Der nächste America’s Cup, der im September 2013 in San Francisco ausgetragen wird, ist nicht unumstritten. Zu teuer, zu gross, zu extrem seien die AC72 und deshalb einer kleinen Elite vorbehalten. Ausserdem seien viel zu wenig Challenger am Start. Tatsächlich ist die Flotte des eigentlich internationalen Circuits im Lauf der Jahre beängstigend geschrumpft, sodass er sich heute nur noch zwischen zwei Ländern abspielt. Viele Beobachter ziehen daraus die bittere Erkenntnis, dass der Defender mit seinem Plan gescheitert ist. Die kleine Anzahl Teilnehmer ist in dieser Hinsicht bezeichnend für Oracles fragwürdige Entscheidungen.

Mit sechs von neun möglichen Laufsiegen hat Team Tilt an den Selektionsregatten seine Überlegenheit eindrücklich unter Beweis gestellt. © Loris von Siebenthal
Eine von Oracle eingeführte Neuerung aber erntet in der gesamten Segelszene viel Lob: Mit dem Red Bull Youth America’s Cup gewährt der Defender der jungen Generation Zugang zum Cup.
Natürlich spielt dieser Nachwuchswettbewerb nicht in der gleichen Liga wie der „echte“ Cup, das ist auch nicht Sinn und Zweck der Übung. Er bietet den jungen Seglern aber die einmalige Chance, Regattaerfahrungen auf höchstem Niveau zu sammeln und eine erfolgreiche seglerische Laufbahn einzuschlagen. Ausserdem sind die AC45 im Gegensatz zu den AC72, die wahrscheinlich zu extrem sind, um diesen AC Cup zu überdauern, bemerkenswerte Boote, über die sich alle Regattasegler begeistert äussern.
Mit Motivation bei der Sache
Der Youth America’s Cup, zu dem zehn nationale Teams aus je sechs 19- bis 24-Jährigen zugelassen sind, weckte schon sehr früh das Inte-resse einiger Schweizer. Julien di Biase, früherer Verwalter des CER und Mitglied von Team Oracle, und Arnaud Psarofaghis, der zwei Saisons lang bei den AC45 mitgemischt hat, spielten als erste mit dem Gedanken an eine Teilnahme. Die Idee fand immer breitere Zustimmung, bis Lucien Cujean schliesslich im Frühjahr 2012 die ersten Schritte unternahm. Alex Schneiter erkannte, wie ernst es den Initianten mit dem Projekt war und traf sich mit Lucien, um das weitere Vorgehen zu besprechen. „Ich habe meine Ambitionen und meine Herangehensweise an das Projekt von Anfang an klar formuliert und deutlich gemacht, dass ich zur Verfügung stehe“, erzählt Lucien Cujean. „Alex hat wahrscheinlich gespürt, dass unser Ansatz Hand und Fuss hat und das hat ihm gefallen und ihn bewogen, uns zu helfen.“
Ab diesem Zeitpunkt ging alles relativ schnell. Anfang Herbst kamen zwar immer wieder Zweifel auf, im Oktober stand das Projekt dann aber.

