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Costa Smeralda Geld und Gold regiert die Calas

von Quentin Mayerat

Fotos : © Pierrick Garenne

28, 30, 32 Knoten… Das Anemometer unserer Oceanis 37 überschlägt sich fast. Wir lernen das Tyrrhenische Meer auf Anhieb von seiner harten Seite kennen. Das Tief über dem Golf von Genua sorgt in Südkorsika und Nordsardinien für kräftigen, zu Mistral neigenden Winden und gönnt uns keine Schonfrist. Zum Glück herrscht trotzdem kein allzu hoher Wellengang und die Nordostküste bewährt sich in ihrer Rolle als Schutzschild. Am blauen Himmel ziehen die Wolken, man fühlt sich wie in einer U-Bahn und nichts scheint diesen im 3-,6- oder 9-tägigen Zyklus wehenden Wind aufhalten zu können. Wir befinden uns auf dem Meer vor der Costa Smeralda, einem 50 km langen Landstreifen zwischen dem Cap Ferro und dem Golf von Marinello im Süden der Insel – jener berühmten „Smaragdküste“, die in der Boulevardpresse so häufig für Schlagzeilen sorgt und sich am Mittelmeer auf der Beliebtheitsskala der Schönen und Reichen seit vielen Jahren auf dem ersten Platz behauptet. Kein Wunder, denn mit ihrem glasklaren Wasser, den goldgelben Sandstränden, Hotelpalästen, Bar-Lounges, Golfplätzen und den auf die zahlreichen rivalisierenden Luxusjachten zugeschnittenen Marinas hat die Küste einiges zu bieten.

Unglaubliche Entstehungsgeschichte

Die Geschichte der touristischen Erschliessung der Küste ist einmalig und hebt sich deutlich von der Entwicklung der restlichen Insel ab. 1962 erwarb Prinz Karim Aga Khan IV im Nordosten der Insel einen 30 km2 ha grossen und 25 km langen Küstenstreifen für 25‘000 Dollar. Er soll nicht gewusst haben, was er da kaufte, sondern dem Rat eines Freundes gefolgt sein, der die Region als Geheimtipp anpries und auch schon eine Idee im Kopf hatte. Man könnte doch an dieser zerklüfteten, mit Calas, Inseln und kleinen Eilanden übersäten Küste ein Paradies für die Reichen errichten… Damals waren die klassischen Wünsche der VIPs noch ziemlich einfach gestrickt. Sie wollten Strände, schöne Hotels, Boutiquen und hohe Temperaturen, weshalb vor allem die italienische Westküste und die Côte d’Azur hoch im Kurs standen. Karim Aga Khan, das geistige Oberhaupt der ismailitischen Schiiten, Sohn von Prinz Ali Khan und 49. Imam der religiösen Gemeinschaft, investierte die Bagatelle von 600 Millionen Euro in den Bau gigantischer und luxuriöser Hotelkomplexe. Dazu engagierte er die besten französischen und italienischen Architekten wie Jacques Couëlle, der das Hotel Cala di Volpe mit seinen 121 Zimmern entwarf (Zimmerpreis pro Nacht ab 1800 ¤) oder Luigi Vietti, den Designer der Privatvilla des Investors und des Feriendorfes Porto Cervo. Für die damalige Zeit war der Stil recht modern. Auf Anweisung des Bauherrn mussten die eher niedrigen ockerfarbenen Gebäude vollständig in die Granitlandschaft des Küstenstrichs integriert werden. Wenn wir ehrlich sind: Das Resultat ist doch sehr gelungen. Keine Umweltsünden, keine grellen Farben, aber dafür eine Architektur mit geschwungenen, harmonischen Linien, versteckten, schattigen Gässchen und einer überall präsenten Vegetation mit Kakteen, Palmen, Yuccas und Eukalyptusgewächsen. Das Konzept stimmte und lockte Stars wie Elizabeth Taylor, Daphné Guinness, Ringo Starr, Prinzessin Grace von Monaco, Aristoteles Onassis und die Familie Agnelli an. Ein letztes, aber sehr wichtiges Detail: Der Jetset liebt das Strandleben und kristallklares Wasser, aber noch mehr liebt er das Cala-Hopping. Deshalb wurden in dieses touristische Konzept die beiden Marinas Porto Cervo und Porto Rotondo integriert. Und auch hier ist Masslosigkeit die Regel. Je grösser und protziger, desto besser!

