Fotos : ©Iris Kürschner

Durch den Guadeloupe-Archipel im Herzen des Antillenbogens soll es mit einer Catana 47 nordwärts gehen und ein Bogen über Antigua geschlagen werden. Der genaue Routenverlauf ist wind- und wetterabhängig. Zu Törnbeginn stehen die Zeichen allerdings gegen uns. Es wird rau werden, warnt Skipper Dan und bläut uns drei Regeln ein. Regel Nr.1: Nicht über Bord gehen. Regel Nr. 2: Immer mit einer Hand am Boot festhalten. Regel Nr. 3: Sich nie gegen den Wind übergeben. Der Wind kommt aus der „falschen“ Richtung und ist zudem extrem böig. Dan versucht zu kreuzen. Damit wir Marie-Galante doch noch am Abend erreichen, entscheidet er sich schliesslich für eine Kombination aus Segeln und Motor.
Eau de vie

Herrliche Strände säumen Marie-Galante; manchen haben wir ganz für uns allein. Besonderer Blickfang vom Plage de Vieux-Fort im Nordwesten ist ein winziges Inselchen mit ein paar Palmen, die wie einsame Härchen auf einer Glatze in der Brise wehen. Vor ein paar Jahren waren es nur zwei Bäume, erinnert sich Dan. Als wir vorbeigleiten, stieben Scharen von Seevögeln auf. Wieder ist die See rau. Mit Halbwindkurs geht es nach Nordosten. Staunend betrachten wir einen Schwarm eleganter Delfine, die für eine Weile mit dem Boot mitziehen.
Jurassic Park auf Petite Terre
Wir steuern die beiden unbewohnten Inseln von Petite Terre an, die etwa fünf Seemeilen vor dem Ostzipfel von Guadeloupe liegen. Sie bilden eine Lagune, die durch ein Riff gegen die Wellen des Atlantiks abgeschirmt wird. Ein Traum zum Schnorcheln! Das Meer ist türkisblau und durchsichtig bis auf den Grund. Fischsilhouetten huschen vorbei und eine gewaltige Schildkröte steckt wie zur Begrüssung ihren Kopf aus dem Wasser.
Seit 1998 steht Petite Terre unter Naturschutz. Damit der Meeresboden unberührt bleibt, darf kein Schiff seinen Anker werfen. Stattdessen wird an Bojen festgemacht. Dieses Manöver bedarf aufgrund der starken Strömung einer Präzision, die Dan und Lea voll und ganz beherrschen. Immer wieder werden die beiden in den folgenden zwei Tagen unseres Aufenthalts dem einen oder anderen Boot beim Anlegen behilflich sein. Gegen zehn Uhr morgens trudeln Tagesausflügler ein, bevölkern den Lagunenstrand und besuchen den Leuchtturm, um gegen Nachmittag wieder zu verschwinden. Abseits sind wir allein und entdecken, dass der als Lehrpfad angelegte Weg dorthin in den Morgen- und Abendstunden weitaus spannender ist. Plötzlich erwachen die Antillenleguane, die sich vor der Hitze verkrochen haben, zum Leben. Iguana delicatissima – der Name verrät, dass die Tiere einst gejagt und als Delikatesse verzehrt wurden. Die Spezies steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten und ist nur noch in Schutzgebieten anzutreffen: auf Martinique, Dominica, St. Eustatius und eben auf Petite Terre. Die bis zu 1,60 Meter langen Reptilien flössen zwar mächtig Respekt ein, stellen aber keine Gefahr dar. Beeindruckende Geschöpfe, die wie Mini-Dinosaurier anmuten und uns immer wieder durch ihre wundersame Tarnung erschrecken oder Rivalenkämpfe darbieten.

Die Nacht bricht herein. Die Phase der Dämmerung ist aufgrund der Äquatornähe nur sehr kurz. Schon tastet der 183 Jahre alte Leuchtturm, der von den Einheimischen als „Phare du bout du monde“ bezeichnet wird, mit seinen Strahlen das Meer ab. Lea kocht wie jeden Abend wunderbar. Es gibt gefüllte, überbackene Christophines und marinierte Truthahn-spiesse. Mit vollem Bauch geniessen wir bei einem Ti-Punch die tropische Karibiknacht und lauschen dem melodischen Pfeifen der Frösche, das von der nahen Insel herüberklingt.
Karibisches Meeresleuchten
Als nächstes Ziel steht Antigua auf dem Törnplan. Die kommende Nacht ist dem Segeln gewidmet. Wir sind alle aufgeregt, steht uns doch eine gänzlich neue Erfahrung bevor. Hauptsegel und Gennaker werden ausgefahren, das geschäftige Treiben schafft Ablenkung. Alle Schotten dicht?
Kaum aus der ruhigen Lagune, packen Wind und Wellen das Boot, die Segel blähen sich, das Log klettert auf 12 Knoten. Besser könnte es nicht sein. Mit sturmzerzaustem Haar steht Dan zufrieden am Steuer. Er schwört auf das Segeln mit einem Catana-Katamaran. Die Boote sind geräumiger, liegen ruhiger im Wasser und bringen im Vergleich zu den meisten Monohulls höhere Geschwindigkeiten.

