Wir segeln nach Marokko! Während wir den Hafen von Arzal verlassen, platze ich fast vor Vorfreude auf den Maghreb und die neuen Welten, die uns dort erwarten. Die Route vom französischen Küstenfluss Vilaine über Galicien, die portugiesische Küste, die Algarve und Andalusien bis nach Tanger bildet die erste Etappe unserer grossen Atlantikreise. Als uns bei der Mündung der Vilaine Delfine aufs offene Meer begleiten, ist mein Glück perfekt.
Leider währt die gute Laune nicht lange, schon in der Biskaya weicht sie einer dumpfen Unruhe. Zum ersten Mal werden wir den berüchtigten Golf nur zu zweit durchqueren. Tagsüber habe ich damit kein Problem, mir machen die Nachtwachen Angst. Zum Glück spielt das Wetter mit. Am Himmel ist nicht die kleinste Wolke zu sehen und wir kommen bei angenehmen 15 bis 20 Knoten Rückenwind gut vorwärts. Ich freue mich auf La Coruña und auf lange Sommerabende auf belebten Terrassen unter dem wachsamen Blick der Statue von María Pita. Die Nationalheldin soll 1589 die englischen Invasoren zurückgedrängt haben. Doch die Stadt scheint uns prüfen zu wollen. Sie empfängt uns mit 34 Knoten starken Böen.
Galicien
Die Dienstleistungen im Jachthafen sind von guter Qualität, für solide Reparaturen trotzdem nur bedingt geeignet. Da Segeln eigentlich nicht zur lokalen Kultur gehört, fehlt das nötige Fachwissen. Zwar gibt es einen gut sortierten Schiffsausrüster, den Collet für Winschen müssen wir trotzdem online bestellen. Wir nutzen den Tag an Land, um die galicische Küste bis zum Cabo Ortegal und seine steil ins Meer abfallenden Klippen zu erkunden. Besonders angetan hat es uns die Ria Santa Maria de Ortigueira. Wir würden die Meeresbucht gerne einmal mit unserem Boot befahren. Müde und zufrieden machen wir es uns an einem nahegelegenen Strand bequem und geniessen das sanfte Abendlicht. Am nächsten Morgen, als die Einheimischen den Tag in ihren Stammlokalen mit einem Café con Leche und einem Burrito beginnen, verlassen wir mit einem leichten Stich im Herzen La Coruña. Wehmütig werfen wir einen letzten Blick auf die Stadt, die im Schein des Herkulesturms erwacht. Das Meer ist ruhig. Doch dann verschwindet praktisch von einer Sekunde zur nächsten der Horizont und die Sichtweite beträgt nur noch knapp 100 Meter. Damit ist es auch mit unserer Gemütsruhe vorbei. Wir starten den Radar und starren angestrengt auf das Meer. Zwei Stunden später löst sich die Nebelsuppe so unvermittelt, wie sie gekommen ist, wieder auf. Bei herrlichem Sonnenschein und böenartigem Ostwind mit bis zu 28 Knoten passieren wir das Kap Finisterre. Nach zehnstündiger Navigation und mehreren Halsen erreichen wir die hübsche Bucht von Enseada de Langosteira, wo wir Anker werfen. Tags darauf steuern wir Muros an. Die kleine Stadt ist etwas in die Jahre gekommen, aber gerade deshalb sehr reizvoll. Im 19. Jahrhundert lebten die Einheimischen vom Sardinenfang. Heute säumen Laubengänge aus Granit die Bucht und dort, wo früher die Netze geflickt wurden, locken Cafés und Geschäfte. Segeln bedeutet auch an- und innezuhalten und sich auf Begegnungen einzulassen. In Vigo haben wir uns mit einer Freundin verabredet. Gemeinsam essen wir Oktopus auf galicische Art. Er schmeckt hervorragend, trotzdem habe ich Gewissensbisse, wenn ich an die zahllosen Tintenfische denke, die gefangen werden, nur damit wir uns den Bauch vollschlagen können. Wir wollen uns die vielgepriesenen, naturgeschützten Illas Cíes anschauen. Zusammen mit unserer Freundin steuern wir die nur sieben Seemeilen von Vigo entfernten «Inseln der Götter» an. Spätestens, als wir vor einem der schönen Strände in türkisfarbenem Wasser ankern, wissen wir: Sie tragen ihren Namen nicht umsonst! Das haben leider nicht nur wir erkannt. Tagsüber spucken Fähren und andere Schiffe Scharen von Besucherinnen und Besuchern an die weissen Strände. Doch bei Einbruch der Dunkelheit, wenn die Menschenflut wieder aufs Festland zurückfährt, kehrt Ruhe ein. Am Himmel wird ein Stern nach dem anderen angeknipst. Wir machen es uns an Deck bequem und verlieren uns in der unendlichen Weite des Alls. Am Tag darauf steigen wir bei sengender Hitze hinauf zum Leuchtturm. Oben angekommen sind die Strapazen schnell vergessen. Die Aussicht ist schlicht überwältigend ! Schweren Herzens verlassen wir das Paradies und machen uns auf nach Baiona, dem letzten galicischen Ankerplatz vor Portugal.



