Welche Bilanz ziehen Sie aus diesem Alinghi-Jahrzehnt?
Zunächst möchte ich mich bei allen bedanken, die Alinghi in den letzten zehn Jahren unterstützt haben. Wir haben im Februar in Valencia viele Nachrichten erhalten, die uns wirklich zu Herzen gegangen sind. Um es kurz und knapp auszudrücken: Wir haben in den letzten zehn Jahren zwei von drei Cups gewonnen, die Bilanz fällt also mehr als positiv aus! Vergessen wir nicht, dass der Pokal in 159 Jahren neben den USA nur von drei Nationen gewonnen wurde: Australien, Neuseeland und der Schweiz. Unser Sieg am 31. America’s Cup kam überraschend, die 32. Ausgabe war ein grosser Erfolg und ein Riesenfest und mit der 33. konnten wir den Kreis schliessen, indem wir Erfahrungen mit dem schwierigsten Aspekt des Cups gesammelt und ungeahnte Hürden gemeistert haben. Mit den drei Teilnahmen haben wir den America’s Cup in seiner ganzen Spannbreite erlebt. Die Schwierigkeiten, mit denen wir bei dieser 33. Ausgabe zu kämpfen hatten, relativieren natürlich unsere beiden Siege, andererseits erhöhen sie gleichzeitig auch ihren Stellenwert. Der America’s Cup war bisher fest in den Händen der Angelsachen, Alinghi und die Genfer Société Nautique können deshalb auf ihren Erfolg stolz sein. Wir haben gemeinsam gezeigt, dass es auch ein kleines Land ohne Meer mit dem nötigen Kampfgeist und Durchhaltevermögen ganz nach oben schaffen kann. Heute weiss die ganze Welt, was der Schweizer Segelsport wert ist. Eine Schweiz, die gewinnt, das ist wichtig. Man muss sie unterstützen und anfeuern. Aber man muss auch die Niederlage akzeptieren und Lehren für die Zukunft ziehen.
Für einen leidenschaftlichen Segler wie Sie muss der Rechtsstreit doch ziemlich öde gewesen sein…
Ja, das stimmt. Ich wusste auch ohne die zweieinhalb Jahre gerichtlichen Tauziehens, dass ein Schweizer Team vor einem New Yorker Gericht gegen einen amerikanischen Gegner im Nachteil sein würde. Wir hätten auch einfach klein beigeben können, denn es war von Anfang an klar, dass man unsere Vision eines modernen America’s Cups mit einer grösseren Anzahl Teams und einem eingeschränkten finanziellen Rahmen unterbinden würde. Die Amerikaner hatten ihre ganz eigene Methode, um das zu erreichen. Sie passte so gar nicht zu Alinghi. Erinnern Sie sich: Wer hat dem Team New Zealand im Jahr 2003 finanziell unter die Arme gegriffen, damit es seine Segler behalten und als starker Challenger in den 32. America’s Cup starten konnte? Alinghi. Doch statt mich für den Rückzug zu entscheiden, der mir die komplizierten, konfliktgeladenen Jahre erspart hätte, habe ich den anderen Weg, nämlich den des Widerstands gewählt. Ich habe konsequent und entschlossen an meinen Prinzipien festgehalten, bereit, auf dem Schlachtfeld zu sterben. Ich bedaure meine Wahl nicht und hoffe, dass Europa davon profitieren kann.
Welches war das schlimmste Erlebnis?
Nach dem, was wir geleistet haben, bleiben mir keine schlechten Erinnerungen. Wir hatten das Glück, Aussergewöhnliches zu erleben. Natürlich haben mich gewisse Aspekte gestört. Wenn deine Integrität und deine Prinzipien weder anerkannt noch respektiert werden, dann leidest du für dein Team und deine Partner. Die Schweiz ist nicht der einzige Verlierer, auch Spanien gehört dazu, obwohl die Amerikaner versprochen hatten, dass der Cup im Falle eines Sieges in Valencia bleiben würde. Zwei Jahre zuvor hatten unsere Freunde vom Desafio Español als Challenger of Record so ziemlich alles zu hören bekommen, doch stellen Sie sich vor, was geschehen wäre, wenn sie Alinghi-Jacken getragen hätten! Im Februar präsentierte sich Vincenzo Onorato, (Präsident von Mascalzone Latino, AdR.) zur Unterzeichnung des Challenger-Abkommens in Valencia in einer Oracle-Jacke, obwohl er doch eigentlich alle Challenger repräsentieren sollte. Auch die fehlende Fairness und Ethik haben mich betroffen gemacht. So konnten wir den Austragungsort nicht selbst bestimmen, obwohl dies ein Recht des Defenders ist, und man hat mit allen Mitteln versucht zu verhindern, dass wir mit unseren Segeln antreten. Ich hätte mich nie zu so etwas hinreissen lassen, doch ich habe alles getan, um unsere Farben zu verteidigen und am Morgen noch in den Spiegel schauen zu können.
Und welches das schönste?
