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VORSICHT Treibgut!

von Quentin Mayerat

Nach der professionell und sympathisch durchgeführten Übergabe checken wir das Boot erst einmal gründlich durch. Dabei fallen uns viele praktische Details auf. So hat die führende französische Werft zum Beispiel in jedem Rumpf eine zweite Bilgepumpe installiert und auf der Flybridge Solarpanels angebracht. Jetzt müssen wir uns noch genauer mit dem Wetter beschäftigen, schliesslich wollen wir das Kap Finistère erreichen, ohne dass das Boot und das Team allzu arg durchgeschüttelt werden.

Ungünstige Witterungsbedingungen, ein kurzes Wetterfenster und Westwind machen uns die Entscheidung nicht leicht. Trotzdem brechen wir am 18. Januar auf, denn es sind gleich mehrere Tiefs im Anmarsch. Der Entschluss sollte sich auszahlen. Unsere Skipper-Kollegen sitzen fünf Wochen in Les Sables-d’Olonne fest.

Bei wolkenverhangenem Himmel, beissender Kälte und starkem Seegang reffen wir das Grosssegel zweimal und werfen den Motor an. Vor Einbruch der Nacht dreht der Wind leicht nach Westen. Wir setzen die Genua und segeln mit drei Reffs im Grosssegel und ausgeschaltetem Motor mit 30 Knoten am Wind. Das Wetter ist beständig. Auf der Flybridge aber ist es eiskalt. Sturmböen mit bis zu 50 Knoten peitschen uns ins Gesicht.

Böen mit 70 Knoten

Am nächsten Abend, als wir gerade die Motoren eingeschaltet haben, um die Batterien aufzuladen, bleiben sie ruckartig stehen und das Boot wird langsamer. Wir sitzen mitten in einem heftigen Sturm. Böen von bis zu 70 Knoten knallen gegen das Boot.

Nicolas und ich inspizieren die beiden Rümpfe. Grüne Seile mit einem Durchmesser von 20 mm haben sich im Heck verheddert. Wir haben das Gefühl, ein tonnenschweres USO zu schleppen.

Ausgestattet mit Sicherheitsgurten schneide ich die straff gespannten Leinen durch. Damit ich auch bestimmt nicht über Bord gehe, hält mich ein Crewmitglied fest. Wir holen die Genua dicht, fieren das Grosssegel und segeln auf raumem Kurs Richtung Süden.

Geschafft, denken wir erleichtert. Zu früh gefreut! Zwischen den beiden Hecks spannt sich ein weiteres Seil und die Ruder reagieren nicht mehr. Es gelingt uns zwar, das Seil durchzuschneiden, aber die Ruder nehmen ihren Dienst trotzdem nicht wieder auf.

Not macht erfinderisch

Wir befestigen unsere GoPro an einem Besen und untersuchen damit die Propeller und Ruderblätter. Unsere Befürchtung bestätigt sich: Wir sind in eine schwimmende Trosse geraten, die sich zwischen den beiden Rümpfen und verheddert hat. Als Folge davon funktionieren weder die Steuerung noch der Antrieb.

Wir befinden uns mitten in der Biskaya, 100 Seemeilen nördlich von Gijón in Spanien und 180 Seemeilen vom Kap Finistère entfernt. Der Wind hat auf 35 Knoten aufgefrischt und weht jetzt aus Westnordwest mit Spitzen bis zu 50 Knoten. Mittlerweile ist der Seegang so stark, dass die Wellen brechen.

Ich überblicke die Lage kurz und beschliesse dann die Route zu ändern und Gijón anzusteuern. Um die Abdrift auszugleichen, heisse ich den Steuermann, Kurs auf 220° bis 240° zu halten.

Alle zwei Stunden wird der Steuermann abgelöst, damit wir den Autopiloten nicht benötigen. Da sich die Ruder nur um 5° bewegen lassen, ist ein Mann ständig an der Grossschot. Er hat den Auftrag, bei anrollenden Wellen mit dichtgeholtem Segel anzuluven, und anschlies-send zum Abfallen das Segel zu fieren, um den „Weather Helm“ auszugleichen.

Wir basteln aus einem Segelsack und zwei Leinen einen schwimmenden Anker. Er soll uns das Steuern des Bootes erleichtern. Indem wir auf einer Seite winschen und auf der anderen fieren, sollten wir den Katamaran lenken können.

Wie sich zeigt, ist das gar nicht nötig. Ich bin verblüfft, wie gut das Boot reagiert.

Angst und Erleichterung

Ohne Motor und mit blockierten Ruderblättern pflügt unsere Lagoon 45 mit drei Reffs im Grosssegel durch die schwere See. Sie wird einzig durch die Grossschot gesteuert. Obwohl die behelfsmässige Lösung eigentlich gut funktioniert, zehrt die Situation an den Nerven. Die Kälte kriecht bis in die Knochen. Langsam macht sich Müdigkeit und Angst breit und ich sehe dem Anlegen mit einem mulmigen Gefühl entgegen.

Am nächsten Morgen, als wir uns nur noch knappe 30 Seemeilen vor der Küste befinden, versuche ich Funkkontakt mit dem Seerettungsdienst SASEMAR aufzunehmen, habe aber keinen Erfolg. Im Logbuch finde ich seine Telefonnummer in Bilbao und informiere ihn über die Situation. Wir nähern uns Gijón und bitten nicht um sofortige Hilfe. Ich sende kein Pan-pan aus, aber wir brauchen Unterstützung beim Anlegen.

Wenig später meldet sich die SASEMAR-Diensstelle in Gijón per Funk. Unser Anliegen wurde weitergeleitet.

Am 20. Januar mittags befinden wir uns fünf Seemeilen vor Gijón. Wind und Wellen treiben uns zu den Riffs östlich des Hafens. Ich bitte den Rettungsdienst einzugreifen. Nach zwei erfolglosen Versuchen wird an den vorderen Klampen der beiden Rümpfe ein Abschleppkahn festgemacht.

Eine Stunde später liegen wir nebeneinander in der Marina von Gijón. In stundenlanger Arbeit befreit ein Taucher später unsere Propeller und Ruder von den Seilen. Weder die Sail-Drives, die Propeller, der Umschalter noch die Silent Blocks wurden beschädigt. Nur ein Teil der Anode ging zu Bruch.

Seerettungseinsätze sind in Spanien nicht kostenlos. Sie werden zu einem Stundensatz von rund 350 Euro verrechnet. Dem Kapitän war es nicht recht, dass er Geld von uns verlangen musste und er lehnte die Flasche Champagner, die wir ihm zum Dank überreichen wollten, ab. Gemäss Küstenwache und Zoll müssen die Rettungsdienste immer häufiger wegen Havarien ausrücken, die durch treibende Netze und Container verursacht werden. Sie stellen für Hochseesegler eine echte Gefahr dar.

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