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Können Frauen wirklich gewinnen?

von Louna MARTIN

Umfrage

Im Segelsport starten Männer und Frauen oft gemeinsam, aber sind die Chancen tatsächlich gleich verteilt? Eine Spurensuche.

Beim Segeln treten Frauen und Männer häufig an den gleichen Regatten und auf den gleichen Booten gegeneinander an. Diese scheinbare Gleichstellung wirft jedoch eine entscheidende Frage auf: Haben Frauen tatsächlich die gleichen Chancen auf Spitzenleistungen und Siege wie ihre Konkurrenten? Dass Männer grundsätzlich körperlich stärker sind, steht ausser Frage. Doch im Segelsport kommt es nicht allein auf Muskelkraft an. Technische Entwicklungen, das nötige Feingefühl und eine grosse Portion Ausdauer tragen das Ihre dazu bei, dass sich Seglerinnen behaupten können.

Körperliche Geschlechterunterschiede sind ein Fakt, aber noch lange kein Handicap. Frauen haben in der Regel weniger Muskelmasse als Männer. Für eine Sportart wie Segeln mag dies auf den ersten Blick ein Nachteil sein. Laut Anne Beaudart, die als Sportcoach in Lorient mehrere Skipperinnen und Skipper auf die Vendée Globe vorbereitet hat, sind Frauen an Bord gleich gefordert wie Männer, «sie gehen allerdings anders mit Anstrengung um und sind ausdauernder.» Das Beispiel von Justine Mettraux zeige, dass eine konstante, gute Vorbereitung im Winter sowie ein richtiger Kräftehaushalt entscheidend zum Erfolg beitragen. «Ich trainiere Frauen und Männer in der Sporthalle daher genau gleich. Einige entwickeln dabei mehr Ausdauer, andere mehr Kraft.» Aurore Kerr, Regattaseglerin und ehemalige Strukturingenieurin bei Alinghi Red Bull Racing, betont, dass ein guter Konditions- und Kraftaufbau, gezieltes Training und geeignetes Material den körperlichen Unterschied kompensieren können.

Technik als Hebel für Leistung

Hier kann der technologische Fortschritt den Seglerinnen unter die Arme greifen. Ein Kraftdefizit lässt sich unter Umständen durch Anpassungen an Winschen, Grindergrösse, Gewichtsverteilung oder zusätzliche Umlenkrollen reduzieren. Das ist jedoch nicht überall erlaubt. Der Bootstyp und das Regattaformat können Geschlechterunterschiede sogar verschärfen. Im olympischen Segeln fallen Material und Mechanik je nach Klasse unterschiedlich stark ins Gewicht, erklärt Olympionikin Nathalie Brugger, die am letzten Women America’s Cup das Schweizer Boot gesteuert hat. Unabhängig davon bleibt die körperliche Vorbereitung zentral. «Auf einigen Booten wie dem Laser oder dem Nacra 17 sind Kondition und Kraft ausschlaggebend. Das Gleiche gilt für die Binnenseeracer D35 und TF35.» Für die Schweizer Skipperin ist aber klar: Andere Qualitäten können ebenso wichtig sein. Das hat sie die Erfahrung auf dem AC40 gelehrt: «Teamzusammenhalt, bootsspezifische technische Aspekte und Taktik sind ebenso relevant.» Dieser Grundsatz gilt allgemein für Einheitsklassen, in denen auf gleichen Booten gesegelt wird und Änderungen streng reglementiert sind. Hierzu gehören beispielsweise die Figaro 3, J70, Laser und 49er. Bauvorschriften definieren genau, was erlaubt ist und was nicht. One-Design-Klassen sind so ausgelegt, dass nur Manöver und Strategie über Sieg und Niederlage entscheiden sollen, da alle mit dem gleichen Material und somitunter den gleichen Voraussetzungen starten. Allerdings wird dabei die Tatsache vernachlässigt, dass Frauen und Männer nicht zwingend gleich viel Kraft haben. Anders sieht es bei offenen Konstruktionsklassen («Box Rule») wie IMOCA, Class40, Mini 6.50 Proto oder Ultim aus. Dort werden sehr wenige Vorgaben gemacht. Alles, was nicht ausdrücklich verboten oder geregelt ist, gilt als erlaubt. Folglich dürfen in diesen Klassen technische Optimierungen vorgenommen werden. Wobei solche Änderungen etwas kosten und das entsprechende Budget nicht immer vorhanden ist. Zusammenfassend heisst das: Je weniger «One Design» ein Boot ist, desto weniger zählt die Muskelkraft und desto grösser sind die Chancen der Seglerinnen. In diesem Fall herrschen tatsächlich faire Voraussetzungen.

