Diesen Sommer machte ein internationales Teilnehmerfeld Silvaplana zur Welthauptstadt der Windsurfer. Nach den vielen Absagen wegen Corona war Engadinwind die einzige überlebende Veranstaltung des Windsurfkalenders. Auf dem Programm stand eine ganze Reihe attraktiver Wettkämpfe, darunter der erste internationale Event der neuen olympischen Windsurfklasse iQFoil, die 2024 den RS:X ersetzt. Die Schweizer hinterliessen in dem hochklassig besetzten Feld einen starken Eindruck. Einer stiess besonders hervor: Elia Colombo aus dem Tessin, der sich den hervorragenden 5. Platz sicherte.

Text: Quentin Mayerat

Sailing Energy

Ein tĂĽrkisfarbener Bergsee, schneebedeckte Berge und der bekannte Malojawind, der bei schönen Wetter jeden Tag zuverlässig wie eine Schweizer Uhr gegen Mittag einsetzt, machen Silvaplana zu einem idyllischen Segelund Windsurfrevier. Seit 1999 ist der Silvaplanersee Schauplatz des Engadinwind, einer Windsurfveranstaltung, die im Lauf der Jahre aufgrund ihrer seriösen Organisation und des windsicheren Reviers hohes Ansehen erworben hat. Als die in Portugal geplante iQFoil Europameisterschaft im FrĂĽhsommer abgesagt wurde, zögerte OK-Präsident Christian MĂĽller keine Sekunde: «Wir hatten eigentlich vorgehabt, die WM 2021 zu organisieren. Als uns die Klassenverantwortlichen nach der Absage in Portugal kontaktierten, sagten wir sofort zu und veranlassten alles Nötige, damit die EM bei uns stattfinden konnte.» In der aktuell schwierigen Lage 400 Sportler aus 36 Nationen ins BĂĽndnerland zu holen, war kein einfaches Unterfangen. «Wir mussten schnell reagieren und uns den besonderen Umständen anpassen. Wir haben zum Beispiel dafĂĽr gesorgt, dass Sportler aus Ländern, die auf der roten Liste standen, ihre Quarantäne im Hotel absolvieren konnten. Ausserdem holten wir Sonderbewilligungen fĂĽr Einzeltrainings auf dem Wasser ohne Kontakt mit Drittpersonen ein.»

DER OLYMPIONIKE KIRAN BADLOE AUS DEN NIEDERLANDEN SICHERTE SICH DEN ALLERERSTEN EM-TITEL VOR DEN BEIDEN PWA-RIDERN SEBASTIAN KĂ–RDEL (GER) UND NICOLAS GOYARD (FRA).

Konsens gefunden

Während einer guten Woche war in Silvaplana das Pfeifen der Foils nicht zu überhören. Die Revolution, die seit einiger Zeit die Segelszene aufmischt, hat auch vor dem Windsurfen nicht Halt gemacht. Im Anschluss an die WM der Formula-Foil-Klasse wartete man gespannt auf die allererste Europameisterschaft der iQFoils. Unglaubliche 145 Windsurferinnen und Windsurfer waren gemeldet. Auf dem neuen Board ruhen grosse Hoffnungen. Mit der Wahl dieser baugleichen Geräte konnten die Olympiaverantwortlichen eine Kluft schliessen, die seit vielen Jahren die Szene entzweit. Bislang lehnten die offiziellen Windsurforganisationen, vertreten durch die Professional Windsurfer Association (PWA), die olympischen One-Design-Boards mit Finne ab und bevorzugten ag-gressivere Bretter, die viel Wind voraussetzen. Die neuen Foiler scheinen jetzt aber alle zufriedenzustellen. Zum ersten Mal seit fast vier Jahrzehnten trafen sich die Vertreter der beiden zerstrittenen Lager auf einem Gerät, das nicht nur modern, sondern auch schnell und medienwirksam ist.

