3Di Nordac: Revolutionäre Fahrtensegel

Bei den Hochseeregatten gibt North Sails den Ton an. Anders bei den ruhigeren Fahrtenjachten. Doch auch hier ist die Segelmacherei auf Kurs.

20170206_AR_MINDENLOFT_00214Besser als in den Tropen kann man Segel im Winter wohl nirgendwo testen. Auf den Britischen Jungferninseln zwischen Puerto Rico und St. Martin sind Sonne und Wind praktisch garantiert. Der berühmte Nordostpassat ist eigentlich immer zur Stelle. North Sails hat daher nach Tortolla zum Probesegeln geladen. Der Segelmacher hat dazu mit dem Charterunternehmen Moorings einen Deal geschlossen und die Oceanis 45.4 mit neuen Segeln ausgestattet. Aber nicht mit irgendwelchen, sondern mit den revolutionären 3Di Nordac. 3Di kennen Sie wahrscheinlich. Wir werden aber trotzdem darauf zurückkommen. Nordac ist neu. Es handelt sich um ein Anagramm der eingetragenen Marke Dacron. Eine clevere Namensfindung, denn die ersten drei Buchstaben decken sich mit der Segelmarke.

Alinghi als Vorbild

20170206_AR_MINDENLOFT_00277Ein paar Worte zur Geschichte und zur Technik: Die erste grosse Revolution bei North Sails war das 3DL. Bei dieser Sandwichkonstruktion werden die lastenorientierten Fasern zwischen zwei Folien unter Vakuumdruck und Hitze über einer dreidimensionalen Form verklebt und geformt. 3DL-Tücher sind zwar äusserst effizient und haben sich auch schon an vielen Regatten bewährt, sie flattern aber gerne, sind nicht besonders UV-beständig und können delaminieren. 2007 entdeckte die Segelmacherei das Potenzial der Segel aus PBO-Fasern, die Alinghi im Training, aber nicht bei Regatten einsetzte. Sie kaufte das Patent und entwickelte daraus das 3Di. Auch 3Di-Tücher werden geformt, aber es kommen keine Filme oder Folien mehr zum Einsatz. Vielmehr werden Filamente mit einem speziellen wärmehärtenden Harz verklebt und sind so auch vor Delamination geschützt. Der Durchbruch gelang den 3Di- Segeln von North Sails mit dem Volvo Ocean Race. Sie bestanden aus Dyneema-, Karbonund/ oder Aramidfasern. Da die Regatta nur eine begrenzte Anzahl Segel zulässt, tun die Teams gut daran, möglichst langlebige Tücher zu verwenden. Und genau hier liegt eine der grössten Vorteile des 3Di. Thomas Coville segelte damit über 50’000 Seemeilen. Das Grosssegel brachte es sogar auf 78’000 Seemeilen. Diese unglaubliche Lebensdauer beeindruckte nicht nur die Segler und Profis aus der Regattaszene, sondern auch die Ingenieure von North Sails. Sie kamen auf die Idee, 3Di mit Polyester, genauer mit Dacron®, zu kombinieren. Zwar haben Polyesterfasern nicht die mechanische Festigkeit von Hightech-Materialien und sind etwas weniger formstabil, weisen aber eine hohe UV- und Faltbeständigkeit auf und sind auch resistenter gegen Schamfilen. Ausserdem ist es nur konsequent, Fahrtenjachten aus Glasfaser mit Segeln auszustatten, die aus robustem, erschwinglichem und einfach zu flickendem Material bestehen, zumal North Sails in diesem Segment durchaus noch Wachstumspotenzial hat. Bei den Fahrtensegeln hält das Unternehmen derzeit nur gerade 10 Prozent Marktanteile. Aus diesen Überlegungen heraus ist das 3Di Nordac entstanden, an das North Sails sehr hohe Erwartungen knüpft. Das 3Di Nordac wird derzeit auf rund 15 Booten getestet, darunter auch auf unserer Bénéteau. Eine ebenfalls mit North-Segeln betuchte First 42 wird uns auf der Testfahrt nach Virgin Gorda begleiten. Vor uns liegen 15 Seemeilen Luftlinie, angesichts der Windrichtung werden es aber wohl doppelt so viele werden. Auf Virgin Gorda wartet ein drittes Boot. Die Express 37 ist eine ehemalige, an der kalifornischen Küste häufig anzutreffende Einheitsjacht.

Beeindruckender Leistungsnachweis

20170206_AR_MINDENLOFT_00742Bei 17 Knoten Wind machen die Segel eine überzeugende Figur. Ihre Formstabilität ist beeindruckend. Man braucht nicht ständig an der Genuawinsch zu kurbeln, um hart am Wind den richtigen Trimm beizubehalten. Bei Böen öffnen sich die Lieks kaum – nur gerade so viel wie nötig – und da sich die Vertiefung nicht verschiebt, machen sie weniger zu als formunstabilere Segel. Die Rollgenua ist aber deutlich toleranter als die steiferen Regattasegel. Leistungsmässig liegt das 3Di Nordac somit im Bereich eines Regattasegels. Das Segelprofil ist stabil, trotzdem handelt es sich nicht um ein starres Material, das beim Flattern knallt und das Rigg strapaziert. Ausserdem altert das Segel gut, sprich, es ist unglaublich langlebig. Am Ankerplatz von Virgin Gorda schlagen wir das Grosssegel ohne jegliche Mühe an. Es ist nicht übertrieben steif und lässt sich dadurch problemlos handhaben. Nimmt man das Tuch an verschiedenen Stellen zwischen Daumen und Zeigefinger, spürt man die unterschiedliche Dicke. Kein Zweifel, hier haben wir es nicht mit einer Schichtung verschiedener Folien zu tun, sondern mit homogenem Material.

Reden wir über Geld

Optisch ist das 3Di Nordac ähnlich wie ein konventionelles Segel, nämlich weiss. Die meisten Fahrtensegler ziehen diese Farbe Schwarz, Grau oder Bronze vor. Interessant ist aber vor allem der Preis, denn die revolutionären Segel sollen nicht teurer sein als die herkömmlichen Polyestersegel der Marke. Weil bei der 3Di- Technologie die gesamte Bearbeitung des traditionellen Polyesterstoffs wegfällt, das heisst die Beschichtung der Fasern vor dem Verweben, das Webeverfahren, der Transfer in die Verarbeitungsfabrik, das Reinigen des rohen Stoffes, das Trocken, die Imprägnierung mit Klebstoff, die Aufbereitung, der Transport, die Lagerung und der erneute Transport, können erhebliche Kosten gespart werden. Natürlich finden Sie im Internet 40 Prozent günstigere Produkte. Aber ob die jahrelang halten? North Sails gibt eine Lebensdauer von 10 Jahren an. Hauptzielgruppe von North Sails sind Segeljachten zwischen 20 und 40 Fuss. Später sollen die Hightech-Tücher dann One-Design-Flotten angeboten werden, sofern deren Bauvorschriften dies zulassen. In diesem Segment ist North Sails bereits bei den meisten Klassen klar führend. Die Segelmacherei ist so überzeugt von ihrem Produkt, dass sie damit den Fahrtensegelmarkt vereinnahmen will.