Alle an der gleichen Startlinie

Gemischte Teams funktionieren in der Praxis oft sehr gut. Dabei stellt sich die Frage der Rollenverteilung. «Hürden gibt es noch immer», sagt Nathalie Brugger, «sie hängen oft mit Klischees zusammen. Frauen gelten als schwach und müssen erst beweisen, wozu sie fähig sind, bevor man ihnen eine verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut.» Natürlich ist Kraft ein Leistungsfaktor, aber nicht der einzige. Ebenso wichtig sind Strategie und Reaktionsvermögen. Mit den richtigen Entscheidungen kann die Zahl der Manöver reduziert werden. Wer vorausdenkt, spart Kraft. Hier kommt wiederum das Material ins Spiel. «Der technische Fortschritt hat Frauen den Zugang zum Segeln erleichtert, indem er die Hürde der reinen Muskelkraft deutlich gesenkt hat», bringt es Aurore Kerr auf den Punkt.

Seit einigen Jahren entwickelt sich der Bootsbau rasant weiter. Bei jeder Hochseeregatta Fallen Rekorde. In einigen Bootsklassen oder Regattatypen mögen Frauen benachteiligt sein, in anderen wiederum können sie ihre Stärken erfolgreich ausspielen. Es geht längst nicht mehr darum, zu beweisen, dass Frauen auf dem gleichen Niveau segeln können wie Männer, sondern anzuerkennen, dass sie ihre Leistung anders erbringen. Früher war die reine Körperkraft ein wesentliches Auswahlkriterium. Durch die Weiterentwicklung von Booten, Material und Trainingsmethoden wurden die Karten neu gemischt. Muskeln sind das eine, Strategie, Präzision und Anpassungsvermögen das andere.

Der weibliche Zyklus als zusätzliche Herausforderung

Wie alle Athletinnen müssen Seglerinnen während der Menstruation leistungsfähig sein. «Das Training können sie ihrem Zyklus entsprechend anpassen», sagt Anne Beaudart. Wettkampftermine sind hingegen fix und an Hochseerennen rund um den Globus wie der Vendée Globe haben Frauen unweigerlich ihre Periode. Wie Laure Jacolot, die designierte Ärztin der letzten Vendée Globe, erklärt, bereiten sich die Skipperinnen im Vorfeld auf ihre Menstruation an Bord vor, damit sie dadurch möglichst wenig eingeschränkt werden. «Viele entscheiden sich aus Hygiene- und Komfortgründen für hormonelle Verhütung, mit der die Periode ausgesetzt wird. Andere wollen sie lieber nicht unterdrücken.» Müdigkeit, die ständige Bewegung und die Ernährung beeinflussen zwar den Hormonhaushalt, die Pille bleibt aber trotzdem wirksam. Ein noch immer wenig thematisierter Aspekt ist das prämenstruelle Syndrom. Die damit verbundenen Beschwerden sind oft schwieriger zu handhaben als die Periode selbst, denn sie beeinträchtigen den Schlaf und den Energiehaushalt. Hinzu kommt laut Laure Jacolot ein weiteres Risiko: Harnwegsinfektionen. «Weil der Toilettengang oft schwierig ist, trinken Frauen tendenziell zu wenig. Dadurch werden sie anfälliger für Blasenentzündungen.»

LAURE JACOLOT, VENDÉE GLOBE DOCTOR ©Jean-Marie Liot

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