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Schweiz – Sportlicher Törn im Drei-Seen-Land

von Louis Taurel

Ein Binnenseetörn über mehr als hundert Seemeilen mit Start auf dem Murtensee. Das mag utopisch klingen, ist aber tatsächlich möglich. Der Murten-, Neuenburger- und Bielersee sind über ein Kanalnetz miteinander verbunden, das bis nach Solothurn reicht. Aus der Vogelperspektive sticht die unterschiedliche Form der Seen ins Auge. Mit dem Boot merkt man schnell: Sie sind auch landschaftlich äusserst abwechslungsreich.

Morgendliches Treffen in Faoug

Die charmante Ortschaft Faoug liegt an der Grenze zwischen den Kantonen Waadt und Freiburg. Hier treffe ich mich mit Denis Perregaux an einem schönen Junimorgen zu einem Tagesausflug. Wir haben uns im Hafen von Jack Beck verabredet, wo mich ein wunderschön restauriertes Motorboot aus den 1970er-Jahren erwartet. Sein lackiertes Holz glänzt im frühen Morgenlicht. Das Bimini ist bereits montiert, denn es soll sonnig und heiss werden. Denis nimmt mich auf dieser schmucken Motorjacht mit auf eine Entdeckungsreise zu den lohnendsten Zielen der Drei-Seen-Region. Sie hat unglaublich viel zu bieten!

DIE ST. PETERSINSEL, AUF DER JEAN-JACQUES ROUSSEAU EINIGE WOCHEN VERBRACHT HAT. IM HINTERGRUND IST BIEL ERKENNBAR. © Louis Taurel

Windstille auf dem Murtensee

Bei einer Länge von acht Kilometern und einer Breite von rund zwei Kilometern könnte man meinen, dass auf dem Murtensee vor allem Jollen verkehren und Wasserski betrieben wird. Der Eindruck täuscht! Ein Blick in die umliegenden Häfen belehrt mich eines Besseren. Die Boote sind deutlich grösser als erwartet. Auch bei Jack Beck liegen Jachten mit stattlichen Dimensionen. Offenbar locken Ziele, die weit über die natürlichen Grenzen des Murtensees hinausgehen.
Wir sind auf dem Weg zur einzigen Tankstelle des Sees im Hafen von Vallamand am Nordufer. An Bord des 6,15 Meter langen, am Bodensee gebauten Labhart zeigt mir Denis seine schöne Region. Ihm gehört im Übrigen nicht nur das Boot, er ist auch Mitinhaber der Jack Beck AG.

AM FRÜHEN MORGEN ERMÖGLICHEN IDYLLISCHE BEDINGUNGEN EINE GUTE DURCHSCHNITTSGESCHWINDIGKEIT. © Louis Taurel

Kaum haben wir den Hafen verlassen, dröhnt der 145 PS starke Volvo-Penta laut auf. Die Vibrationen lassen den alten Sperrholzrumpf mitschwingen. Bei unserem Tempo ist das aber durchaus normal. Wir geben Gas, denn wir wollen heute alle drei Seen umrunden und vor Sonnenuntergang wieder in Faoug sein. Zum Glück sind die Tage im Juni lang!

DIE LIGERZER KIRCHE AM NORDUFER DES BIELERSEES IST EIN WAHRZEICHEN DER REGION.© Louis Taurel

Auf dem Weg ostwärts zum Broye-Kanal kommen wir unweigerlich an der mittelalterlichen Altstadt von Murten vorbei. Sie liegt am südöstlichen Seeufer und zählt zu den Schmuckstücken der Region. Ihre Ursprünge reichen in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück. Damals wurde die Stadt auf den Ruinen einer römischen Siedlung errichtet, die im frühen 11. Jahrhundert vom Kaiser des Heiligen Römischen Reichs geplündert und zerstört worden war. Da sich der Hafen am Fuss von Murten befindet, kann man das Boot an einem Gästeplatz festmachen und ist in wenigen Schritten oben im «Städtli». Unter den Laubenbögen entlang der gepflasterten Hauptgasse bieten viele empfehlenswerte Restaurants nationale und internationale Köstlichkeiten an. Auch nachts ist hier einiges los, nicht zuletzt aufgrund der vielen Festivals, die den sonst beschaulichen Ort beleben.

