Stève Ravussin

Stève Ravussin, Sie waren zusammen mit dem 10-köpfigen Team an Bord des Maxi-Trimarans Groupama 3, als er am 18. Januar im Pazifischen Ozean kenterte. Was ist genau passiert?
Wir befanden uns 140 km östlich des neuseeländischen Hafens Dunedin. Bei Wellen zwischen 6 und 7 Metern und einer Windstärke von 25 Knoten brach der rechte Schwimmer direkt hinter der vorderen Querverbindung. Die Struktur der hinteren Querverbindung hielt nur knappe sechs Sekunden stand, bevor sie ebenfalls nachgab. In der kurzen Zeit versuchten die Wachführer an Deck verzweifelt mit dem halben Schwimmer, der sich immer mehr mit Wasser füllte, zu halsen. Dann kippte das Boot so langsam auf die Seite, dass niemand über Bord ging.

Wie erklären Sie sich den Bruch des Schwimmers?
Es heisst, Karbon habe ein Gedächtnis. Wahrscheinlich hat die Struktur im Indischen Ozean etwas abbekommen. Da kann es schon vorkommen, dass sie bei normalen Bedingungen ohne Vorwarnung bricht. Eine ähnliche Situation habe ich bei meiner Kenterung an der Route du Rhum 2002 erlebt. Im Nachhinein haben wir gemerkt, dass mein Schwimmer auf einer Länge von sieben Meter gebrochen war.

Die Groupama 3 wurde geborgen und nach Frankreich geschifft. Was wird aus ihr?
Sie wurde im März per Cargo nach Frankreich gebracht. Ein neuer Mast ist bereits im Bau. Er sollte nächsten Winter für einen neuen Versuch fertig sein. Bis dahin werden wir einige Teamregatten auf dem 60-Fuss-Tri Groupama 2 segeln, darunter auch die Québec-St.-Malo.

2007 ist Ihnen zusammen mit Franck Cammas eine fast perfekte Saison gelungen. Sie haben die Transat Jacques Vabre gewonnen und eine ganze Reihe Rekorde gebrochen….
Es war wirklich ein gutes Jahr. Franck Cammas vertraut mir, so dass ich mich ganz dem Segeln widmen kann und mich nicht um das Projektmanagement kümmern muss. Wir sind mit einem 100% regattatüchtigen Boot an den Start der Jacques Vabre gegangen. Das Team besteht aus 25 Personen, alles ist mathematisch genau berechnet.

Eigentlich funktioniert Stève Ravussin sonst ganz anders…
Ich liebe die Elemente. Berechnungen und Geldangelegenheiten sind nicht mein Ding. Ich segle wirklich gern mit Cammas, noch lieber aber leite ich meine eigenen Projekte.

Es war auch Ihre erste Fahrt in den tiefen Süden?
Ich spreche eigentlich lieber von bestimmten Bedingungen an bestimmten Orten als mich über meinen sportlichen Lebenslauf auszulassen. An der Transat Jacques Vabre 1999 (Anm. d. Red.: mit Franck Cammas, 2. Platz) erlebte ich den schlimmsten Sturm aller Zeiten. Er wütete 30 Stunden lang ununterbrochen, die Haut und die Augen brannten vom vielen Salz. Paul Vatine verlor dabei das Leben. Auch die Québec St. Malo von 1996 mit Primagaz war heftig. Im Vergleich zu diesen beiden Erfahrungen sind die grossen Böen im Indischen Ozean auf einem Maxi-Trimaran lachhaft.

Mit Ausnahme der Mini-Transat mit Pierre Fehlmann am Anfang Ihrer Seglerkarriere sind Sie ausschliesslich auf Mehrrümpfern gesegelt. Warum?
Nach der Mini-Transat von 1995 hatte ich die Wahl: Entweder ich versuchte das nötige Geld für die Figaro aufzutreiben oder ich segelte die Route du Rhum auf der Formel 40 Triga. Da ich ein Tempofreak bin und beide Projekte gleich viel kosteten, entschied ich mich für die Route du Rhum. Damals wusste in der Schweiz kaum jemand, was unter der Route du Rhum zu verstehen war. Die Figaro kannte erst recht niemand.

Momentan sind Sie ohne Boot. Wie sehen Ihre Projekte aus?
Ich setze mich für die Multi One Design (MOD) und ihren europäischen Circuit ein (Anm. d. Red.: s. Skippers Nr. 26) Vier Kaufverträge für die 70-Fuss-Trimarane sind bereits unterzeichnet: Groupama, ein anonymer Käufer, Mark Turner (OC Challenge) und ich. Wir brauchen aber noch eine fünfte Bestellung, damit das Projekt anlaufen kann.

Das MOD-Projekt hat viel Ähnlichkeit mit der Challenge Julius Bär…
Ja. Einheitsklassen beseitigen technologische Unterschiede. Damit haben alle Teams die Möglichkeit, mindestens eine Wettfahrt pro Regatta zu gewinnen. Das war mit den Open 60’ der ORMA schlicht unmöglich. Dafür waren sie viel zu verschieden.

Sie haben ein Boot bestellt. Konnten Sie das nötige Betriebsbudget auftreiben?
Noch nicht. Ich warte, bis das Projekt richtig startet. Wenn ich Siegeschancen haben will, brauche ich zwischen 1,7 und 2 Mio. Euro im Jahr. Am liebsten hätte ich ein Schweizer Team mit Schweizer Partnern. Bei uns gibt es viele Segelliebhaber, die hervorragende Arbeit leisten. Ausserdem ist Segeln ein guter internationaler Botschafter.

OFranck Cammas arbeitet mittlerweile für BMW Oracle Racing. Wurden Sie vom einen oder andern Team im Hinblick auf einen möglichen America’s Cup auf Mehrrümpfern kontaktiert?
Es wurde vielerorts behauptet, ich arbeite für Oracle. Völliger Blödsinn. Ich würde einem Team aus meinem Land nie in den Rücken fallen. Wenn Alinghi auf mich zukommt, dann helfe ich Ihnen natürlich gerne.

Und bis dahin?
Bis dahin werde ich auf der D35 Zen Too von Guy de Picciotto segeln. Es ist vorgesehen, dass ich an den ersten vier ersten Regatten der Challenge Julius Bär mit an Bord sein werde. Ausserdem bin ich dabei eine Bootswerft in Lorient aufzubauen. „Océan Développement“ wird ein Gemeinschaftsunternehmen von Franck David (Anm. d. Red.: Executive Director der MOD-Tour), meinem Bruder Yvan und mir sein. Wir wollen dort Regattaboote warten und vorbereiten. Ausserdem werden wir auch Kompositteile für ZR Concept, Yvans Unternehmen in Morges herstellen. Auf diese Weise bereite ich gleichzeitig meine weitere berufliche Laufbahn vor…

Stève Ravussin als Rentner, ist das überhaupt möglich?
Ääh… ich weiss nicht. Ich segle seit zehn Jahren ohne einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Gestern war ich noch in Lorient, wo ich morgen sein werde, weiss ich nicht. Ich habe keinen Karriereplan und auch keine Kommunikationsstruktur. Ich bin der Meinung, dass man ein fröhlicher Mensch sein und trotzdem profimässig arbeiten und segeln kann. Ich bringe die Leute manchmal zum Lachen, gleichzeitig wecke ich mit meiner spontanen Art und meinem Abenteuergeist aber auch Träume. Das ist nun mal so, da steckt keine Berechnung dahinter. Ich gehe meinen Weg und bin immer noch der Wirbelwind Stève Ravussin (lacht).