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Mit einer alten Ketsch der Côte d’Emeraude entlang

von Quentin Mayerat

Die Côte d’Emeraude gehört den Frühaufstehern. Wir treffen uns um 7.30 Uhr in Saint-Malo auf dem Kai Dugay-Trouin, wo wir zusammen mit anderen Passagieren an Bord der Etoile Molène gehen. Bordchef Antoine begrüsst uns herzlich und lädt uns ein, unser Gepäck in die Kabinen zu bringen. Kaum haben wir den Hafen verlassen, machen wir klar zum Segelsetzen. Wir hissen, der Reihe nach, das Besan-, das Gross-, das Stag- und das Focksegel. Ein Nordostwind Stärke 7 schiebt uns energisch Richtung Westen, während die Umrisse von Saint-Malo in der Ferne verblassen.
Backbord liegt die Stadt Dinard mit ihren majestätischen Villen aus der Belle Epoque. Einige Minuten später fahren wir an der Pointe du Décollé vor Saint-Lunaire vorbei. Im späten 19. Jahrhundert hatte ein reicher Bankier aus Haiti Saint-Lunaire in einen angesehenen Badeort verwandelt. Ein direkt am Meer gelegenes Grand Hotel, ein Casino und zwei Dutzend Villen an der Pointe du Décollé boten der gehobenen Gesellschaft und vielen Künstlern einen gediegenen Rahmen für ihre mondänen Sommerferien. Die Pointe du Décollé ist gewaltigen Naturkräften ausgesetzt. Bei Flut erfüllt das unheimliche Getöse der in die Sirenenhöhle rollenden Wellen die Luft. Ein schweres, 1880 mit grösster Mühe auf dem höchsten Punkt errichtetes Granitkreuz wacht über das schaurig-schöne Naturspektakel. Man fühlt sich, als wäre man am Ende der Welt.

Ein ohrenbetäubendes Konzert
Bald schon erreichen wir die Insel Agot, auch Vogelinsel genannt. Während der Nistzeit ist der Zutritt jedoch strengstens verboten. Ganze Kolonien von Kormoranen, Papageitauchern, Möwen und anderen Meeresvögeln bauen hier knapp über dem Wasser ihr Nest und veranstalten mit ihren Zwitscher- und Pfeiflauten einen geradezu höllischen Lärm. Wer nahe genug an die Insel heranfährt, erhält ein Kostprobe ihres schallenden Konzerts.
Getrieben von einem günstigen Wind nähern wir uns der „Ile des Hébiens“. Über der Insel thront der Vauban-Turm. Er wurde im 17. Jahrhundert zum Schutz von Saint-Jacut und der Umgebung errichtet, da diese den Schiffen aufgrund ihrer Konstellation eine geeignete Anlegestelle bot und deshalb für Angriffe besonders gefährdet war. Im Sommer verwandelt sich die wegen des türkisfarbenen Wassers auch „Karibik der Smaragdküste“ genannte Insel in ein kleines St. Tropez. Besonders am Wochenende liegen hier die Jachten dicht gedrängt im Hafen. Wir gehen vor Anker, um am Strand dieses kleinen Paradieses zu picknicken, bevor wir kurs auf das Cap Fréhel nehmen. Backbord, an der Mündung des Flusses Arguenon, taucht die Guildo-Burgruine auf. Die mittelalterliche, in den Felsen gebaute Festung aus dem späten 14. Jahrhundert schützte die Schuten und den Hafen von Guildo, indem sie die Grafschaften Penthièvre und Dinan militärisch begrenzte. Berühmtheit erlangte die Burg durch Gilles de Bretagne, der dort von 1444-1446 lebte. Den Bretonen ereilte wegen seiner Freundschaft zu den Engländern während des Hundertjährigen Kriegs ein tragisches Schicksal. Ein paar Schläge weiter thront majestätisch das Fort la Latte. Es hat bereits unzähligen Filmen als Kulisse gedient. In seinem Bergfried trugen Kirk Douglas und Tony Curtis in Richard Fleishers Film Die Wikinger aus dem Jahr 1953 den fi nalen Zweikampf aus. Endlich erreichen wir die schroffen, gefährlichen Felsen des Cap Fréhel, die jedes Jahr für mehrere, manchmal sogar tödliche Unfälle verantwortlich sind. Oben auf dem Kamm zeichnen sich die beiden Leuchttürme vom Himmel ab. Die stummen Wächter geben den Seeleuten ein Gefühl der Sicherheit. Der jüngere der beiden ragt 103 Meter in die Höhe und wurde nach dem 2. Weltkrieg neu aufgebaut. Er ersetzte seinen Vorgänger aus dem Jahr 1847, der sich nach wackerem Widerstand den Deutschen geschlagen geben musste. Der ältere, „Tour Vauban“ oder einfach „Vieux Phare“ genannt, stammt aus der Zeit Ludwigs XIV. und ist noch immer intakt. Er ist im aktuellen Zustand zwar unbrauchbar, erinnert aber an die unerschrockenen Männer, die einst über den Leuchtturm von Fréhel wachten.

Saint-Malo und Surcouf
Auf der Rückfahrt steuern wir den Leuchtturm Grand Jardin an. Hier können wir in der Ferne den Grand Bê erkennen. Das Eiland ist ein Wallfahrtsort für Literaturfreunde, denn dort befi ndet sich das Grab von François-René de Chateaubriand, der übrigens stehend beerdigt wurde. Grand Bê ist auch als erste Gemeinde von Saint-Malo bekannt. Im 14. Jahrhundert lehnten sich einige Malouins, wie die Bewohner von Saint-Malo genannt werden, gegen ihren Bischof auf und liessen sich auf dieser kleinen Insel nieder. Daneben steht der Petit Bê – eine Festung, die gerade renoviert wird. Bei Ebbe kann man zu Fuss vom Grand Bê zum Petit Bê gehen, bei Flut muss man dazu jedoch das Fährboot „Passeur des Bês“ benutzen. Auf einem weiteren imposanten Felsen steht stolz das Fort National, Schauplatz eines der berühmtesten Duelle unserer Geschichte. Als der Korsar Robert Surcouf in einer Spelunke in Saint-Malo hörte, wie zwölf preussische Offiziere sich beleidigend über Frankreich äusserten, wollte er die Ehre seines Heimatlandes reinwaschen und forderte die Soldaten zum Zweikampf im Fort National auf. Dabei soll er die ersten elf einen nach dem anderen besiegt haben. Dem zwölften schlug er mit seinem Säbel die Hand ab, liess ihn aber am Leben, da er, wie er sagte, einen Zeugen brauchte.
Der Törn nähert sich seinem Ende und schon richten sich die hohen, von Seigneur de Vauban, dem Festungsbauer Ludwigs XIV., erbauten Festungsmauern von Saint-Malo vor uns auf. Hinter der Wehr hatten reiche Reeder, die durch den Gewürzhandel mit Indien zu grossem Vermögen gekommen waren und von den Heimischen abschätzig mit „jene Herren
von Saint-Malo“ betitelt wurden, ihre hohen Granithäuser errichtet. Diese überragten die Mauer, damit jeder schon bei der Einfahrt in den Hafen ihre Bedeutung erkannte. Die Innenstadt wurde im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört, danach aber originalgetreu wieder aufgebaut. Heute freuen sich die Touristen über das Labyrinth aus gepflasterten Gassen, denen kaum anzusehen ist, dass sie nicht aus dem 18. Jahrhundert stammen.

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