ROMANTISCHES ABENDLICHT: MURTEN IN DER TIEFSTEHENDEN SONNE © Louis Taurel

Das gegenüberliegende Nordufer ist hügeliger. Dort wachsen in Hanglage die Reben des Mont-Vully, aus deren Trauben der bekannte Weisswein gekeltert wird. Auf ihn lassen die Einheimischen nichts kommen!
Um auf den Neuenburgersee zu gelangen, müssen wir durch den Broye-Kanal. Dessen Mündung befindet sich im Nordosten des Murtensees. Bei den vorgeschriebenen 15 km/h (8 Knoten) braucht man für den 8,4 Kilometer langen Kanal rund 30 Minuten. Wir gehen vom Gas. Mit gedrosseltem Tempo verdrängt das Boot zwar Wasser, aber der Geräuschpegel sinkt merklich.

Der ursprüngliche Verlauf der Broye war alles andere als gerade, sie wand sich mäandrisch durch die Landschaft. Bei der ersten Juragewässerkorrektion in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden nicht nur die Orbeebene, das Seeland und der Broyebezirk entwässert und die umliegenden Gebiete nutzbar gemacht, sondern auch die Flüsse und Kanäle der Region begradigt. In den 1960er-Jahren wurde der Kanal schliesslich verbreitert, um die Durchfahrt zu erleichtern. Ein Glücksfall für die damals aufkommende Freizeitschifffahrt!
Im ersten Viertel des Kanals säumen Campingplätze und Bootswerften das Ufer. Je näher wir der Stadt Neuenburg kommen (in Fliessrichtung bei einer Strömung zwischen 0 und 1,6 Knoten, also so gut wie nichts), wird die Landschaft ländlicher. Auf der Böschung wachsen imposante Bäume, dahinter erstrecken sich Felder und Wälder. Man hat das Gefühl, durch einen grünen Tunnel zu fahren.
An diesem Mittwochmorgen herrscht kaum Verkehr, wir kreuzen nur gerade drei Boote. Denis erzählt, dass die Fahrt vom Murten- auf den Neuenburgersee für ihn als Kind wie eine Reise ans Meer gewesen sei. Als sich der See vor uns auftut, verstehe ich, was er damit meint.

Das «Meer» von Neuenburg

Am Ende des Kanals stehen mehrere Fotografen mit imposanten 800-mm-Teleobjektiven in Achtungsstellung. Einen kurzen Moment wundere ich mich, dass Denis hier so bekannt ist. Als er mein verdutztes Gesicht bemerkt, klärt er mich grinsend auf: Wir befinden uns in der Grande Cariçae, dem grössten Naturschutzgebiet der Schweiz. Es erstreckt sich über einen 40 Kilometer langen Streifen am Südufer des Sees, umfasst insgesamt 3000 Hektar und beheimatet ein Viertel der Schweizer Tier- und Pflanzenarten. Die Fotografen sind hier, um einen der seltenen Seefrösche vor die Linse zu bekommen oder eines der noch selteneren Zwergsumpfhühner, die in der Schweiz ausgestorben waren und hier wieder angesiedelt wurden, zu erspähen.
Das Gebiet besteht aus Mooren, feuchten Wäldern und Flachwasserzonen. Damit die Besucherinnen und Besucher möglichst viel zu sehen bekommen, wurden Holzstege und ein Beobachtungsturm errichtet sowie mehrere Lehrpfade angelegt.
Wir beschleunigen wieder auf rund 20 Knoten und fahren dem Südufer entlang. Sandbänke, die wunderbare Strände bilden, schöne Ankerplätze und sieben grosse Jachthäfen ziehen an uns vorbei, darunter Chevroux, der mit 1100 Plätzen grösste Süsswasserhafen Europas.
In Portalban legen wir an, um vollzutanken und unseren Benzinverbrauch zu prüfen, denn die Instrumente aus den 1970er-Jahren sind nicht die zuverlässigsten. Denis erklärt mir, dass die Marinas am Südufer auch an Land viel bieten. Nicht selten handelt es sich um grosse Komplexe, die allen nur erdenklichen Service für Boote bieten: Trockenplätze (600 in Portalban), Kräne und Travellifte für bis zu 35 Tonnen schwere Schiffe.

DIE UNTIEFEN VOR ESTAVAYER-LE-LAC MUTEN KARIBISCH AN. © Louis Taurel

Weiter östlich erreichen wir die mittelalterliche Altstadt von Estavayer-le-Lac. Sie erinnert mich an Murten. Die beiden Städte haben ähnliche Grundrisse. Ich stelle mir vor, wie sie sich im Mittelalter bekämpft haben. Doch da irre ich mich. Estavayer gehörte im Spätmittelalter und auch während der Schlacht von Murten im Jahr 1476 zwar zum Haus Savoyen und Murten zur Eidgenossenschaft, aber abgesehen von den üblichen Spannungen standen sich die beiden Städte militärisch nie direkt gegenüber.