Feuerwerk: Die schönsten Sonnenuntergänge über English Harbour erlebt man von den Shirley Heights. © Iris Kürschner
Die Fahrt in den Sonnenuntergang ist unbeschreiblich schön. Durch die klare Luft scheinen die Inseln zum Greifen nah. Die Gedanken schweifen ab ins Jahr 1493, als der Mannschaft von Kolumbus das seit Tagen rationierte Trinkwasser langsam ausging. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein? La Désirade wirkt wie ein Tafelberg, zu steil ist die Küste, um an Land zu gehen, geblieben ist der Wunsch im Namen. Die Erlösung folgt sechs Seemeilen weiter westlich, wo sich Grande Terre, der flache Part von Guadeloupe, erhebt. Spektakulär sind die Felsformationen am östlichsten Punkt der Insel. Wie die scharfen, schwarzen Zähne eines Raubfisches erscheint die Pointe des Châteaux im Gegenlicht. Die Gischt tobt über die Klippen, während die Sonne langsam hinter dem schmalen Landstreifen versinkt. Schwarz ist die Nacht nicht. In den Wogen bilden sich Funken, als seien Tausend Sternschnuppen vom Himmel gefallen. Die vom Plankton verursachte Lumineszenz verwandelt das Meer in eine glitzernde, tanzende See. Stundenlang lässt sich an Deck in die Unendlichkeit träumen. Irgendwann kommt aber doch die Müdigkeit, abwechselnd wird Wache geschoben. „Vert sur vert, tout est clair. Rouge sur rouge, rien ne bouge.“ Die Eselsbrücke soll helfen, die Schiffslichter richtig zu deuten.
Einen Strand für jeden Tag
Die Nacht geht reibungslos über die Bühne. Nur fliegende Fische verirren sich auf unseren Katamaran und geben eine leckere Abwechslung für das Frühstück her. Am Morgen erreichen wir den seit 1981 unabhängigen Inselstaat Antigua, dessen Namen die Bürger „Antigaah“ aussprechen. Die Ureinwohner haben die Insel Wadadli getauft, geblieben ist der Name nur auf dem Etikett der lokalen Biermarke. Kolumbus benannte sie nach einer Ikone der Kathedrale von Sevilla Santa Maria de la Antigua. Sie ist voller wild verästelter Buchten und sturmsicherer Ankerplätze. Der Insel berühmtestes „Hurricane Hole“ wurde 1743 von den Briten unter Admiral Nelson zur Festung ausgebaut und hiess fortan English Harbour. Nelson’s Dockyard ist ein Juwel, weltweit der einzige komplett erhaltene georgische Hafen mit Admiralshaus, Speichern und alten Bootsschuppensäulen. Die historischen Gebäude versetzen uns Jahrhunderte zurück. Nachdem Dan einklariert hat, bummeln wir durch die Gassen, es sind kaum Touristen unterwegs, es herrscht träge Gelassenheit und aus der Bar ertönt Calypso-Sound. Einige Einheimische sitzen beim Warri, einem beliebten Brettspiel, andere leisten einem Fischer beim Kingfish-Ausnehmen Gesellschaft. Ein Muss ist der Ausflug zu Shirley’s Heights, von wo aus man English Harbour überblickt. Es ist interessanter, auf das Taxi zu verzichten und dem Fusspfad auf die Anhöhe zu folgen. Desmond’s Trail bietet ein botanisches Erlebnis in einer faszinierenden Sukkulentenwelt. Über der Bucht lässt der Sonnenuntergang ein dramatisches Feuerwerk entstehen und eine einzelne Wolke schüttet gerade ihre Tränen aus. Dank Stirnlampen finden wir zurück an Bord. Ein Barbecue vollendet den Abend.




