Die 48. Translémanique ist ihrem Ruf als massgebende Einhandregatta einmal mehr gerecht geworden. Nach gesegelter Zeit siegte ein Hochseecrack, nach berechneter Zeit ein Lokalmatador.

Text: Vincent Gillioz
Fotos : EP Media

Die Syz Translémanique en Solitaire 2021 stand ganz im Zeichen der Bise. Sie bescherte den 97 klassierten von insgesamt 108 gemeldeten Booten rasante Tempofahrten und höchstes Segelfeeling. Der Gesamtsieger absolvierte die Strecke von der Société Nautique de Genève (SNG) zur alten Rhone und wieder zurück in rund 10 Stunden und auch der Sieger nach berechneter Zeit (22. im Gesamtklassement) brauchte mit seiner Surprise-Jacht für die rund 120 Kilometer nicht länger als 12 Stunden und 40 Minuten.

Arnaud machado, der sieger nach berechneter zeit auf seiner surprise-jacht. Er peilt eine teilnahme an der route du rhum 2022 an.

Heimvorteil genutzt

Die «Translem» ist insofern etwas Besonderes, als sie nach berechneter Zeit gewertet wird. Arnaud Machado war das nur recht. Er sah seine Chance bei der herrlichen Bise gekommen und liess bis zum Schluss nicht locker: «Dass die Surprise-Jachten bei viel Wind dank ihres Ratings heisse Siegesanwärter nach berechneter Zeit sind, ist hinlänglich bekannt», sagte der Sieger im Ziel. «Deshalb habe ich nach der Wendeboje trotz meines komfortablen 10-Minuten-Vorsprungs weiter Gas gegeben. Ich wusste, dass jede Sekunde zählt und dass ich alles geben musste, um nicht nur den Klassensieg, sondern auch den Gesamtsieg zu holen.» Angesichts der komplizierten Berechnung stand der Sieger erst am Tag nach der Regatta fest. Alle Boote müssen im Ziel sein, damit die definitive Rangliste erstellt werden kann. Für Arnaud Machado war das Warten eine Zerreissprobe: «Man stellt natürlich seine eigenen Berechnungen an, aber die Ungewissheit ist schon etwas stressig», räumte er ein. «Hinzu kam, dass sich die Verantwortlichen verrechnet hatten. Zunächst hiess es, dass ich den 2. Platz geholt habe. Dann riefen sie mich zurück und erklärten mich offiziell zum Sieger.» Der junge Landschaftsgärtner aus Sciez ist in der Regattaszene kein Nobody. Er hat bereits zweimal die Mini-Transat bestritten und segelte dieses Jahr sowohl an der Bol d’Or Mirabaud als auch an den 5 Jours du Léman auf den 2. Platz. Bestärkt durch diese Erfolge visiert er Grösseres an: «Ich möchte 2022 bei den Class40 an der Route du Rhum starten. Wenn ich das Budget zusammenbekomme, werde ich nächstes Jahr nicht hier sein. Das hoffe ich natürlich, auch wenn ich dieses Rennen wirklich mag.»

Obwohl sich der echtzeit-sieger charlie dalin in wenigen stunden mit dem boot vertraut machen musste, war er nicht zu schlagen.

Turbo-Briefing

Paradoxerweise landete der Erste, der die Ziellinie überquerte, in der Wertung nach berechneter Zeit ganz hinten. Dennoch stand das prominente Schlusslicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Charlie Dalin, der Zweite der letzten Vendée Globe, Gewinner des Fastnet bei den IMOCA und erfolgreicher Teilnehmer der Solitaire du Figaro mit zwei 2. und drei 3. Plätzen, zeigte eine beeindruckende Leistung. Der Pate der diesjährigen Syz Translémanique war noch nie zuvor auf dem Genfersee gesegelt und kannte auch die von Philippe de Weck zur Verfügung gestellte Luthi 10.90 nicht. «Ich wurde am Vortag im Schnellverfahren in das Boot eingeführt», grinste der glückliche Echtzeit-Sieger. «Man hatte mich vorgewarnt, die Winde auf dem See seien sehr komplex. Da die Wetterlage mit der angekündigten Bise aber fünf Tage vor dem Start ziemlich klar war, habe ich mich zur Vorbereitung nur mit diesem Wind auseinandergesetzt und darauf verzichtet, mir die anderen Winde genauer anzuschauen. Wäre das Wetter Genferseetypischer gewesen, wäre das Rennen bestimmt anders ausgegangen.»