Von Cala zu Cala

In der Hauptsaison kommt man nur mit einer guten Strategie auf einen grünen Zweig. Und die lautet: Um eine gute Anlegestelle zu ergattern, muss man möglichst früh in den Calas sein. Dort fällt der Anker auf milchweissen Sand, der das glasklare Wasser smaragdgrün leuchten lässt. Traumhaft schön! Leider ist das Revier oft hoffnungslos überlaufen und wirkt wie eine Flugschneise, auf der sich eine Motorjacht nach der anderen ihren Weg zwischen den Ankerketten zu bahnen versucht. Womit wohl nur die wenigsten rechnen: Wie ein Wunder leert sich die Cala gegen 5 Uhr nachmittags wieder und nachts sind Sie womöglich der letzte und einzige Gast. Wo andere im Rhythmus von Elektropop bis in den frühen Morgen Party machen, übernimmt hier das Zirpen der Zikaden das Zepter. Jedem das Seine… Jetzt müssen nur die Wellen, die von den nach Porto Cervo oder Porto Rotondo heimkehrenden Monsterjachten herüberschwappen, überstanden werden, damit das Glas Cannonau (süffiger lokaler Rotwein), das zu einer perfekt zubereiteten Tapenade auf Carasau (traditionelles sardisches Brot) gereicht wird, nicht umkippt. Göttlich… Sehenswert und beinahe unumgänglich sind aber auch der Golf von Pevero südlich von Porto Cervo, der Golf von Congianus mit Porto Liccia, die Insel Poveri, die Bucht Rumazzino, die Inseln Mortorio und Soffi, die Cala di Volpe hinter der Punta Capriccioli, die Calas Petra Ruja und Liscia Ruia und der Golf von Cugnana. Diese Calas und Golfe sind bestens vor West- und Nordwestwind geschützt – sofern dieser 20 Knoten nicht übersteigt – und verfügen über windstille Anlegeplätze, die aber paradoxerweise nachts kaum genutzt werden. Die exponierten, flachen Inseln sind hingegen nur tagsüber oder bei Flaute sicher, die übrige Zeit sollten sie gemieden werden. Vorsicht ist auch bei Fallwinden geboten. Sie „prallen“ buchstäblich aufs Wasser und malträtieren die Ankerplätze. Die Verankerung sollte deshalb unbedingt mit Schwimmflossen, Tauchmaske und Schnorchel überprüft werden.

Ich war da!

Nachtanken, Wasser- und Lebensmittelvorräte auffüllen, Fussballmeisterschaft nicht verpassen… Dazu braucht es Hafenanlagen und die gibt es hier nicht gerade im Überfluss. Wer Porto Cervo und Porto Rotondo, die beiden „Bestseller“ des Reviers, und den dort herrschenden Andrang vermeiden möchte, kann auf Portisco und die Marina Di Sa Petra an der Einfahrt zum Golf von Cugnana ausweichen. Unter uns: Sie hat ausser dem rein technischen Nutzen nichts wirklich Interessantes zu bieten. Dagegen ist Porto Cervo absolut sehenswert. Dort ankern die schönsten Jachten des Mittelmeers. Auf den Hügeln reiht sich Villa an Villa und entlang der Bucht führt eine Promenade an unzähligen Luxusboutiquen vorbei. Fashion Week hier, Maxijacht-Regatten da, alte J-Class am Quai und ein ultraschicker Yacht Club. Kein Zweifel: Sie befinden sich im Mittelmeer-Mekka der Schönen und Reichen. Es erinnert ein wenig an Saint-Tropez, wo ganze Touristenkolonien dem Hafen entlangflanieren. Eine Welt der Masslosigkeit, in der Geld keine Rolle spielt. Wir sehen Jachten mit Helikopterlandeplätzen und schwimmende Paläste, vor denen Rolls-Royces oder Maseratis parkieren. Nicht weniger glamourös ist Porto Rotondo. In seinem Hafen findet man sogar ein Pelzgeschäft! Unnötig zu erwähnen, dass ein Aufenthalt in Porto Cervo oder Porto Rotondo ein kleines Vermögen kostet. Für eine 11-Meter-Jacht muss man rund 150 Euro pro Nacht berappen. Danach können Sie allerdings behaupten: Ich war da!

Die Costa Smeralda muss man wirklich gesehen haben. Prinz Aga Khan IV hatte einen guten Riecher, als er diesen scharfen Cocktail aus den Gaben der Natur, gezielt integrierten Gebäuden und geschützten Parkanlagen mixte. Die Calas lösen durch ihre Schönheit jene Unbekümmertheit aus, die Wohlhabenden eigen ist. Viele lassen sich von diesem Gefühl berauschen und legen sich eine eigene Jacht zu. Es ist nicht unangenehm, in diese Welt der Superlative einzutauchen. Die Costa Smeralda steht unbestritten für das Bilderbuchsardinien aus dem Reisekatalog mit seinen weissen Sandstränden und vom Wind geformten Felsen. Wer ein paar Kilometer ins Landesinnere vordringt, entdeckt aber ein anderes Sardinien. Eines mit riesigen Weinbergen, sagenumwobenen Nuraghi (Steinbefestigungen aus der Bronzezeit), Korkeichenwäldern und Granitbergen. Auch das gehört zur Costa Smeralda! Und da gewesen zu sei, lohnt sich allemal.

PORTO CERVO, HOCHBURG DES JETSET UND DER LUXUSJACHTEN © Pierrick Garenne

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