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Gute Nerven gefragt

von Quentin Mayerat

Punkt 19:30 Uhr knallt der Startschuss durch die Lindauer Bucht. Bewirkt hat er aber eigentlich nichts. Nach wie vor stehen die 408 Boote still, teilweise noch weit entfernt von der Startlinie. Auf den unzähligen Zuschauerschiffen und entlang der Lindauer Seepromenade reiben sich Segelinteressierte und Neugierige gleichermassen die Augen. „Müssten die jetzt nicht losfahren?“, fragen sie. Und: „Ist das normal?“

Tatsächlich schufen die Windverhältnisse beim Start zur 59. Rund Um eine bizarre Situation. Tagsüber hatte etwas Westwind auf dem Bodensee noch für gute Trainingsbedingungen gesorgt, was auch rege genutzt worden war. Gegen Abend flaute der aber immer mehr ab und just ein paar Minuten vor dem Start herrschte totale Flaute. Das Feld stand still. Das einzige Boot, das die Linie relativ pünktlich passierte, war die vom Plattensee angereiste Libera Raffi ca. Skipper Zsolt Kiraly war schon früh eine Wende in Richtung des neu zu erwartenden Windes gefahren und hatte kurz nach dem Start das erste Lüftchen erreicht. Schnell sprang die extrem leichte, aber mit viel Segelfl äche ausgestattete Raffi ca an, zog davon und segelte innert kürzester Zeit einen beträchtlichen Vorsprung heraus. Sollte es nach den 2007 eingeführten Regeländerungen also doch wieder einer Libera gelingen, den Parcours von Lindau nach Romanshorn, Konstanz, Überlingen und wieder zurück am schnellsten hinter sich zu bringen?

Liberas gegen Hightech
2007 hatte der Lindauer SC als organisierender Club beschlossen, auch Katamarane sowie Boote mit Schwenkkiel und Wasserballastsystem für die Regatta zuzulassen und sie zusammen mit den Liberas in einer eigenen Startgruppe zu werten. Das hatte damals zwar den Startverzicht der meisten Liberas zur Folge, aber auch einige innovative Entwicklungen in Gang gesetzt. Seither sind X40-Katamarane, Psaros 40, Eigenkonstruktionen wie die in der Schweiz gebaute Wilke 49 von Wolfgang Palm und sogar America’s Cupper angetreten. Auch in diesem Jahr befanden sich unter den teilnehmenden Booten zwei Psaros 40, die Wild Lady von Wolfgang Palm, ein X40-Katamaran und die zwei in Langenargen stationierten America’s Cupper. Und auch Eckhard Kaller nahm als Steuermann des erst wenige Stunden vor der Regatta fertiggestellten Katamarans YSA die Rund Um in Angriff. Der in der Werft von Sven Ackermann in Wasserburg gefertigte Kat wiegt bei zwölf Metern Gesamtlänge und 140 Quadratmetern Segelfl äche nur gerade 600 Kilogramm und wurde eigens für Bodenseebedingungen konzipiert. Zu dieser illustren Favoritengruppe gesellten sich auch vier Liberas. Sollte es, um auf die vorgängig gestellte Frage zurückzukommen, also tatsächlich einer Libera gelingen, sich gegen die technologisch weiter entwickelte Konkurrenz durchzusetzen? Es gelang tatsächlich. Die Raffi ca, die schon am Start allen davon gefahren war, überquerte nach mehr als zwölf Stunden auch als erste die Ziellinie.

Dazwischen war es aber zu einigen Führungswechseln gekommen. Selbst Ralph Schatz, der bereits zum dritten Mal vergeblich versuchte die Rund Um mit einem gecharterten X40 zu gewinnen, führte kurzzeitig, bevor er in einem der zahlreichen Flautenlöcher parkierte. Am Ende reichte es nur für Rang sieben. Besser erging es Albert Schiess vom YC Arbon, der zu einer spektakulären Aufholjagd ansetzte. Mit seinem eher kleinen Katamaran Holy Smoke fand er sich im Überlinger See bestens zurecht und schob sich langsam nach vorne, bis er gegen 5.45 Uhr die Führung übernahm – allerdings nur für eine halbe Stunde. Dann zog die an der Spitze der Verfolgergruppe segelnde Raffi ca wieder vorbei. Sie erwischte als einzige einen Windstreifen und setze sich vom Feld ab. Albert Schiess blieb mit etwas mehr als 41 Minuten Rückstand nur Rang zwei – ein zwar hervorragendes, unter diesen Umstän den aber auch etwas enttäuschendes Resultat. Nochmals 20 Minuten später folgte an dritter Stelle mit der Lillo von Markus Fuchs bereits die nächste Libera, was die Konkurrenzfähigkeit dieser Klasse bei leichtesten Windbedin gungen zusätzlich unterstreicht.

Gelassene Vorsitzende
Während die weiteren Favoriten am Morgen zwischen acht und elf Uhr die Ziellinie querten, wartete auf die meisten der vermutlich über 2‘000 teilnehmenden Segler ein heisser, aber windarmer Junitag und eine harte Geduldsprobe begann. Nach und nach gaben viele Schiffe auf und motorten nach Hause, einige konnten wegen Überschreitens der 24 Stunden-Zeitlimite nicht mehr gewertet werden. 122 Boote erreichten das Ziel, 19 hatten die kurze Bahn absolviert. Christine Holz, die Vorsteherin des LSC, die selbst auf einem klassischen 8er mitgesegelt war, nahm es gelassen: „Im vergangenen Jahr hatten wir viel Wind, in diesem Jahr eben etwas weniger. Wir betreiben einen von der Natur abhängigen Sport“, sagte sie und liegt mit dieser Einstellung sicher richtig. Etwas mehr Wind zum 60. Jubiläum im nächsten Jahr wäre aber wohl trotzdem nicht schlecht.

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