Charlies Dalin übernahm schnell die Führung und zog bei der Ausfahrt aus dem unteren Genfersee davon, doch dann hätte ihn ein Patzer auf der Rückfahrt fast den Sieg gekostet. Er erzählt, wie es dazu gekommen ist: «Als ich bei der Einfahrt in den Petit-Lac den Spinnaker hissen wollte, habe ich den Hals etwas zu weit zum Bugspriet gezogen. Eine Welle und der Wind haben das Segel mitgerissen, das schliesslich im Wasser gelandet ist. Ich habe das Boot in den Wind gestellt, damit nichts kaputtging, aber es hat von ganz allein gewendet, sodass es mit dem Bug im Lee und dem Gross im Backstag lag. Ich bin ruhig geblieben und habe meine Route nach rund 15 Minuten mit dem GenuaStagsegel fortgesetzt, während ich den Spi wieder segeltüchtig machte. Da ich immer noch viel Vorsprung hatte, dachte ich an das Material. Ich wollte das Boot so zurückgeben, wie ich es erhalten hatte. Daher habe ich das Rennen schliesslich unter Genua zu Ende gesegelt.» Auf seine Rennstrategie angesprochen meinte der Offshore-Crack: «Die starke Bise kam mir gelegen, denn 20 Knoten sind in der Bretagne die Norm. Ich war in meinem Element. Ich habe mich stark am Kurs meiner direkten Gegner orientiert und mich ansonsten wie an der Solitaire du Figaro positioniert und auf mein Regattafeeling vertraut. Meine IMOCA Erfahrung hat mir sehr geholfen, denn ich bin es gewohnt, komplizierte Boote zu steuern.»

Jacques emery, der frühere präsident des organisationskomitees, beendete das rennen auf seiner psaros 33 makani an 7. Position nach gesegelter zeit.

Viele Gewinner

Jeder Teilnehmer hat die Translem auf seine eigene Weise erlebt und könnte wohl eine ebenso spannende Geschichte erzählen wie der Gesamt- und der Echtzeitsieger. Und viele konnten ebenfalls Erfolge feiern. Thaïs Armagnat von der Société Nautique du Léman Français setzte sich mit ihrer Surprise Tahoe als beste Frau gegen sechs weitere Konkurrentinnen durch und Matthieu Sistek gewann auf der Surprise Allegretto die Juniorenwertung der unter 20-Jährigen. Weitere Sieger wurden in den verschiedenen ACVL-Klassen erkoren. Pierre Gottreux siegte auf seiner Luthi MF10 Tabasco bei den TCF1, David Bugnon auf seiner Esse 850 Mb’s bei den TCF2 und Titouan Quiviger auf seiner Pogo 3 Biscuit bei den TCF4. Die Wertung der ACVL-Klasse TC ging an Alain Gerber auf seiner Confortina 32 Patootie.

So sehr er sich auch bemühte, françois thorens gelang es nicht, auf seiner psaros 40 cellmen tbs zur luthi 10.9 von charlie dalin aufzuschliessen. Er wurde 2. Nach gesegelter zeit.

Wachsende Popularität

Seit der Kurs der traditionsreichen Einhandregatta den Genfersee komplett umrundet, findet die Syz Translémanique en Solitaire immer grösseren Anklang. Da die Teilnehmerzahl aus Sicherheitsgründen auf 100 begrenzt ist, gehen jedes Jahr viele Interessenten leer aus. Für die diesjährige Austragung waren sämtliche Plätze bereits nach sechs Tagen vergeben. Charlie Dalins Sieg dürfte bei den Hochseecracks nicht unbemerkt bleiben und in Zukunft weitere Weltklasseseglerinnen und -segler anlocken. Dee Caffari, Alain Gautier, Michel Desjoyeaux und der Freerider und Segler Aurélien Ducroz, sie alle haben schon einmal am diesem Genferseeklassiker teilgenomme!