In Wälder gehüllte Felswände ziehen an der Fensterscheibe des Taxis vorbei. Wasserfälle und Papageien in Clowngewändern haben sich in diesem Gemenge schlummernder Vulkane gemütlich eingerichtet. Nach dem zaghaften Erkundungsversuch durch Kolumbus im Jahr 1498 war die Insel jahrhundertelang Objekt verbissener, blutiger Fehden zwischen England und Frankreich, das schliesslich klein beigeben musste. Nur einige französisch klingende Dorfnamen, die man hier und da am Strassenrand verstreut liest, erinnern noch an diese Zeit. An der Nordwestküste der Insel liegt zum Beispiel der reizvolle Weiler mit dem unpassenden Namen „Petit bordel“ – kleines Bordell. Ozzi, der Rastafari-Fahrer, überlegt, was aus dem Land hätte werden können, wenn es französisch geblieben wäre, während er seine während 30 Jahren gewachsene, unter eine gelbgrüne Mütze gezwängte Mähne gemächlich hin und her wiegt : „Sicher so etwas wie Martinique oder Guadeloupe mit einer Menge Gebäude und Autobahnen. Da sind wir doch lieber unabhängig, obwohl ich nicht immer begreife, warum es nicht gelingt, eine karibische Union zu gründen. Ich habe den Eindruck, dass die Kariben nur eines verbindet : Kricket !“
Seepferdchen so gross wie ein Oberarm
Kricket und vielleicht eines der schönsten Meere der Welt. In der Umgebung von Young Island, unweit der Landeshauptstadt Kingstown, kühlt eine kleine Flotte Segelboote ihre Bäuche in einer kaum sichtbar vom Wind gekräuselten Bucht. Auf dem 46-Fuss-Katamaran Allicat steht stolz Cap’tain Browne, der Eddy Murphy zum Verwechseln ähnlich sieht. „Hey Mann, das hier ist das Segelparadies ! Ich bin gerade aus den USA zurückgekommen. Dort kann man alles haben, ein Luxusauto fahren und sich die neusten Kinofilme ansehen. Das gibt es hier aber nicht!“ sagt er und beschreibt mit dem Arm eine auslandende Geste über das wie eine Schildkröte unter der Sonne gewölbte Meer. „Hier muss man lernen, sich mit einer einzigen Shampoomarke zufrieden zu geben. Pech gehabt, wenn du Schuppen hast Mann !“ Damit wissen Segler mit empfindlicher Kopfhaut wenigstens, dass sie vorsorgen müssen. Einmal abgesehen von diesem Manko besitzt die Region mit dem konstanten Nordostpassat alles, was man für einfaches Segeln braucht. Da das Land ständig in Sichtweite ist, ist die Navigation zudem sicher. Bevor man die Tropfen dieses Antillensirups aufsaugt, sollte man aber unbedingt in die Unterwasserwelt abtauchen, denn hier in den kleinen, geschützten Sandbuchten südlich von St. Vincent tummeln sich ein paar Tierchen, die das Herz jedes Makrofotografen höher schlagen lassen. Am Fuss eines mit Schwämmen und Weichkorallen überzogenen Felsens setzt sich ein Seepferdchen, das so gross ist wie ein Oberarm, gekonnt in Szene. Rasiermesserfische schiessen verdattert aus dem sandigen Grund, bevor sie genauso flink wieder hineinflitzen, als handle es sich um klares Wasser. Brunnenbauer oder Kieferfische, die trotz des lächerlichen Namens wunderschön sind, empfangen den Taucher am Eingang ihres Baus. Vertraulichkeiten mögen sie aber nicht. Wenn man sich ihnen auf mehr als einen Meter nähert, ziehen sie sich blitzschnell in ihre Gemächer zurück. Am häufigsten sind Gebänderte Brunnenbauer (Opistognathus macrognathus), bräunliche, schmollende Wesen mit einem guten Kern und vor allem mit wunderschönen, grün schimmernden Kulleraugen. Ihre Vetter, die Goldstirn-Brunnenbauer (Opistognathus aurifons), sind eine einzige Farbenexplosion. Graziös posieren die Schönlinge mit der Schamlosigkeit eines Hollywoodstars vor der Linse. In den meisten der 44 Tauchspots vor St. Vincent finden sich neben dem gewohnten karibischen Kleinfisch originelle Fischfrikassees aus Seenadeln, Seepferdchen, Anglerfischen und Fledermausfischen, begleitet von einem Salat aus schönen Gorgonien, das Ganze serviert in kristallklarem Wasser. Nur im April, wenn das Wasser des Orinoco die seltsame Idee hat, bis in die Kleinen Antillen hochzusteigen, statt brav vor der Küste Venezuelas zu verharren, sind die Sichtverhältnisse ein paar Tage lang erheblich beeinträchtigt. Die plötzlich angeschwemmten Mineralstoffe führen zur Effloreszenz der Algen, die das Riff düngen, gleichzeitig aber das Wasser trüben.
