Skippers

🏛 » Gewinner ohne Titel

Gewinner ohne Titel

von Walter Rudin

Schweizermeisterschaften

Wenn eine ausländische Crew eine Internationale Schweizermeisterschaft gewinnt, darf sie sich zwar Gewinner der Landesmeisterschaft nennen, der Meistertitel geht aber nur an Segelnde, die in der Schweiz wohnen oder niedergelassen sind. Ist das noch zeitgemäss?

„Das ist doch purer Schweizer Nationalismus. Als Teilnehmer der Schweizermeisterschaft finde ich es unmöglich, dass Ausländer mitsegeln dürfen, damit die Felder schön gross werden, aber wenn sie die Regatta gewinnen, bleibt ihnen der Titel verwehrt. Sportlich betrachtet gewinnt, wer am besten segelt und zuerst über die Ziellinie fährt. Das scheint noch nicht bei allen Schweizer Funktionären angekommen zu sein.» Diese Aussage stammt von einem enervierten deutschen Teilnehmer an der Lacustre-Schweizermeisterschaft 2025 auf dem Urnersee. Die Buhrufe bei der Rangverkündigung hätten sich die deutschen Regatteure aller-dings sparen können, wenn sie die Ausschreibung des organisierenden Regattavereins Brunnen genau gelesen hätten. Hier war klar publiziert, was im Reglement von Swiss Sailing unter § 1.4 Vergabe Titel und Auszeichnungen steht:

A) Gewinner in der Schweizermeisterschaft (erstes Boot, Crew/Skipper können Schweizer innen oder Ausländer innen sein)
B) Schweizermeister in (erstes Boot mit ausschliesslich Schweizer innen in der Crew)

Identitätswahrung oder Chauvinismus

EEin Hauch von chauvinistischem Protektionismus lässt sich da zweifellos nicht wegreden. Ist dieses Reglement ein Relikt aus alter Zeit? Keineswegs. Die Generalversammlung von Swiss Sailing hat dem neuen Reglement für Schweizermeisterschaften erst im vergangenen November mit grosser Mehrheit zugestimmt. Im Protokoll der GV sind keine Wortmeldungen über diesen Passus erwähnt, also haben ihn alle Klassen und Mitglieder diskussionslos durchgewunken. Aber wie wird das Vorgehen begründet? Passt es überhaupt noch in ein Zeitalter steter Globalisierung? Sollten Bootsklassen, die oft darum kämpfen, noch genügend Teilnehmende an ihre Meisterschaft zu bekommen, nicht froh sein um grosse Regattafelder mit starker ausländischer Präsenz? Mit welchen Argumenten diese Beschränkung ins Reglement eingebunden wurde, bleibt unklar. Dominik Haitz, Mitglied der Geschäftsleitung von Swiss Sailing und verantwortlich für das Ressort Racing, meint jedoch: «Wir sind offen für Vorschläge, wie die Regeln verbessert werden können. Anhand der Feedbacks werden wir an der GV im November einen Vorschlag zur Abstimmung vorlegen. Man darf allerdings nichtvergessen, dass die GV dem vorliegenden Reglement 2024 unter der Prämisse zugestimmt hat, dass wir es zwei bis drei Jahre einem Praxistest unterziehen. Es wäre darum falsch, gleich einen neuen grossen Wurf zu machen.»

Kein Schweizer Alleingang

Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt, dass die Schweiz mit dieser Praxis nicht allein ist. In vielen Ländern werden nationale Titel nur an einheimische Athletinnen und Athleten vergeben, Auch wenn internationale Konkurrenz zugelassen ist. Den Titel «Österreichischer Meister», «Champion de France» oder «Campione Italiano» erhält durchwegs die oder der erstplatzierte nationale Segelnde. Ausländische Teilnehmende heben zwar das sportliche Niveau, wie die Titelvergabe geregelt wird, verkommt aber zum Spagat zwischen sportlicher Offenheit und nationaler Identität. In Deutschland gelten andere Regeln. Ulf Denecke vom Deutschen Segler-Verband bestätigt auf Anfrage: «Wer bei einer Internationalen Deutschen Meisterschaft gewinnt, ist Internationaler Deutscher Meister, unabhängig von der Staatsangehörigkeit der Seglerinnen und Segler. Eine weitere Unterscheidung zwischen Internationalem Deutschen Meister und Deutschem Meister gibt es nicht.» Damit ist unser nördlicher Nachbar nicht alleine, im Norden Europas, im angelsächsischen Raum und in Südamerika wird das gleich gehandhabt. Oft variieren die Regeln allerdings je nach Bootsklasse.

Sturm im Wasserglas?

Die Lacustre-SM war nicht die einzige Schweizermeisterschaft mit ausländischen Teilnehmern auf dem Podium. Michael Good, Präsident der Swiss Finn Class, hatte an der SM in Arbon keine Probleme mit den beiden Podien. «Allerdings ist bei beiden Stockerln jeweils ein Schweizer Segler zuoberst gestanden und konnte deshalb sowohl als Schweizermeister wie auch als Gewinner der Schweizermeisterschaft ausgerufen werden», fügt er an. An der Drachen-SM in Thun gewann ein Team aus Grossbritannien. Laut Klassenpräsident Garlef Baum habe interessanterweise nur ein Schweizer Teilnehmer reklamiert, dass der Titel nicht an die Briten vergeben wurde. Das sei ein Einzelfall und man solle das Thema nicht dramatisieren. Die meisten Ausländer kommen, um die Regatta zu gewinnen, nicht um den SM-Titel zu holen. Adrian Bauder, Principal Chief Umpire/Chief Judge und Leiter der Kommission Rules & Regulations bei Swiss Sailing unterstreicht diese Auffassung mit einem Beispiel: «Wer an einer polnischen Match-Race-Meisterschaft teilnimmt, interessiert sich nicht in erster Linie für den polnischen Titel, für ihn sind die Punkte wichtig, die er an diesem Grade 2 Event für das Weltranking holen kann.»

Nicht in Stein gemeisselt

Thomas von Gunten, Präsident der Swiss-Sailing-Klassen, möchte das Thema trotzdem nicht auf sich beruhen lassen. «Ich werde Kontakt mit den Klassen aufnehmen. Ich will wissen, wie sie es sehen» meint er. «Das Reglement der SM ist ja nicht in Stein gemeisselt.» Warten wir also die nächste GV ab und lassen uns überraschen, wie die Mitglieder und Klassen über den versprochenen Vorstoss der Geschäftsleitung entscheiden. Schade wäre jedenfalls, wenn ausländische Regatteure nicht mehr an die Schweizermeisterschaften kämen und sich die ohnehin kleiner werdenden Felder noch mehr lichten würden.

Dans la meme categorie