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In Apollos Wiege

von Quentin Mayerat

Könnte es unter dem strahlend blauen Himmel der Kykladen ein schöneres Törnziel geben als die Insel, auf dem der Gott des Lichts geboren wurde? Wir finden nicht. Also machen wir uns auf nach Delos. Von unserem Starthafen Piräus bei Athen sind es weniger als 100 Seemeilen bis zu diesem kleinen Flecken Land mitten in der Ägäis. Die Strecke lässt sich in beliebig viele Abschnitte unterteilen. Spannende Anlegemöglichkeiten gibt es unterwegs zu Hauf, man muss allerdings die nötige Zeit aufbringen. Wer nur eine gute Woche zur Verfügung hat, sollte zunächst Kea ansteuern. Die reizvolle Insel liegt an der Ausfahrt des Golfs von Athen und vermittelt einen ersten Eindruck von der unvergleichlichen Atmosphäre der Kykladen. Als weitere Stationen sind Syros, Delos und ihre kleinen Nachbarinseln und natürlich Mykonos mit seinem berühmten weissen Dorf zu empfehlen. Dieses Programm ist nicht nur landschaftlich sehr abwechslungsreich, man muss dabei auch praktisch nie gegen den Wind ankreuzen. Und wenn Sie vor dem Ablegen noch Athen besichtigen möchten, sind Sie mit dem Taxi in einer halben Stunde am Fuss der Akropolis und können in einer der unzähligen Tavernen im alten Plaka-Viertel zu Abend essen.

© Jacques Anglès

Wir legen in Piräus ab und fahren zunächst der Athener Riviera entlang, bevor wir den roten Felsen des Kap Sounion passieren, auf dem der Poseidontempel seit 2600 Jahren über die hohe See wacht. Am Horizont zeichnen sich die Berge von Kea ab. Aus weiter Ferne erkennt man auf der Insel der legendären Nymphen die berühmten weissen Kapellen und bald erscheint auch Agios Nikolas vor unserem Bug. Zwischen sanften Hügeln breitet die Insel ihre ruhigen Gewässer vor uns aus. Wir erliegen sofort ihrem Charme. Ihr kleiner, an eine Kapelle angelehnter Leuchtturm, die beiden ruhigen Weiler und die einladenden Tavernen direkt am Wasser machen diesen ersten Zwischenstopp zu etwas Besonderem. Früher hiess die Insel ihrer vielen Quellen wegen Hydroussa. Tatsächlich ist sie grüner als die übrigen Kykladen und birgt viele schöne Überraschungen, wenn man sich die Mühe macht, an Land zu gehen. Verlassen Sie die Insel nicht, ohne im Taxi oder im Bus nach Ioulis zu fahren. Der mitten in einen Berghang gebaute Hauptort lebt von seinen verwinkelten, steilen Gassen und seinen kleinen Plätzen mit den schmucken Cafés. Hinter dem Dorf führt ein Trampelpfad zwischen terrassenförmig angelegten Kulturflächen zum Löwen von Kea. Die sechs Meter lange und drei Meter hohe Statue wurde vor mehreren Tausend Jahren aus einem Granitfelsen gemeisselt und scheint sich genüsslich zwischen Olivenbäumen in der Sonne zu räkeln. Ihr lächelnder Gesichtsausdruck gibt heute noch Rätsel auf.

© Jacques Anglès

Romantisch und belebt

Wehmütig verlassen wir die schöne Insel in Richtung Syros, der geografischen Mitte und Hauptinsel der Kykladen. Sie verfügt als einzige Insel des Archipels über eine echte Stadt – das nach Hermes benannte Ermoupolis – und einen grossen Handelshafen mit einem ruhelosen Fährverkehr. Nach dem ländlichen Kea ist der Kontrast zu dieser belebten Insel zwar besonders frappant, aber angenehm, zumal sich die im Vergleich zu anderen griechischen Destinationen deutlich weniger zahlreichen Touristen unter die 15’000 Einwohner mischen. Von unserem Hafenplatz aus müssen wir nur die Brücke ausfahren und schon stehen wir auf der Uferpromenade, an der sich Cafés und Restaurants aneinanderreihen und sich die ganze Stadt zum Ouzo trifft. Ermoupolis war im 19. Jahrhundert eine reiche Stadt. Ihr damaliger Wohlstand ist auch heute noch stellenweise sichtbar: Einige Strassen sind mit Marmor gepflastert, hinter den Fassaden der Patrizierhäuser, an denen sich prall blühende Bougeanvilleas emporranken, verbergen sich schicke Boutiquen, der Platz hat geradezu monumentale Ausmasse und das Theater ist eine kleinere Version der Mailänder Scala. Hinter dem Hafen zieht sich die Stadt über zwei Hügel mit jeweils einer kleinen Kirche hinauf. Auf einer Seite steht die orthodoxe Agios Nikolaos, auf der anderen die katholische Kathedrale des Heiligen Georg. Beide Glaubensgemeinschaften sind auf der Insel etwa gleich stark vertreten. Ein Spaziergang durch ruhige Gassen und über typisch kykladische Treppen führt in 20 Minuten hinauf zur Kathedrale. Von dort hat man eine grossartige Aussicht auf die Stadt, den Hafen und die Inseln, inklusive Mykonos. Bemerkenswert ist auch der malerische Markt im Stadtkern. Hier wird eine riesige Auswahl frischer regionaler Produkte angeboten, unter anderem köstliche Würste, die weit weniger bekannt sind als die Lokums von Livadaras, aber auch zu den örtlichen Spezialitäten gehören.

