Ein Tag an Bord einer TP52

Der Audi Med Cup ist das Disneyland der Segelfans. Nur trifft man hier nicht auf Micky Maus, Minnie und Donald Duck, sondern auf die legendären Dean Barker, Jochen Schümann, Paul Cayard und Russell Coutts. Im Mai haben in Alicante sechzehn TP52 die erste der sechs zum Cup zählenden Regatten ausgetragen. Die Hightech-Boote sind gemäss einer Boxrule designt und werden von einem 14-köpfigen Team gesegelt. Viele der Crewmitglieder kommen aus dem America’s Cup. Skippers hat die Regattaserie auf Einladung der Organisatoren anlässlich der Trainingsregatta in Alicante getestet. Beim auf diesen Test folgenden Event setzte sich dann die Mean Machine von Peter de Ridder (Monaco) mit vier Siegen in acht Wettfahrten souverän an die Spitze. Sie wird bereits jetzt als heisser Favorit für den Gesamtsieg gehandelt.

Für Aufsehen sorgte auch die BMW Oracle Racing, jedoch nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil die Yacht von Larry Ellison und Russell Coutts – genauso wie ein halbes Dutzend anderer TP52 – fehlte. Sie dürften im Lauf des Sommers zur Flotte stossen. Dennoch standen die Teams bereits bei der Trainingsregatta unter Strom. Acht Yachten kamen 2008 neu dazu, drei sind aus America’s-Cup-Syndikaten hervorgegangen (Desafío Español, Team Germany und Oracle). Die Flotte wird jedes Jahr schneller, weshalb die ersten Regatten den Teams jeweils auch als Standortbestimmung dienen. „Mit Platoon sind wir in der Lage unsere langfristig angelegte Teamplattform am Leben zu erhalten“, verrät Jochen Schümann vom inzwischen aufgelösten Team Germany. Er spricht damit vielen anderen Seglern, die durch den Deed of Gift Match zwischen Alinghi und Oracle arbeitslos geworden sind, aus der Seele. Doch nicht nur die Segler, auch die Veranstalter nutzen die Flaute im America’s-Cup-Zirkus, um ihre „Champions League des Segelns“ vermehrt ins Rampenlicht zu stellen. Sie verfügen über ein kolossales Kommunikationsbudget und über ein unbestrittenes Erfolgspotenzial. Paul Cayard, Teamchef von Desafío Español, freut sich, dass er mit dabei ist: „Wir hatten nur sehr wenig Zeit für den Bau und die Vorbereitung unseres Bootes. Schon allein die Tatsache, dass wir heute hier sind, ist ein Erfolg“, so Cayard. Trotzdem hat er bereits vorgesorgt und mit Christian Scherrer einen der besten Trimmer an Bord geholt. „Blumi“ ist der einzige Schweizer Segler in dieser Regattaserie. „Die Yachten sind genial und das Regattaniveau ist sehr hoch. Eine einmalige Gelegenheit, zwischen zwei America’s Cups nicht aus der Übung zu kommen“, bestätigt er. Wie erwähnt dürfen wir am Trainingstag an Bord der Matador mitsegeln. Ihr 86-jähriger Eigner Alberto W. H. Roemmers hat Skippers grosszügigerweise zu der Testfahrt eingeladen. Seine von Guillermo Parada gesteuerte Yacht segelt unter argentinischer Flagge. Trotz eines folgenschweren Mastbruchs mitten in der letzten Saison konnte sich die Matador im Vorjahr auf dem achten Rang behaupten. Dieses Jahr wurde das Ziel etwas höher gesteckt. Das Team ist eingespielt und will deshalb auch in die Top 5.

