Fotos : ©zVg
Weltumsegler wird man nicht zufällig. Meist spielt man jahrelang mit dem Gedanken, lässt die Idee reifen und wagt erst dann den Sprung. So ist es auch Anneliese und Manfred Stoll ergangen. Das deutsche Ehepaar kreuzt seit bald fünf Jahren auf einer Amel 64 über die Weltmeere.

Vor 32 Jahren ist das Paar in die Schweiz gezogen und hat sich im Grossraum Zürich niedergelassen. Zunächst segelten sie auf dem Genfersee, danach auf dem Bodensee, nahmen an einigen Regatten teil und kauften sich 1990 ihre erste Amel, eine Kirk aus den 1970er-Jahren. Sie verkörperten das Idealbild der Schweizer Freizeitsegler: Im Sommer unternahmen sie Törns auf dem Mittelmeer und während des restlichen Jahres kreuzten sie auf den Seen. Beruflich und familiär stark eingebunden fehlte es ihnen an der nötigen Zeit für grössere Projekte. Sie arbeiteten hart, träumten dabei aber von fernen Destinationen. Dann war es eines Tages soweit: Sie wurden pensioniert und die Kinder hatten das Nest schon lange verlassen. Plötzlich hatten sie freie Bahn.
„Schatz, wir verkaufen das Haus“

Neue Welten

17 Tage und 3000 Seemeilen später – ihre längste Strecke – fiel ihr Fazit komplett gegensätzlich aus: „Nach zwei Tagen auf dem Meer entspannt sich der Körper und der Geist kommt im Kontakt mit dem Ozean, der Nacht und der Sonne zur Ruhe. Ich hätte doppelt so lang segeln können, ohne an Land zu gehen“, schwärmt Manfred. Die quirlige, dynamische Anneliese erlebte den Trip nicht ganz so positiv: „Ich bin gern unterwegs, bewege mich und entdecke Neues. Die lange Überfahrt hat mich gelangweilt.“
Abgesehen von dieser unterschiedlichen Wahrnehmung sind sich die beiden einig, dass sie auf diesem Trip viel gelernt haben. Auf den kleinen ozeanischen Inselgruppen wie Fidschi, Vanuatu und Neukaledonien hielten sie sich besonders lange auf und erlebten dort eine komplett neue Welt. Sie machten Bekanntschaft mit Einheimischen, deren Sitten und Lebensweise nichts mit der westlichen Kultur gemeinsam haben. Noch immer beeindruckt erzählt Manfred: „Wir kamen mit unserer komfortablen Hightech-Jacht an Orte, an denen Fischer ihre Boote noch wie vor 200 Jahren bauen. Einmal hat mich einer gefragt, ob ich mein Schiff selbst gebaut hätte. Er hatte bestimmt noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen. An Bord haben wir alles, sogar eine Waschmaschine, während sie auf alles verzichten müssen. Es gibt da praktisch keine Infrastruktur, kein Gesundheits- und auch kein Bildungssystem. Aber sie können damit umgehen, leben einfach anders als wir und brauchen unseren Komfort nicht, um glücklich zu sein. Im Zentrum steht die Familie oder die Sippe und nicht der Einzelne.“ Um diese Erfahrungen reicher sieht Manfred heute vieles mit anderen Augen.
