Die Bol d’Or reizt die Segler vom Genfersee schon seit ihrer Gründung im Jahr 1939. Ihre Geschichte wurde von vielen passionierten Regatteuren geschrieben, die in den jeweiligen Epochen versuchten, eine Art Quadratur des Kreises zu lösen, um sich Chancen auf den Gewinn der begehrten Schüssel ausrechnen zu können. Damals wie heute gilt: Wer den legendären, 66,5 Seemeilen oder 123 Kilometer langen Kurs von Genf nach Le Bouveret im Wallis und zurück als erster beenden will, braucht ein vielseitig einsetzbares Boot, das bei Schwachwind schnell ist und Windstössen standhält, ein erfahrenes Team und das berühmte Quäntchen Glück.

Seit 2007 starten die Einrümpfer und die Mehrrümpfer an der Bol d’Or von zwei getrennten Linien. Die Berge spielen bei der Regatta eine wichtige Rolle, denn sie sorgen für die drehenden Winde. © Loris von Siebenthal
Viele Generationen von Bootseignern, Ingenieuren, Jachtdesignern und Segelmachern haben ihr Talent in den Dienst dieser Ausnahmeregatta gestellt. Die Ergebnisse übertrafen die verwegensten Hoffnungen, denn die Bol d’Or ist im Lauf der Jahre zu einem der hochkarätigsten Segellabors geworden. Tatsächlich wurden am Genfersee zahlreiche Innovationen geboren, bevor sie sich schliesslich weltweit durchsetzten. „Der See ist ein einzigartiges Segelrevier“, betont Nicolas Grange, zweifacher Sieger der Bol d’Or und Präsident der Association des multicoques de compétition (AMC), der auch die berühmten D35-Katamarane angehören. „Er bietet ideale Wind- und Wellenbedingungen, um originelle Lösungen zu testen, ohne dabei um die Sicherheit der Teams bangen zu müssen.“
Von den Meterjachten…

Zoé, EIN AMETHIYST im Besitz von Fernand Isabella, ist der letzte Einrümpfer, der die Bol d’Or 1981 in Echtzeit gewinnen konnte. © Yves Ryncki
Die mit der Bol d’Or verbundene technische Entwicklung verlief schrittweise. Lange wurde kaum an den Materialien gefeilt und die Konstrukteure beschäftigten sich hauptsächlich mit den Rümpfen. Bis ins Jahr 1970 wurde die Regatta von den Meterklassen (6er und 8er) dominiert. „Es gab Eigner, die liessen alle zwei Jahre ein neues Boot bauen“, erzählt der Designer und erfolgreiche Regattasegler Philippe Durr, der eine Werft in Versoix führt und die Bol d’Or bereits sieben Mal als Steuermann gewinnen konnte. „Damals segelten die Meterjachten nicht nur an der Bol d’Or, sondern auch an den Olympischen Spielen und den Weltmeisterschaften. Gesteuert wurden sie von Männern vom Kaliber eines Louis Noverraz.“
Dann kam der Toucan mit seiner torpedoförmigen Kielbombe. Er setzte sich von 1971 bis 1978 gleich acht Mal in Folge an die Spitze. Die Meterjachten mussten die Segel streichen. Das komplett am Genfersee gebaute Boot, das nur für einen Zweck, nämlich für den Sieg an der Bol d’Or, entworfen wurde, läutete eine neue Ära ein. Nach ihm gelang es nur noch einem einzigen Einrümpfer, der Améthyste, die Bol d’Or in Echtzeit zu gewinnen (1979 und 1981).
… zu den Mehrrümpfern

Altaïr XI von Philippe Stern, siebenfacher Gewinner der Bol d’Or und Fan von Innovationen. © Yves Ryncki