Die portugiesische Atlantikküste
Wir setzen unsere Reise dort fort, wo wir sie vor drei Jahren beendet haben. Diesmal schmückt sich die Region mit anderen Farben. Nicht die Orte selbst haben sich verändert, sondern das Licht, das Wetter und die Stimmung. In Póvoa de Varzim ist der Kontrast besonders gross. 2021 wurde das 500-jährige Jubiläum der Kirche mit Prozessionen, Festwagen, jubelnden Menschen und einem Blütenmeer gefeiert. Wir hatten uns unter die ausgelassene Menge gemischt und unter dem nächtlichen Feuerwerk Churros und Liebesäpfel gegessen. Jetzt haftet der Stadt et-was Wehmütiges an. Um sie so in Erinnerung zu behalten, wie wir sie das erste Mal erlebt haben, fahren wir ins Hinterland nach Braga, wo wir uns die Barockkirchen anschauen und in einem ehemaligen Kloster in Guimarães übernachten. In Barcelos lassen wir uns die Legende vom Hahn erzählen, der zum Wahrzeichen Portugals geworden ist.Aus dem gleichen Grund verzichten wir auf einen Besuch von Porto. Die Stadt am Duero ist für un-seren Geschmack mittlerweile viel zu überlaufen. Jener ruhige Liegeplatz am Flussufer, wo wir an einem lauen Sommerabend geankert haben, oder die Fahrt auf dem Tejo mit der Fou de Bassan, die uns unter der Ponte 25 de Abril hindurchgeführt hat, sollen nichts an ihrer Einmaligkeit einbüssen. Uns ist der grösste Luxus überhaupt vergönnt: Wir haben Zeit und können uns nach Lust und Laune treiben lassen. Zufall ist oft der beste Reiseführer. Wer nach nichts Konkretem sucht, macht häufig die schönsten Entdeckungen. Eine solche ist uns vergönnt, als wir aus einer plötzlichen Eingebung heraus den Berlengas einen Besuch abstatten. Die Granitinseln sind echte Juwelen inmitten smaragdfarbenem Wasser. Eine andere unverhoffte Begegnung machen wir in Peniche, als wir imPäckchen liegend mit unseren Nachbarn einen unvergesslichen Abend verbringen. Das Bordleben hat aber auch seine Schattenseiten. Den Traum von Freiheit auszuleben willverdient sein. Man muss die Ärmel hochkrempeln, sich die Hände schmutzig machen, mühsam die Bilge trocknen oder tagelang auf ein Ersatzteil warten. Ganz zu schweigen von den vielen Stunden, die man damit verbringt, ein Problem zu verstehen. Bei Pannen suchen wir akribisc nach der Ursache, gehen dabei logisch und per Ausschlussverfahren vor. In der Philosophie nennt man diese Methode Zetetik. Wir wenden sie Auch an, als wir aus Unachtsamkeit die Rollreffanlage der Genua verklemmen. Bei der Ausfahrt aus Cascais wird ein eigentlich banales Manöver wegen einer kleinen Unaufmerksamkeit zur Tortur. Unmöglich, das Segel bei 25 Knoten Wind aufzurollen. Nach vier Stunden hartem Kampf treffen wir erschöpft, aber erleichtert mitten in der Nacht in Sines ein. Die Geburtsstadt von Vasco da Gama verzaubert uns mit ihrem Charme. Im Hafen reicht uns ein kauziger Fischer gegrillte Sardinen auf einer Scheibe Brot und ein Glas Wein. Beim Anblick des Geschirrs, das schon bessere Tage gesehen hat, zögern wir, überwinden uns dann aber. Und wir bereuen es nicht. Der Fisch schmeckt köstlich!