© Jacques Anglès

Olympische Ruhe

Auf Delos und Rhinia erwartet uns ein radikaler Szenenwechsel. In den von klarem Wasser umspülten Granitlandschaften herrschen Ruhe und Gelassenheit. Star ist natürlich Delos, die Wiege des Apollo.

© Jacques Anglès

Nur die Götter des Olymp konnten diesem kleinen Stück Land ohne Bodenschätze mit seinen zerklüfteten Küsten und vom Wind und Wellen gepeitschten Ufern eine solche Zukunft schenken. Delos war schon im 3. Jahrtausend vor Christus bewohnt und bereits in der mykenischen Kultur für seine Heiligtümer bekannt. Im 1. Jahrtausend vor Christus wurde auf der Insel Apollo gehuldigt. Rund um das Zentrum der Apolloverehrung entstanden ein Hafen, eine Stadt und ein kosmopolitisches Handelszentrum. Sie machten den zur Freihandelszone erklärten Felsen zu einem der reichsten Plätze der Antike, wo im 2. Jahrhundert vor Christus rund 25’000 Menschen wohnten. Wenn man durch die marmornen, sonnendurchfluteten Trümmerfelder wandelt, fühlt man sich noch heute in die Antike zurückversetzt.

© Jacques Anglès

Schreiten Sie auf Homers Spuren über die eindrücklichen Löwenterrasse, setzen Sie sich in das grosse Theater mit seinen 5500 Plätzen und lassen Sie den Blick über die Stadt streifen. Betreten Sie die Höhle von Kynthos und klettern Sie hinauf auf den Gipfel. Dort oben ist das Panorama umwerfend. Einzige erlaubte Anlegestelle ist der antike Hafen, der seit seiner Errichtung praktisch unverändert geblieben ist. Seine einzige Mole bleibt aber den Shuttlebooten für Touristen vorbehalten. Am besten ankert man etwas weiter südlich und fährt mit dem Beiboot zur Insel, wenn möglich noch vor Ankunft der Passagierschiffe. Die nahe gelegene Insel Rhinia ist grösser und fast genauso karg wie Delos. Ihre zwei, drei Bauernhöfe, die wenigen Schafherden, die tief eingeschnittenen Ufer und die verlassenen Buchten verleihen ihr etwas Zeitloses, als wäre sie von einer anderen Welt. An der Ostküste findet sich jedoch einer der besten Ankerplätze der Kykladen. Tropisch klares Wasser, ein Sandstrand, in dessen Nähe die überspülten Ruinen eines alten Hafens zu erkennen sind, die Überreste eines kleinen Forts auf einer Felshalbinsel und im Hintergrund das Murmeln des Windes im Mast und hin und wieder das Blöken eines einsamen Lamms machen den Aufenthalt unvergesslich. Hier könnte man es gut und gerne mehrere Tage aushalten und sich die Zeit mit Angeln und Spaziergängen durch die von wilden Blumen übersäten, kunstvoll errichteten Trockenmauern vertreiben.

© Jacques Anglès

Ein paar Seemeilen von diesem Paradies der Stille entfernt pulsiert das Leben auf Mykonos. Modeboutiquen, Bars, Restaurants und riesige Kreuzfahrtschiffe in der Bucht lassen keinen Zweifel: Die Insel ist fest in der Hand der Touristen. Trotz der Besuchermassen (die sich im Juni noch in Grenzen halten), ist das strahlend weisse Dorf von atemberaubender Schönheit. Rund um den Hafen verliert man sich im Labyrinth der blank geputzten Gassen und versucht die 365 Kapellen ausfindig zu machen, die grösstenteils nur durch ein über einer unscheinbaren Tür hängendes geschnitztes Kreuz erkennbar sind. Wie von einer unsichtbaren Hand geleitet findet man sich plötzlich im alten Fischerviertel wieder. Seine bunten, über die klare Bucht hängenden Balkone, seine Tavernen direkt am Wasser, seine Mühlen auf einem Felsvorsprung, die daran erinnern, dass der Meltemi früher nicht nur die Schiffe, sondern auch die Kornmühlen antrieb, geben ein idyllisches Bild ab. Mykonos war einst eine Seefahrerinsel, deren Matrosen die geschicktesten des ganzen Landes gewesen sein sollen. Der Forschungsreisende Tournefort zählte anno 1700 „mindestens 500 Seeleute und über 500 Schiffe, dazu 40 oder 50 grosse Kaiks für den Handel mit der Türkei und Morea“.

© Jacques Anglès

Nach der belebten Perle der Kykladen findet man im kleinen Hafen von Finikas im Südwesten von Syros wieder zur Ruhe. Auf der Terrasse des Dia Xeiros lassen wir uns die typischen Speisen schmecken. Für einen letzten traumhaften Zwischenstopp sorgt die Insel Kartea im Südosten von Kea. Ihre antike Akropolis, ihre beiden einsamen Strände, die halb verwilderten Olivenhaine und die Bäche, die in den Talmulden plätschern, machen diesen Ort zu einem der romantischsten Ankerplätze der Kykladen. Und zwischen den Ruinen des Apollo- und des Athenatempels fühlt sich der Reisende an die griechischen Sagen erinnert.

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