Die chinesische Metropole begrünt ihre Quartiere nach dem Vorbild Singapurs und schützt die letzten noch erhaltenen Naturräume am Stadtrand.
Fotos ) Bernard Pichon & Brice Lechevalier
Kaum hat man den von Norman Forster entworfenen, glitzernden Hongkonger Flughafen verlassen, sehnt man sich nach dem nächsten klimatisierten Raum – und findet ihn im Bus, im Taxi oder in der praktischen U-Bahn «Express Line», die nur 40 Minuten bis ins Stadtzentrum braucht.Auf den ersten Blick wirkt Hongkong wie ein Betonigel, der sich in einem Urwald breit gemacht hat. Gibt es hier noch so etwas wie Wildnis? «Warten Sie, bis Sie auf dem Victoria Peak stehen», rät Helen Gorrod von der Airline Cathay Pacific, die täglich Flüge zwischen der Schweiz und der als «Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China» geltenden Grossstadt anbietet. Dieser markante Aussichtspunkt ist der beste Ort, um sich einen Überblick über die pulsierende, 7,5 Millionen Einwohner zählende Stadt zu verschaffen und sich zu orientieren.
Grüne Lunge
Aus dieser Perspektive überrascht es, wie grün die kompakte Küstenlandschaft von Hong Kong Island und der direkt gegenüberliegenden Halbinsel Kowloon wirkt. Auf vielen Hochhäusern unterhalb von Victoria Peak wurden hydrophile Dachgärten angelegt. Hier und da ist das Grün bis in die Strassenschluchten zwischen den eng aneinander gedrängten Gebäuden vorgedrungen. Eine echte Oase und gelungene Mischung aus futuristischer Infrastruktur und Natur ist der Hong Kong Park mit seinen Wasserfällen, Teichen sowie Gewächs- und Vogelhäusern. Die Stadtverwaltung hat sich zum Erhalt der Grünflächen verpflichtet und sogar den Bau von zehn neuen Stadtparks angekündigt.
Was wäre eine chinesische Stadt ohne traditionelle Grünanlagen? Der Garten in Nan Lian wurde im Stil der Tang-Dynastie (618 bis 907), dem ersten goldenen Zeitalter des klassischen chinesischen Gartenbaus, angelegt. Die Gärten aus dieser Ära waren raffinierter als je zuvor und bildeten Oasen der Ruhe in einer schon damals stürmischen Welt. Das Wasser spielt in den Grünanlagen auch heute noch eine wichtige Rolle. Es steht für Leben und Wohlstand. Die Bäume und Blumen setzen üppige, farbenfrohe Akzente, während die Steine Beständigkeit, Weisheit und Stärke symbolisieren.
Frische Luft
Nicht einmal eine Autostunde entfernt lädt eine intakte, artenreiche Umwelt die Hongkonger Bürger zu zahlreichen sportlichen Aktivitäten ein. Wälder, Heide- und Vulkanlandschaften, Sümpfe, Stauseen sowie Strände mit kristallklarem Wasser machen fast 75% des Gebiets von Hongkong aus.Die auch als «Garten Hongkongs» bezeichnete Region Sai Kung ist für ihre geologischen Formationen und ihre leichten bis anspruchsvollen Wanderwege berühmt. Ultra-Trailer und Wanderer aus aller Welt messen sich auf vier Fernwanderwegen, den 4 Big Trails, die jeweils in einem Stück oder in mehreren Etappen bewältigt werden können:
- Der MacLehose Trail durchquert die New Territories von Sai Kung im Osten bis Tuen Mun im Westen auf einer Länge von 100 Kilometern.
- Der 78 Kilometer lange Hong Kong Trail führt durch die fünf geschützten Parks auf Hong Kong Island.
- Der Wilson Trail erstreckt sich auf einer Gesamtlänge von 78 Kilometern von Stanley im Süden von Hong Kong Island bis nach Nam Chung im Norden der New Territories.
- Der Lantau Trail führt auf 70 Kilometern einmal um die gesamte Insel Lantau.
Zu Tisch!
Nach dem Wandern strömen die Feinschmecker ins Städtchen Sai Kung, das mit einem grossen Angebot an frischem Fisch und Meeresfrüchten lockt. Sich für eines der vielen Restaurants zu entscheiden, ist schwer – zumal die Meinungen über die einzelnen Gaststätten auseinandergehen. Wenn das Restaurant von Einheimischen besucht wird, kann dies für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis sprechen. Immer gut besucht ist zum Beispiel das direkt am Pier gelegene Chuen Kee Seafood. Derweil wirbt das gehobenere Sing Kee Seafood mit einem Michelin-Stern. Und auch die japanischen Teppanyaki haben ihre Fans.
Als Verdauungsspaziergang bietet sich ein Schaufensterbummel durch Sai Kung an. Das Shoppingangebot richtet sich in erster Linie an Touristen, die Gewürze, lokales Kunsthandwerk und andere Mitbringsel suchen. Die Juweliergeschäfte ziehen ein zahlungskräftigeres Klientel an. Diese Luxusläden scheinen ganz ohne Sicherheitspersonal auszukommen. Hongkong weist ja auch eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt auf: 2023 kamen 1 648 Straftaten auf 100 000 Einwohner – verglichen mit 6 522 in der Schweiz! Die Geschäfte sind trotzdem mit ausgeklügelten Sicherheitssystemen wie Überwachungskameras, Alarmanlagen und Panzertüren ausgestattet. Diskretion ist aber oberstes Gebot.
SICH IM SEE DES STADTGARTENS.