Alinghi 41 alias „Le Black“ von Ernesto Bertarelli (SIEBENFACHE SIEGERIN der Bol d’Or) blieb an der Bol d’Or vier Jahre lang ungeschlagen (2000, 2001, 2002 et 2003). © Yves Ryncki
Das Aufkommen der Mehrrumpfboote sorgte für eine völlig neue Situation. Motiviert durch den sensationellen Sieg des kleinen, gelben Trimarans von Mike Birch an der Route du Rhum 1978 beobachteten die Eigner vom Genfersee die seltsamen Gefährte auf zwei oder drei Beinen mit Argusaugen. Philippe Durr packte die Gelegenheit beim Schopf und präsentierte Philippe Stern, einem der bekanntesten und innovativsten Eigner seiner Generation, im darauffolgenden Jahr das Modell eines Trimarans. „Philippe Stern gab mir sofort grünes Licht und die Tests starteten komplett empirisch“, erinnert sich Philippe Durr. „Als das Boot in Anières für Probefahrten von Anker ging, hatte es gerade genug Zeit, um den Genfersee zu überqueren, bevor alles zu Bruch ging und es meine Werft in Versoix ansteuerte, wo wir uns wieder an die Arbeit machten.“ Gelohnt hat sich die Mühe: Altaïr IX war 1980 der erste Mehrrümpfer, der die Bol d’Or gewann.
Plötzlich waren die Segler und Tüftler nicht mehr zu bremsen. Sie machten sich die neuen, extrem leichten und widerstandsfähigen Verbundsstoffe zu Nutze, um ihre wildesten Träume umzusetzen. Ein Prototyp jagte den nächsten, zunächst auf drei, dann auf zwei Rümpfen. Es musste noch viel über das Verhalten der Rennziegen gelernt werden! „Wir wussten nicht wirklich, wie wir den scheinbaren Wind nutzen mussten und die ersten Mehrrümpfer waren mit Spis (!) ausgestattet“, schmunzelt Philippe Durr, relativiert dann aber: „Gleichzeitig wurden aber die ersten Tests mit Foils und 1992 auf der Altaïr XII sogar mit einem starren Segel durchgeführt.“
Einheitsklassen setzen sich durch
Es wurde zum Wettrüsten geblasen, das zwanzig Jahre anhielt; genau genommen bis 2003, als ein Sturm die Flotte der Mehrrümpfer dezimierte. Nach diesem Ereignis wurden grundlegende Überlegungen angestellt. Auslöser war aber auch die Tatsache, dass ein Boot, nämlich die Alinghi von Ernesto Bertarelli, die Bol d’Or seit vier Jahren (2000 bis 2003) auf unverschämte Weise dominierte. Acht Eigner von Mehrrumpfbooten beschlossen deshalb, eine Einheitsklasse, die Décision 35, zu lancieren. Seither wurde die Kultregatta von keinem anderen Bootstyp mehr gewonnen. „Durch die Einheitsklasse hat sich alles verändert“, bestätigt Nicolas Grange. „Aus acht D35 sind mittlerweile zwölf geworden. Wir segeln erstens häufiger – vorher verbrachten wir viel mehr Zeit mit Basteln – und zweitens entscheidet heute das Team über den Sieg.“ Die Idee erwies sich als goldrichtig. Einheitsklassen setzen sich nicht von ungefähr auch in der Hochseeszene durch. 2005 gesellte sich eine weitere Katamaran-Einheitsklasse, die der Ventilo M2 (28 Fuss) hinzu. Die M2 sind erschwinglicher als die D35, wurden ebenfalls am Genfersee entworfen und waren sofort ein grosser Erfolg.
Aber auch bei den Einrümpfern passierte einiges. Es wurden schwebende Rümpfe und extreme Jollen entwickelt, Schwenkkiele eingesetzt und Karbonteile verwendet. Bei der 1996 eingeführten Monohull-Kategorie „Bol de Vermeil“ machen die Libera, die Psaros 40 und die Taillevent die ersten Plätze unter sich aus.
Bald mit Drachen?
Tüftler geben sich aber auch heute nicht zufrieden, sie suchen ständig nach Neuerungen. Derzeit stehen Foils hoch im Kurs, egal, ob auf Einrümpfern wie der Mirabaud LX, Katamaranen wie der Hydroptère.ch oder der Syz&Co oder, noch erstaunlicher, auf dem Einrumpf-Foiler Pi28 mit dem dicken Flügelsegel. Auf diese Boote wartete ein unterschiedliches Schicksal, bisher aber konnte kein Foiler die Bol d’Or gewinnen. Trotzdem gilt noch immer: Die grösste Binnenseeregatta der Welt ist ein Schaulaufen technologischer Fortschritte. Vielleicht feiern ja in den kommenden Jahren abnehmbare Flügelsegel oder Drachenschirme ihren Durchbruch.