Text | Jacques-Henri Addor
Fotos | Thierry Martinez, Yvan Zedda & DR
Ende des 19. Jahrhunderts brauchte es ziemlich viel Mut und eine gehörige Portion Unerschrockenheit, um sich an Bord grosser Dampfschiffe auf dem Genfersee auf Rekordjagd zu machen. Die besass Julie Caroline de Rothschild offenbar. Mit ihr begann die Saga der Gitana, wie seither alle Boote dieser grossen europäischen Familie genannt wurden. Diesen Herbst feiert die Rotschild-Armada ihren 140. Geburtstag

Aber Julie gab sich nicht damit zufrieden und bestellte bei Augustin Normand, einer Werft im französischen Le Havre, einen zweiten, mit 37 Metern Länge noch grösseren Dampfer. 1898 legte die Gitana II die Strecke von Coppet nach Saint-Prex mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 26,34 Knoten in 34 Minuten und 12 Sekunden zurück und stellte damit eine neue Bestzeit auf. Gitana II war aber keine reine Rekordjägerin, sondern ein komfortables und geräumiges Schiff mit einem Decksalon, einem Ruheraum nur für Damen, zwei Toiletten, einer Küche und einem Büro.
Regattaambitionen kamen erst viel später auf, genau genommen im Jahr 1960, als Baron Edmond de Rothschild eine 20,34 Meter lange Ketsch aus Stahl erwarb und auf den Namen Gitana III taufte. So sehr sich seine Grosstante den Dampfern verschrieben hatte, so sehr engagierte sich Edmond im Segelsport. Mit dem 27,57-Meter-Mahagoni- Zweimaster Gitana IV gewann er mehrere Klassiker wie das Giraglia oder das Fastnet, dessen Rekord er 19 Jahre lang halten konnte.

Damals lernte er Philippe Durr kennen. Der Genfer holte sich im September 1984 den Weltmeistertitel in der 5.50mJI-Klasse und sicherte sich sechs Monate später in Cannes bei den 6mJI ebenfalls WM-Gold. Edmond de Rothschild hatte mit seiner Entscheidung, Durr als Steuermann seiner Sechserjachten Gitana Junior I, II und III und seiner Achterjacht Gitana Sixty anzuheuern, eine gutes Händchen bewiesen. „Ein Jahr nach der WM der 5.50mJI und sechs Monate nach der WM der 6mJI haben wir auch die der 8mJI gewonnen. Drei WM-Titel in einem einzigen Jahr, das war fantastisch!“, erinnert sich Philippe Durr. Mit 70 Jahren erwarb Edmond de Rothschild das letzte seiner insgesamt zwölf Boote, den 40-Fuss-Cruiser Gitana Grand Soleil.
Zu diesem Zeitpunkt trat der seit seiner Kindheit segel- und regattabegeisterte Benjamin das seglerische Erbe seines Vaters an. Im Jahr 2000 hauchte er der Gitana-Saga neues Leben ein. Er gründete den Rennstall „Team Gitana“ mit dem Ziel, an grossen Wettfahrten wie der Route du Rhum, der Transat oder der Jacques Vabre teilzunehmen.

Das Team Gitana war schon damals an allen Fronten anzutreffen. 2007 feierte es mit der Figaro II Domaine du Mont d’Arbois und der IMOCA 60 Gitana Eighty ein Comeback bei den Einrümpfern. Mit der Extreme 40 Groupe Edmond de Rothschild fuhr das Team Gitana einen Sieg nach dem anderen ein. Parallel dazu nahm die MOD 70 Gitana 15 Formen an. Doch mit den Foiler-Katamaranen tauchte bereits die nächste Generation Boote auf. 2015 wurde die GC32 Gitana Fly One vom Stapel gelassen.
Letztes Jahr wasserte der Rennstall die Gitana 16, eine IMOCA 60 der neusten Generation, ein. Sébastien Jossé wird mit ihr die kommende Vendée Globe bestreiten. Währenddessen wird in der Multiplast-Werft in Vannes gerade der 33 Meter lange Maxi-Multihull Gitana Maxi gebaut. Ein Ende der Gitana-Saga ist aber auch mit diesem 28. Boot noch nicht in Sicht.
Was steckt hinter dem Namen Gitana?
Man muss bis in die 1870er-Jahre zurückblicken, um die Herkunft des Namens Gitana zu ergründen. Über seinen Ursprung scheiden sich die Geister. Während die einen behaupten, dass die Baronin Julie de Rothschild „La Gitane“ (die Zigeunerin) gerufen wurde und ihr erstes Dampfschiff danach benannt hat, führen andere den Namen auf ihre Liebe zur Musik zurück. Sie soll einen Narren an der Rolle der Zigeunerin Azucena in Il Trovatore von Verdi gefressen haben. Der Erfolg von Bizets Carmen soll sie anschliessend darin bestärkt haben, das Schiff in Anlehnung an die Hauptfigur La Gitana zu nennen.