Drei Davids gegen lauter Goliaths

Unter all den Giganten vertraten drei Athleten die Schweiz: Mateo Sanz Lanz, der Olympiaqualifizierte für Tokio im RS:X, sowie die beiden Tessiner Mateo Benz und Elia Colombo, der letztes Jahr an der IFCA-Foil-WM am gleichen Ort den 8. Platz belegt hatte. Sie stiessen nach der Verlegung der EM in die Schweiz spontan hinzu, weswegen niemand wirklich mit ihnen rechnete. Die Aussenseiterrolle schien Elia Colombo aber Flügel zu verleihen. «Ich habe meine Ausrüstung erst eine Woche vor dem Wettkampf erhalten und sie ein einziges Mal ausprobiert. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell dieses Niveau erreichen würde», sagte der 25-jährige Wirtschaftsstudent, «vor allem nicht nach dem schwierigen Start!» Nach einem guten 7. Platz zum Auftakt stürzte er bei einer Massenkollision und wurde in seiner Gruppe letzter, wodurch er in den Tiefen des Klassements versank. Als wäre das nicht schon Pech genug, hatte sein Material Schaden genommen. Elia Colombo liess sich nicht unterkriegen und startete zu einer grossartigen Aufholaktion, die ihm den Einzug in die Medal Races sicherte. Ähnlich erging es dem fünf Jahre jüngeren Mateo Benz. Er wurde am zweiten Tag er Luvboje trotz Vorfahrrecht bei einer Steuerbord-/Backbord-Situation umgefahren. «Mei- ne Ausrüstung wurde dabei stark beschädigt. Ich konnte zum Glück trotzdem weitermachen und ein paar gute Läufe hinlegen. Die Qualifikation für die Gold Fleet war unter diesen Umständen ein kleines Wunder», sagte Mateo Benz, der im Schlussklassement auf Platz 39. rangierte. Sein Namensvetter Mateo Sanz Lanz konzentriert sich im Hinblick auf Tokio auf das Training im RS:X und bringt noch nicht viel Erfahrung auf dem Foiler mit. Ihm reichte es daher auch nur für die Silver Fleet. Folglich ruhten die Schweizer Hoffnungen auf Elia Colombo. Mit konstanter Leistung surfte der Tessiner in die Top 12 und qualifizierte sich für die Medal Races. Die wurden nach dem K.o.-Prinzip ausgetragen. Elia gewann die erste Runde und stand in den Top 8. Für die Top 4 reichte es dann aber knapp nicht, da er auf der letzten Kreuz vom amtierenden, überaus souveränen PWA-Weltmeister Nicolas Goyard aus Frankreich aus dem Rennen geworfen wurde. Für ihn kein Grund, enttäuscht zu sein. Für ein Debüt hätte er sich kein besseres Resultat erträumen können.

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Olympiaambitionen?

Engadinwind hat einen ersten Eindruck davon vermittelt, wie gut der iQFoil bei den Zuschauern und den Athleten ankommt. Findet die neue Disziplin ihr Publikum? Mateo Sanz Lanz glaubt fest daran. Der erfolgreiche RS-X-Segler hatte bisher im Nationalkader kaum Konkurrenz. 2024 dürfte sich das ändern. Er freue sich auf jeden Fall über das neue Interesse fürs olympische Windsurfen. «Ich weiss, dass ich noch viel arbeiten muss, um bei den Foilern mithalten zu können, momentan konzentriere ich mich aber auf die Spiele.» Für Elia Colombo und Mateo Benz ist Olympia natürlich ein verlockendes Ziel, doch bis Paris 2024 ist der Weg noch lang und die Konkurrenz im Swiss Sailing Team (SST) dürfte hart werden. Das glaubt zumindest SST-Trainer Asier Fernandez: «Nur we- nige Nationen haben so viele junge Athleten mit so viel Potenzial wie wir.» SST bereitet sich schon jetzt auf die Zukunft vor und stellt Mittel zur För- derung des iQFoils zur Verfügung.