Erneut, ich möchte den zurückgelegten Weg nicht auf einen einzigen Augenblick reduzieren. Das letzte schöne Erlebnis hatte ich in Valencia am Tag vor meiner Rückkehr in die Schweiz. Ich hatte das gesamte Alinghi-Team zusammengetrommelt, um das fantastische Abenteuer nochmals Revue passieren zu lassen und mich bei allen Mitgliedern zu bedanken, dass sie mir gefolgt sind. Wir haben über geteilte Erfahrungen gesprochen. Es kamen viele Emotionen, Stolz über die geleistete Arbeit und menschliche Wärme auf.
Wäre die Regatta in Ras al-Khaimah anders ausgegangen?
Ich weiss nicht, ob Alinghi 5 in RAK gewonnen hätte und ich will keine Ausreden für den sportlichen Ausgang des Duells suchen. In Valencia sind sie besser gesegelt als wir. Sie haben an ihrem Boot unglaubliche Arbeit geleistet und kolossale Mittel investiert. Aber diese grossen Duelle werden oft äusserst knapp entschieden. Denken wir nur an unseren Sieg gegen Team New Zealand im Jahr 2007. Eine winzige Sekunde trennte uns! Oder an Roger Federer, der in New York wegen eines Matchballs, der nur 3 mm neben der Linie war, verlor. Fest steht, dass 6-7 Knoten Wind bei 4 °C oder 6-7 Knoten bei 25 °C so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht. Die kleinen Wellen und der Thermikwind in RAK, für die die Alinghi 5 entworfen wurde, stehen in keinem Verhältnis zur starken Nordwestdünung in Valencia. Wir konnten unsere stärkste Waffe – unsere Vorsegel – nie einsetzen. Die Amerikaner hatten mit ihrem Grosssegel ein unglaubliches Mittel zur Hand. Es war bei allen Bedingungen und insbesondere im wechselhaften Schwachwind von Valencia stark, weil sich seine Form so optimal anpasste, dass Vorsegel überflüssig waren. Bei diesem Flügelmast entsteht kein Druck im Flügel, da er quasi selbsttragend ist. Ohne Druck ist das Vorstag aber schwer kontrollierbar, weshalb sie auch wann immer möglich nur mit dem Flügel segelten. Bei unserem traditionellen Mast wirkten alle Kräfte auf die Vorsegel. Der Vorteil eines traditionellen Riggs besteht darin, dass sich das Stag spannen lässt. Doch wir konnten unser bestes Segel, das G Zero, nie einsetzen, obwohl wir in RAK drei von vier Mal damit gesegelt sind und es auch wunderbar funktioniert hat. Ich habe immer wieder betont, dass ich keine Probleme damit habe, einen Sieg oder eine Niederlage auf dem Wasser zu akzeptieren. Trotzdem sollte man das ganze Drumherum nicht vergessen.
Wie soll es mit Alinghi weitergehen?
Nach unserer Rückkehr in die Schweiz mussten wir das Geschehene erst einmal verarbeiten, das war wichtig. Die Segler brauchen alle eine Pause. Sie müssen neue Energie tanken, Bilanz ziehen, herausfinden, auf wen sie zählen können und auf wen nicht. Erst dann konnten wir mit dem Kapitel abschliessen, aber ohne das Buch deswegen gleich zu schliessen. Auf dem Genfersee geht das Abenteuer ja weiter. Alinghi wird seinen Titel mit der Décision 35 an der Challenge Julius Bär verteidigen. Parallel dazu wollen wir alle grossen Hochsee-Regattatouren unter die Lupe nehmen, sei das den von Stève Ravussin geplanten MOD70-Circuit, den Audi MedCup, den Cup der Maxi-Jachten, die Tour der Oman 100 und, warum eigentlich nicht, auch das Volvo Ocean Race. Wir müssen die einzelnen Optionen prüfen und uns für diejenige entscheiden, bei der wir unsere Stärken und unser Potenzial gewinnbringend einsetzen können. Zum Alinghi-Team gehören einige Personen, die für den Profi-Segelsport unverzichtbar sind. Darunter sind sowohl Segler als auch Fachleute, die leistungsstarke Systeme entwickelt haben. Der Schweizer Segelsport hat ein Niveau erreicht, von dem wir vor zehn Jahren nicht zu träumen gewagt hätten.
Und was sind Ihre Pläne für den 34. America’s Cup?
Oracle hat unsere Vision des Cups zwei Jahre lang kritisiert und vorgegeben, dass sie ein viel besseres Modell in der Schublade hätten. Wir warten noch immer darauf, dass sie erklären, woraus dieses Modell konkret besteht. Nach unseren beiden Siegen haben wir jeweils sofort ein Programm vorgelegt, damit sich die Cupgemeinschaft richtig vorbereiten und starke Challenger bilden konnte. Die Amerikaner lassen alle warten und werben währenddessen die besten Elemente ab, auch bei Alinghi. Leider ist es nicht möglich, hundert Personen zu halten, wenn man nicht weiss, wann und wozu man sie brauchen wird. Ich kann nur wiederholen, was ich bei meiner Ankunft in Genf gesagt habe: Wenn die Spielregeln fair und klar sind und sich starke Challenger melden, dann ist auch Alinghi wieder dabei.
Haben Russell Coutts und Sie das Kriegsbeil begraben?
Nach ihrem Sieg in Valencia habe ich Russell Coutts und Larry Ellison die Hand geschüttelt und hatte dabei keine Axt in der anderen.