MIT SEINEN 1100 LIEGEPLÄTZEN IST CHEVROUX DER GRÖSSTE SÜSSWASSERHAFEN EUROPAS. © Louis Taurel

Östlich von Estavayer-le-Lac liegt Yverdonles-Bains, die mit 30 000 Einwohnerinnen und Einwohnern zweitgrösste Stadt am Neuenburgersee. Die Zihl, die hier in den See mündet, ist bis ins Stadtzentrum schiffbar. Auf beiden Seiten gibt es zahlreiche Anlegeplätze, allerdings dürften diejenigen im vorderen Teil bei Bise recht exponiert sein.
Das Mündungsgebiet der Zihl zwischen Yverdon und Grandson gehört zum Naturreservat Les Vernes und ist entsprechend geschützt. Ausserdem ist es von Untiefen durchzogen und nicht ganz ungefährlich. Verbotsschilder warnen davor, sich der Mündung der Bey zu nähern, die mitten in diesem Gebiet liegt. Schade, der Ort sieht verlockend aus!
Wir nehmen Kurs auf den Zihlkanal auf der anderen Seite des Neuenburgersees. Er liegt etwa 40 Kilometer bzw. 21 Seemeilen entfernt. Denis macht einen Abstecher nach Grandson, damit ich das «Château de Grandson», eine mittelalterliche Burg mit mehr als tausendjähriger Geschichte, in Augenschein nehmen kann. Er erklärt mir, dass der Neuenburgersee der grösste See der Schweiz sei, denn im Gegensatz zum Boden- und zum Genfersee liege er vollständig in der Schweiz.
Das Nordufer unterscheidet sich grundlegend vom Südufer. Grund dafür sind die Ausläufer des Jura, die direkt zum See abfallen. Je näher wir Neuenburg kommen, desto mehr Rebberge und Winzerdörfer schmiegen sich an die Hänge.
Zu ihren Füssen befinden sich insgesamt zehn Tiefwasserhäfen. Die meisten sind kleiner als ihre Pendants am Südufer, aber besser in die Städte integriert.
Die Stadt Neuenburg betreibt drei Häfen. Während der alte Hafen «Vieux Port» vor allem dem Linienverkehr dient, ist der benachbarte Hafen Jeunes Rives der Freizeitschifffahrt vorbehalten. Er bietet zahlreiche Gästeplätze mit direktem Zugang zur Altstadt. Auf dem Weg zum Hafen Nid-du-Cros fahren wir den Jeunes Rives entlang. Dieser rund 1500 Meter lange, künstlich angelegte Uferabschnitt wurde in den 1950-Jahren angelegt. Eingekesselt zwischen dem Jura und den umliegenden Städten fehlte es Neuenburg während des Baubooms an Platz, um sich auszudehnen. Gleichzeitig wurden mehrere Aushubarbeiten begonnen, vor allem jene für den Autobahntunnel (1976), bei denen enorm viel Bauschutt anfiel. Um Land zu gewinnen, wurde er in den See geschüttet. Auf der neuen Fläche entstanden ein Park, Sportanlagen, ein Universitätscampus und eine Kläranlage.
Hinter den Jeunes Rives liegt der Hafen Nid-du-Cros. Er umfasst einen gedeckten Technikbereich, an dessen Ende die Zapfsäule steht. Unser Verbrauch beträgt trotz des rasanten Tempos nur zehn Liter pro Stunde. Das ist der Vorteil alter, schlicht gehaltener Boote: Sie sind durch die spartanische Ausstattung nicht zu schwer.

