nicht, ob sie in den Profi-Segelzirkus einsteigt. Momentan hat ihr Studium Priorität. Ihre Schwester begrüsst diese Einstellung, schliesst aber nicht aus, dass Lauranne in der Mettraux-Saga eines Tages eine Hauptrolle spielt. Bis dahin wird das nächste Kapitel erst einmal von Elodie geschrieben. Wir wünschen ihr Mast- und Schotbruch!