Die Teilnahme an der Vulcain Trophy mit der D35 und an den ersten Regatten der TeamWork M2 Speed Tour ist Bestandteil des Schweizer Projekts des Youth America’s Cups. © Loris von Siebenthal
Die Gründe für das Engagement
Er habe das Ausmass seiner Entscheidung nicht sofort erkannt, gesteht Alex Schneiter. „Ich habe während meiner gesamten Segelkarriere viel bekommen. Viele Leute haben mir geholfen. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, den jungen Seglern meine Energie zur Verfügung zu stellen. Das ist meine Art zurückzugeben, was ich erhalten habe. Aus-serdem hat es mir immer Spass gemacht, Projekte bei null zu starten und zu managen, vor allem, wenn das Projekt spannend ist und junge Talente daran beteiligt sind. Ich mag solche Herausforderungen und bin jedes Mal überrascht, wie man aus fast nichts alles erreichen kann.“ Blind hat sich der Präsident des SST aber nicht in das Abenteuer gestürzt. Er hat seine Entscheidung davon abhängig gemacht, dass ausreichend finanzielle Mittel aufgetrieben werden, damit das Projekt seriös durchgezogen werden kann. „Ich musste nicht lange warten und konnte schon nach ein paar Tagen einen Vertrag mit unserem ersten Sponsor unterzeichnen“, erzählt Schneiter. „Fünf Tage später haben wir eine D35 gekauft und zwei Wochen später mit dem Training auf dem Wasser begonnen.“
In fünf Monaten in Topform
Dass das Projekt Erfolg hatte, liegt bestimmt auch an der schnellen Entscheidungsfindung. Sonst hätte die kurze Zeit zwischen der Vertragunterzeichnung und der Selektion wohl kaum gereicht. „Man muss auch beachten, dass wir zwar über einen grossen Talentpool verfügen und am Genfersee schon viel Erfahrung mit Mehrrümpfern haben, wirkliche Topsegler hatten wir aber im Gegensatz zu den Australiern oder den Portugiesen nicht im Team.“ Damit Lucien als Steuermann mehr Praxis erwerben konnte, wurde er nach St. Barth geschickt, wo er an F18-Regatten teilnahm. Ausserdem segelt er auf einem A-Cat auf dem Genfersee. Auch beim restlichen Team wurde nichts dem Zufall überlassen. Dreissig Bewerber wurden in die engere Auswahl genommen, zwölf erhielten schliesslich eine Zusage. Mitten im Winter wurde 40 Tage lang auf dem Genfersee trainiert, meist zusammen mit einem Sparring Partner. Training ist aber nicht alles, wie Alex Schneiter betont: „Neben dem sportlichen Aspekt fällt ein unvorstellbarer Berg administrativer Aufgaben an. Zum Glück wurden wir dabei unterstützt, unter anderem von François Rayroux, der sich um die rechtliche Koordination des Projekts gekümmert hat.“

Das von Matt Cooper geführte Teambuilding hatte Erfolg: Die jungen Segler des Teams Tilt haben gezeigt, dass sie im Team arbeiten können. Diese Fähigkeit war siegentscheidend. © Loris von Siebenthal
Frisco, wir kommen!
Nach zwei Monaten harter Arbeit flog das Team im Februar in die USA. „Wir haben jede Stunde unseres Aufenthalts genaustens geplant, damit die Wettkampfstimmung erhalten blieb“, erklärt Lucien Cujean das Vorgehen. „Komplexe hatten wir keine. Wir waren zuversichtlich, obwohl wir wussten, dass noch nichts gewonnen war.“ Was Alex Schneiter am meisten Eindruck machte, war das Steigerungsvermögen der Teams: „Nach zwei Tagen auf der AC45, auf der sie vorher noch nie gesegelt waren, legten die jungen Segler einen unglaublichen Kampfgeist an den Tag. Es war wirklich eng.“ Das im Vorfeld durchgeführte Teambuilding zahlte sich jedoch aus. Team Tilt schindete damit mächtig Eindruck. Bei der Selektion zählten nicht nur die Regattaresultate, sondern auch die Kondition, das Potenzial und der Umgang mit Flügelsegel-Katamaranen. Ihre beispiellose Entschlossenheit sicherte den Schweizern schliesslich die Qualifikation.
Trotz dieses Erfolgs gibt sich Lucien Cujean vorsichtig und hütet sich vor Prognosen. Seinen Optimismus kann er dennoch nicht ganz verbergen. Die Qualität des Projekts, das Management und das Potenzial der Segler lassen auf einen Sieg oder zumindest einen Podestplatz hoffen. „Natürlich gehen wir an den Start, um zu gewinnen“, sagt Alex Schneiter, „aber es steht noch eine Menge Arbeit an und alle werden sich steigern. Wir haben aber festgestellt, dass nichts unmöglich ist, wenn man die nötigen Voraussetzungen schafft.“