PERIOD CORRECT: DER TRIUMPH STAMMT AUS DEM JAHR 1972, DER LABHART AUS DEM JAHR 1976. © Louis Taurel

Weiter geht es am Luxushotel Palafitte vorbei. Es wurde für die Landesausstellung Expo2002 auf Pfählen in den See gebaut. Die Pavillons haben durch einen privaten Terrassenabstieg direkten Zugang zum See. «Ruder hart Steuerbord!» Wir müssen wieder auf den offenen See hinaus, um durch den Zihlkanal auf den Bielersee zu gelangen. Bei der Kanaleinfahrt erwartet uns eine industriell geprägte Szenerie. Hinter dem Campingplatz La Tène wechseln sich Lastkähne, an den Stegen vertäute
Hausboote sowie Zementwerke und Raffinerien ab.
Hier tobt sich eine Gruppe Pumpfoiler aus. Sie freuen sich über unsere Heckwelle und bleiben während fast der ganzen 8,4 Kilometer (4,5 Seemeilen) in unserem Schlepptau. Auch im Zihlkanal gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 8 Knoten. Man tut gut, sich daran zu halten, denn an beiden Ufern sind viele Boote festgemacht und es finden Radarkontrollen statt. Nach 34 Minuten erreichen wir den Bielersee.

DIE EINFAHRT ZUM BROYE-KANAL ZWISCHEN DEM MURTEN- UND DEM NEUENBURGERSEE© Louis Taurel

Märchenhafte Landschaften entlang des Bielersees

Am Südufer liegt die St. Petersinsel, die heute eigentlich keine Insel, sondern «nur» noch eine Halbinsel ist. Man erreicht sie von Erlach über den Heidenweg in einer rund einstündigen Wanderung. Man habe hier Spuren römischer Besiedlung gefunden, verrät mir mein privater Reiseführer und Skipper. Um 1127 wurde auf der Insel ein Kluniazenser-Kloster errichtet, das heute als Gasthof dient. Im Zeitalter der Aufklärung verbrachte Jean-Jacques Rousseau einige Wochen auf der St. Petersinsel. In seinem unvollendeten Werk Träumereien des einsamen Spaziergängers schwärmte er von dem «bezaubernden Ort», an dem er in Verbundenheit mit der Natur seine glücklichste Zeit verbracht habe. Nach sechs Wochen setzte der Vogt von Nidau Rousseaus Träumerei ein Ende und verbannte ihn lebenslang von der Insel.
Wir verlassen den Steg des Hotels St. Petersinsel und nehmen Kurs auf Biel im Nordosten. Das Nordufer des fünfzehn Kilometer langen Bielersees ist steiler und deutlich weniger bebaut als das des Neuenburgersees. Vielerorts wachsen Wälder und Reben, in die malerische Winzerdörfer eingebettet sind.
Mittlerweile ist es später Nachmittag. Zur Freude der heimischen Seglerinnen und Segler ist eine schwache Bise aufgezogen. Bei den warmen Temperaturen hat sich der Strand von Biel gefüllt. Wir müssen uns zwischen SUPs und Badegästen einen Weg bahnen. Einige sind im Licht der tiefstehenden Sonne nur schwer auszumachen.
Schon haben wir die Mündung des Nidau-Kanals erreicht. Beim Durchqueren werden wir erneut von Pumpfoilern begleitet. Sie umschwirren uns wie Möwen einen Fischkutter. Vor uns liegt die Hafenschleuse. Sie ist von 7 bis 19.30 Uhr in Betrieb. Wer zu früh oder zu spät kommt, kann sein Boot an den dafür vorgesehenen Liegeplätzen vertäuen. Hinter der Schleuse fliesst die Aare rund 30 Kilometer bis Solothurn. Hier ist die Strömung (von Biel kommend in Marschrichtung) deutlich stärker als in den Kanälen.
Für uns ist es höchste Zeit zurückzufahren. Dank der bescheidenen Grösse unseres Bootes dürfen wir die alte Zihl durch die südlichen Wohnviertel befahren. Die Bielerinnen und Bieler geniessen den lauen Sommerabend am und im Wasser, nehmen ein kühlendes Bad, balancieren auf SUPs und springen von Brücken.

ZURÜCK AM START: FAOUG AM MURTENSEE, KURZ BEVOR DIE SONNE HINTER DEM JURA UNTERGEHT. © Louis Taurel

Auf der Rückfahrt ziehen wir Bilanz. An einem einzigen Tag auf dem Wasser haben wir vier Kantone durchquert: Waadt, Freiburg, Neuenburg und Bern. Wenn wir nach der Schleuse weitergefahren wären, wäre mit Solothurn ein fünfter dazugekommen. Dabei haben wir rund hundert Seemeilen (185 Kilometer) zurückgelegt, französisch- und deutschsprachige Gebiete passiert und in zehn Stunden Fahrt weniger als hundert Liter bleifreies Benzin verbraucht. Zehn Liter pro Stunde – nicht schlecht für eine 50 Jahre alte Maschine!

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