Es ist gar nicht so einfach als Gast an Bord einen Platz zu finden. Zwei Winschen und vierzehn Segler à 85 kg nehmen das Cockpit in Beschlag. Ich ziehe mich in den hinteren Teil zurück, wo Alberto mir die Feinheiten des Boliden erklärt. Trotz einer Länge von 15,85 m und einer Verdrängung von 7,5 Tonnen reagiert die Yacht extrem sensibel auf Gewichtsverlagerungen. Anstandshalber sollte der Gast seine eigenen Kilos deshalb bei Manövern und Kursänderungen entsprechend verschieben. Nach ein paar letzten Trimmeinstellungen werden die Boote bei 6 Knoten Thermikwind ins Rennen geschickt. Eigentlich sollte man meinen, dass die Teams bei dieser ersten Fahrt zunächst ruhig auf Tuchfühlung gehen. Weit gefehlt: Nach der Winterpause sind die Segler angriffslustiger denn je. Sie segeln ohne Rücksicht auf Verluste, es wird gedrängelt und geschoben. Die Matador findet ein Loch und schiebt sich nach vorne. Drei Meter weiter rechts liegt die Bribon, meisterlich gesteuert von einem hochaufgeschossenen Skipper. Der Silhouette nach zu schliessen könnte es sich um den spanischen König Juan Carlos handeln. Doch seine Majestät ist noch nicht in Alicante eingetroffen. Also muss es der Neuseeländer Dean Barker sein. „Unser Boot hat bereits eine Saison hinter sich. Wir werden am Limit segeln müssen, wenn wir gewinnen wollen“, sagte Barker vor dem Ablegen. Tau Andalucia nutzt den Umstand, dass es sich nur um ein Training handelt und geht etwas zu früh über die Linie. Die ehemalige Artemis, die Siegerin von 2007, gehört Javier Banderas, dem Bruder des schönen Antonio. Seine Besatzung setzt sich aus „echten Amateuren“ zusammen, trotzdem gewinnt er am nächsten Tag die beiden ersten Wettfahrten. Es wurde ein kompletter Kurs ausgelegt. Nach einem gelungenen Start entscheidet sich der Taktiker der Matador für die rechte Seite. Eine denkbar schlechte Wahl! Ein Winddreher um 10 Grad und schon ist die Katastrophe perfekt. Die TP52 verzeiht nicht den kleinsten Fehler. Das bekommt auch die argentinische Yacht zu spüren: Sie wendet die Luvboje erst an neunter Stelle.

Unter Spi streifen zwei gigantische Flossen den Heckbereich. Zwei Riesenhaie lassen sich nur sieben Seemeilen vor der Küste das Plankton von Alicante schmecken. Das muss ein Zeichen sein! Matador packt den Stier bei den Hörnern und arbeitet sich bis ins Ziel auf den vierten Platz vor. Auf der Rückfahrt kommt Juan Kouyoumdjian an Bord. Der berühmte Konstrukteur befindet sich für den englischen Challenger Team Origin auf Aufklärungsmission und will im Hinblick auf den Bau einer Einheit im nächsten Jahr etwas TP52-Luft schnuppern. Er befindet sich hier im Jagdrevier von Rolf Vrolijk, dem Hauptdesigner von Alinghi, der zusammen mit seinem Kollegen Judel 80% der Flotte entworfen hat. „Die TP sind zwar nicht die schnellsten 52-Fuss-Yachten, doch vor dem Wind kann sich ihre Geschwindigkeit sehen lassen“, meint Kouyoumdjian und lässt gleich noch eine spitze Bemerkung fallen: „Das einzige Problem mit der Vermessungsformel besteht darin, dass sie von den Eignern zu sehr geschützt wird. Dadurch wird die Boxrule zusätzlich eingeschränkt und das schadet der Innovation. Und Innovationen sind gerade das, was ich am liebsten mag.“ Alt sehen die in Alicante präsenten Yachten aber nicht aus. Nur winzige Tempounterschiede trennen die TP52. Die Teams wissen, dass sie vor dem Wind Boden gut machen können. Tatsächlich sind Führungswechsel an der Tagesordnung. Eine Frage kitzelt uns als Schweizer aber doch: Warum nimmt Alinghi nicht an der Regattaserie teil? Darauf angesprochen begründet Brad Butterworth die Entscheidung mit einem vollen Programm und dem hohen Kostenaufwand, den eine Teilnahme am TP52-Circuit verursachen würde. Dass ihn die Serie dennoch interessiert, leugnet der Alinghi-Skipper jedoch nicht.