Die Tradition der Modellboote
Bequia (wird Bekue ausgesprochen) ist die nördlichste Perle der 600 anmutigen Inseln und Eilande der Grenadinen. Vor bald 300 Jahren kreuzte das französische Sklavenschiff La Concorde die Route des berüchtigten Blackbeard und stürzte die Besatzung damit ins Verderben. Ein paar Schiessereien später überliessen die Männer ihr Schiff dem gefürchteten Seeräuber und wurden von diesem auf Bequia ausgesetzt. Sie hätten es schlechter treffen können. Heute begegnet man auf der Insel Frauen, deren geschwungene Formen an Pfeffermühlen erinnern, und Männer mit hellen Augen und einer Hautfarbe wie gebackenes Brot – Nachkommen der Seeleute, deren Gebeine über das gesamte Land des Antillenbogens verstreut sind. Curtis Ollivierre, Nachfahre eines Volks aus französischen und schottischen Matrosen und bereits in der 5. Generation auf Bequia, gehört zu diesem „Treibholz“, das häufig in vom. Wind gepeinigten Ländern hängen bleibt. In einem Bukanier-Englisch, das tönt, als hätte es einen Sonnenstich, erzählt er, wie sein Cousin Athneal mit Harpunen Jagd auf Wale machte. Die Walfangtradition geht auf eine Zeit zurück, in der die amerikanischen Schoner die Inselbewohner anheuerten, um schadlos durch die mit Cays, Untiefen und anderen hinterhältigen Hindernissen übersäten Gewässer zu kommen. Obwohl Bequia noch heute eine jährliche Fangquote von vier Buckelwalen hat, hat sich der Handel mit holzgeschnitzten Modellbooten mittlerweile doch als lukrativer erwiesen. Lawson Sargeant, einer der ersten, der die glänzende Idee hatte, das Know-how der alten Zimmermänner für die Herstellung von Modellbooten einzusetzen, fing 1966 mit Segelbooten aus Kokosschalen an. „Damals zerschnitten wir unsere Hemden, um Segel daraus zu fertigen! Unsere Technik hat sich danach gut weiterentwickelt und wir sind zu Gummibaumholz übergegangen.“ 20 Jahre und etliche Späne später schenkte er der englischen Königin bei einem ihrer Inselbesuche eine prachtvolle Miniaturkopie der Britannia. Ihre königliche Hoheit soll das kleine Meisterwerk noch heute im Buckingham Palast aufbewahren. Draussen tanzen Segel, so weiss wie frisch geraspelte Kokosnüsse über dem knallblauen Wasser, während sich am südlichen Horizont grünliche Blasen in Nichts auflösen. Es ist schwer, dem Ruf des Südens zu widerstehen!
Tägliches Dilemma
Moustique, die Insel der Stars und der Richards, und Canouan, das für 99 Jahre an die Hotelkette Raffles Resort vermietet wurde und deren Luxuskomplex mit Golf und Kasino von Donald Trump geführt wird, sollte man besser nicht ohne goldene Kreditkarte besuchen. Dort sind die Tauchspots sowieso nicht unbedingt umwerfend. Am besten lässt man die braven Leute unter sich und zieht weiter zu den Tobago Cays, einem Haufen winziger und paradiesisch anmutender Inseln. Während die Sonne geräuschlos hinter dem tintenblauen Meer untergeht, gleitet der Katamaran wie ein Geist an den bereits vertäuten Schiffen vorbei, die müde von ihrem Galopp durch die Wellen wie Pferde an ihren Nüstern festgemacht sind. An Bord diskutiert das kleine Volk der „Yachties“ und der Cocktail Cruisers“ mit einem Glas in der Hand über die morgige Route, verliebte Pärchen – so sehen sie im Dunkeln zumindest aus – stossen auf ihr künftiges Glück an, bemützte Kapitäne zeichnen mit ihren glühenden Zigaretten rote Punkte in die Dunkelheit und fahrtensegelnde Intellektuelle blättern zwischen zwei Schlucken Martini in ihren Schmökern. Am frühen Morgen schwappt das bisher in allen Blautönen schimmernde Meer plötzlich ins Smaragdfarbene über. Ein Smaragdgrün, dass sich über die ganze Landschaft gelegt hat und mit den weissen Sandzungen des Eilands Baradel fl irtet, sich unter die im perfekten 45°-Winkel geneigten Kokospalmen von Jamesby schiebt und das Grün von Petit Rameau herausfordert. Das hufeisenförmige Korallenriff Horseshoe Reef ist eindeutig der schönste Ankerplatz der Welt. Ausserhalb des zerfransten Riffs bricht die Urgewalt des Ozeans in einem tosenden Donner aus jade- und silberfarbenen Wellen hervor. Unter der Wasseroberfl äche weicht das Getöse einem kräftigen, geräuschlosen Strom. Hier kann man sich herrlich treiben las-sen, vorbei am Korallenriff und den neugierigen Blicken der Barrakudas. Kaum nähert sich ein Taucher, stieben die braun und blau schillernden Fischschwärme hektisch auseinander, als hätte sie eine geheimnisvolle Explosion in Panik versetzt. Eindrückliche Füsilierschwärme huschen geräuschlos durchs Wasser und hier und dort erkennt man im Gegenlicht den Umriss eines Schwarzspitzen-Riffhais. Es ist nicht immer einfach, sich zwischen Luft und Wasser zu entscheiden. Auf den Grenadinen wird man täglich vor dieses Dilemma gestellt.