Die Algarve
Wir sind zurück in vertrautem Terrain. Gross und Solent tragen uns bis nach Lagos. Im dortigen Jachthafen finden sich alle nötigen Services, die man für ein Segelboot braucht. Seit einigen Tagen liegt eine bleierne Hitze über Portugals Küste. Der Fou de Bassan und der Crew, die sich die kühlen Brisen der Bretagne gewöhnt sind, machen die hohen Temperaturen zu schaffen. Nur wenige Ankerplätze bieten Abkühlung. Einer befindet sich auf Culatra, einer kleinen Insel in der Laguna der Ria Formosa, direkt gegenüber von Olhão und Faro. Sie ist Teil einer Gruppe von Barriereinseln, die die Lagune und ihre Salzwiesen vom Atlantik abschirmen. In dem authentischen Fischerdorf scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Nichts wirkt gekünstelt. Im genossenschaftlichen Restaurant gibt es keinen Schnickschnack, dafür gutes Essen für alle. Wir mischen uns unter die Einheimischen und fühlen uns pudelwohl. Abends spielt neben der Anlegestelle für Shuttleboote aus Olhão ein Orchester lateinamerikanische und portugiesische Musik. Das Publikum aus allen Altersgruppen hört aufmerksam zu. Kein Vergleich mit dem Partylärm der grossen Jachthäfen! Am Morgen erwacht das Dorf mit dem Zwitschern der Austernfischer.



Andalusien
Voller Vorfreude erreichen wir Cádiz. Wir haben schon so viel Gutes über diese Stadt gehört. Erst einmal macht sich allerdings Ernüchterung breit. Wir liegen vertäut im Industriehafen, gegenüber einem Rettungsschiff, das Tag und Nacht die Motoren laufen lässt. Beim Anblick der vom Meer umspülten Phönikerstadt verfliegt die Enttäuschung aber rasch. Cádiz ist eine Geniesser- und Flanierstadt. Hier spielt sich das Leben auf bunten Märkten und begrünten Plätzen ab, die von Kinderlachen und angeregten Gesprächen der Einheimischen erfüllt sind. Kaum ist die Sonne am Horizont untergegangen, erwacht die Stadt aus ihrer Trägheit. Das andalusische Leben dringt durch die angelehnten Türen jahrhundertealter Gebäude nach draussen. Männerchöre proben in Garagen, ihre warmen Stimmen hallen durch die Gassen. Fasziniert lauschen die Passanten den rhythmischen Gesängen. Man wünscht sich, ihr Gesang würde niemals verstummen. Leider können wir nicht ewig bleiben. So ist das Leben von Seeleuten nun mal, sie müssen ihre Route fortsetzen. Unsere führt über das Kap Trafalgar, das durch die gleichnamige Seeschlacht Berühmtheit erlangt hat. Wir legen im Morgengrauen ab. Das Meer ist ruhig, die Stimmung gelöst, der Skipper summt unbeschwert vor sich hin. Auf Höhe des Kaps kippen Wetter und Gemütslage schlagartig. Durch den Eckeneffekt dreht der Wind böenartig auf. Wir müssen unseren eigenen Kampf ausfechten. Bei Gegenwind starten wir den Motor, die Strömung fliesst zum Glück in die richtige Richtung. Begünstigt durch die Untiefen bauen sich vier Meter hohe Wellen auf. Unter der Wucht der Elemente gerät der Motor ins Stottern und bleibt schliesslich ganz stehen. An Bord bricht Panik aus. Nach endlosen Minuten bringt der Skipper den Dieselkreislauf wieder in Gang. Noch ist nicht alles überstanden. Zwei Seemeilen vor Barbate sind riesige Thunfischnetze ausgeworfen. Wir betreten die Speisekammer der Orcas und können nur hoffen, dass sie gerade anderswo jagen.
Tanger
In Barbate warten wir ungeduldig auf ein Wetterfenster, um die 25 Seemeilen bis Tanger unter den Bug zu nehmen. In der Strasse von Gibraltar macht der ständig von Ost nach West wehende Wind jede Überfahrt zur Herausforderung. In der Marina ist es drückend heiss und der Wind geht an die Substanz. Um die Wartezeit zu überbrücken, spazieren wir auf dem piniengesäumten Weg zu den spektakulären Klippen des Naturparks La Breña. Von oben betrachtet sieht das Blätterdach aus wie ein Teppich aus Brokkoli. Endlich spielt das Wetter mit. Wir halten uns strikt an die Empfehlungen, um Orcas aus dem Weg zu gehen. Unter Motor fahren wir der Küste entlang, bleiben so lange wie möglich in der 20 Meter tiefen Fahrrinne und ändern dann unseren Kurs um 90 Grad Richtung Tanger. Im DST ist der Verkehr dicht. Vorsichtshalber funken wir ein Frachtschiff an, das direkt auf uns zusteuert. Puh, es korrigiert seinen Kurs. In der Ferne zeichnet sich die vertraute Silhouette von Tanger ab. Wir erkennen die Marina an dem gelben, dem blauen und dem weissen Kran. Drei Hafenarbeiter nehmen unsere Festmacherleinen entgegen und begrüssen uns mit einem herzlichen «Willkommen in Tanger». Die Formalitäten dauern länger: Nach der Passkontrolle wird unser Boot gründlich durchsucht. Das zweistündige Prozedere erweist sich dank der freundlichen Stegnachbarn als erstaunlich kurzweilig. Wir tauschen Tipps aus und erzählen uns gegenseitig von unseren Erlebnissen.Nach acht Wochen auf See haben wir unser Ziel erreicht: Wir sind in Tanger.



Nützliche Infos
Iberische Orcas: zwischen Faszination und Besorgnis
In Barbate treffen wir Thomas Le Coz, Kapitän der Walrus von Sea Shepherd France. Er befindet sich auf einer Mission zum Schutz der iberischen Orcas in der Strasse von Gibraltar. Mit seiner Crew informiert er Segelnde über die Risiken, den gefährdeten Tieren zu nahe zu kommen. Früher waren die Schwertwale zahlreich unterwegs, heute sind sie mit nur noch rund 40 Exemplaren vom Aussterben bedroht. Seit 2020 machen die Meeressäuger wegen ihrer spektakulären «Angriffe» auf Segelboote Schlagzeilen. Sie haben es auf die Ruderblätter abgesehen und verursachen zuweilen schwere Schäden. In seltenen Fallen bringen sie das Boot sogar zum Kentern. Die Empfehlungen, wie man bei Begegnungen mit Orcas reagieren kann, gehen auseinander. Frankreich und Portugal raten, den Motor abzuschalten und abzuwarten, Spanien empfiehlt, den Motor laufen zu lassen und das Weite zu suchen. Keine Methode ist narrensicher. «Manchmal ist der Spuk schnell vorbei, manchmal entstehen aber massive Schäden. Für die Orcas ist das Ganze ein Spiel», erklärt Thomas le Coz, «nur weiss niemand, warum sie so handeln.» Er rät, in Küstennähe zu bleiben, dort, wo das Meer 20 Meter tief und weniger stark befahren ist. Bei manchen Bedingungen ist dies jedoch nicht möglich. Wer hier segelt, muss dieses Risiko akzeptieren und auf seinen Schutzengel hoffen. Akustische Signalgeber, sogenannte Pingers, und Knallkörper sollten auf keinen Fall eingesetzt werden. Sie sind grausam und unwirksam dazu.
Täglich aktualisierte Infos: www.orcaiberica.org/fr
Zwischenstopps auf dem Atlantik Cíes & Berlengas
Illhas Cíes
Die Cíes-Inseln sind Teil eines Naturschutzgebiets. Wer hier ankern will, muss zuerst online unter iatlanticas.es eine Erlaubnis einholen. Für die Nachbarinsel Ons gelten die gleichen Vorschriften.
Berlengas
Auf den Berlengas kann man entweder im oft überfüllten Carreiro do Mosteiro oder – für Segelboote besser geeignet und ruhiger – am Fuss der Festung São João Batista festmachen. Ein Zwischenstopp auf den Berlengas ist nur bei ruhigem Wetter zu empfehlen, da es auf dem Boot durch den Atlantikschwell schnell ungemütlich werden kann.
Formalitäten – Jachthafen Tanger
Die Formalitäten können mehrere Stunden dauern, da das Boot sowohl bei der Ankunft als auch bei der Abreise durchsucht wird. Wir hatten unsere Papiere einige Wochen im Voraus eingeschickt, wodurch alles etwas schneller ging. Drohnen und Schusswaffen sind verboten und müssen den Behörden übergeben werden. In Marokko ist ankern verboten. Der moderne Jachthafen verfügt über Sanitäranlagen und liegt nur einen Steinwurf von der Medina und den Geschäften entfernt. Im Sommer ist die laute Musik aus den Diskotheken bis spät in die Nacht gut hörbar. Manchmal trägt der Wind Sand aus der Sahara heran, weshalb Winschen und Rollreffanlagen geschützt werden sollten. Partikel- und Kohlefilter zum Befüllen der Wassertanks nicht vergessen!
Fou de Bassan
Crew: Elisabeth und Bernard
Das Boot: OVNI 445, Baujahr 2011, Alubat
Begleiten Sie die Fou de Bassan auf ihrer Reise: foudebassan.com


