Semaines du soir auf dem Genfersee
Die Semaines du soir haben bei vielen Segelclubs am Genfersee Tradition. Sie starten an späten Sommernachmittagen wenn die Sonne schon tief steht, eine sanfte Abendbrise den See kräuselt und die Luft noch warm ist, mit einfachen, entspannten Regatten. Danach lockt der obligatorische Aperitif, gefolgt von einem gemeinsamen Essen. Im Scheinwerferlicht kommt Stimmung auf, es wird viel gelacht und ausgelassen getanzt. Hungern soll niemand – und schon gar nicht verdursten. Die Stunden verfliegen, bis Mitternacht schlägt. Manchmal wird es sogar deutlich später.
Die Semaine du soir des Club de Voile de Lausanne (CVL) gehört zu den ältesten Veranstaltungen ihrer Art. Seit 105 Jahren wird hier aktiv gesegelt und kräftig gefeiert. Die Segelwoche des CVL steht sinnbildlich für die Anfänge dieser Sommerregatten. Ihre Initianten wollten die schönen Tage nutzen, um die sozialen Bande im Club zu stärken. Noch heute ist dieser Grundgedanke der gemeinsame Nenner der Semaines du soir: Am späten Nachmittag werden ein paar Schläge absolviert, danach wird gefeiert. Der seglerische Aspekt tritt dabei oft etwas in den Hintergrund. Er dient als willkommener Vorwand für ein Dorffest am See.


Schlagabtausch beim CVL
Vor 75 Jahren ging es an den Semaines du soir noch deutlich härter zur Sache. Die Wettkämpfe wurden nicht auf die leichte Schulter genommen. Laut Pierre Mercier verlief nicht jeder Abend so festlich wie heute: «Als Kind segelte ich mit meinem Vater André auf der Nausicaa. Zwei Dinge sind mir besonders im Gedächtnis geblieben: Im Umkleideraum des Cercle de la Voile (Anm. d. Red.: dem damaligen CVL in Ouchy) gerieten Johnny Cornaz , genannt der Chinese, und Descoeudres, der aussah wie ein Boxer, wegen banaler Vortrittsfragen aneinander. Es war eine sehr männliche Welt, Frauen waren bei Regatten nicht erwünscht. Ich erinnere mich aber auch an die intensiv gelebte Geselligkeit. Die Semaines du soir boten Gelegenheit, Zeit mit Freunden zu verbringen, es gab ja damals noch kein Fernsehen und kein Telefon.» Die frühere Clubpräsidentin Chantal Rey erinnert sich an den Aufwand, der betrieben wurde: «Wir wollten immer möglichst originell sein. Zum 100-jährigen Jubiläum kamen über 50 Boote. Am Freitagabend veranstalteten wir eine Kostümregatta. Eine Crew hatte sogar ihr Boot dekoriert, eine andere kam als Bergler verkleidet und mit Alphörnern! Wir hatten Gänsehaut. Unsere Angst, dass bei all dem Übermut etwas passieren könnte, verliess uns aber nie, bis es dann tatsächlich zu einem Unfall kam. In einer stürmischen Woche kenterte eine Jolle und wir mussten die Seerettung rufen.»
Überbordendes Fest in Rolle
An der Semaine du soir in Rolle geht es seit den Anfängen in den 1980er-Jahren hoch her. Es wird so ausgelassen gefeiert, dass es schon mal heikel werden kann. Die Regattawoche ist berühmt für ihre Mischung aus Traumrevier, umwerfender Kulisse und Live-Musik, aber auch für ihren begrenzten Platz, auf dem sich bis zu 600 Personen drängen. Für Präsident Christophe «Caneton» Berthoud ist die Veranstaltung ein Muss, um den Club zu beleben. «Es finden sich vor allem Alteingesessene ein, die einander kennen. Junge Segelnde, denen es in erster Linie ums Regattieren geht, sind in der Unterzahl. Heute sind die Leute weniger abkömmlich. Früher nahmen bis zu 60 Boote teil, heute bringen wir es noch auf 30. Bei Windstärke 3 ist alles gut, ab 5 wird es brenzlig. Die Rettungskräfte sind jeden Abend im Einsatz, um zu verhindern, dass Betrunkene ins Wasser fallen und ertrinken.»



Founex lässt die Winschen knallen
In Founex veranstaltet der Segelclub dieses Jahr seine 20. Segelwoche. Unter der Leitung des Präsidenten Jérôme Sutter beweist das Organisationskomitee viel Fantasie, um den Anlass festlich zu gestalten und gleichzeitig das Segeln in den Mittelpunkt zu stellen. «Wir errichten auf der Mole eine Bar, um den Gästen das Segeln näherzubringen und ihnen die Regattaregeln zu erklären. Im Festzelt steht eine zweite Bar in Form einer zweigeteilten Star-Jacht, die an den Olympischen Spielen teilgenommen hat. Wir laden Live-Bands ein, organisieren einen Karaoke-Abend und am Freitag eine Kostümregatta mit anschliessender Party. Die beste Crew gewinnt die Founachu-Challenge. Als Preis erhält sie einen schweren Anker, auf dem alle Sieger verewigt sind.»
Villeneuve: Pionierin am Haut-Lac
Die Semaine du soir von Villeneuve machte bereits bei ihrer ersten Austragung Mitte der 1980er-Jahre von sich reden. Das Interesse war gross, an dieses berüchtigte Revier zu reisen. Ihm wird nachgesagt, dass es nur Schwarz und Weiss kennt: entweder Flaute oder Sturm. In den Anfängen lockte die von Roland Pellet ins Leben gerufene Regattawoche des CVVi jeweils rund 40 Boote an, einige kamen von weit. Ihre Zahl ist jedoch seit ein paar Jahren rückläufig. Heute sind es nur noch halb so viele. An der «After» sorgen Orchester, Gastronomen und Winzer für Stimmung. Mit diesen Angeboten füllt der Club seine Kassen. Besonders viel Umsatz generiert die Riesenpaella, an der sich mehr als 300 Gäste sattessen können.
Horrorszenario in Versoix
Auch dunkle Kapitel gehören zur Geschichte der Semaines du soir. 1999 endete die Segelwoche in Versoix tragisch. Ein Todesopfer und neun gesunkene Boote lautete die traurige Bilanz. Philippe Durr war damals auf der 8-Meter-Jacht Lafayette dabei. «Richtung Yvoire mussten wir eine Boje runden. Am Start ging ein leichter Séchard. Auf der Rückfahrt kam plötzlich ein Sturm vom Flughafen her und zerlegte die Flotte. Neun Boote nahmen über die Seite so viel Wasser, dass sie sanken, darunter Die 15 m SNS Papillon von Vincent Zanlonghi, eine Yngling, die Lacustre Roxana von Aga Khan und eine 30-Meter-Jacht. Eine Apokalypse! «Gibus» an Bord der Roxana konnte nicht schwimmen. Robert Favre warf ihm seine Schwimmweste zu und rettete ihm so das Leben. Guy Budry hatte weniger Glück. Man sah nichts mehr, es hagelte und Wasser peitschte auf. Guy suchte im Sturm seine Frau, fand sie und schaffte es, sie zu bergen. Da er selbst nicht schwimmen konnte, ertrank er bei der Rettungsaktion.» 1999 hätten sie noch kein Radar gehabt, um Gewitter zu orten, fügt Benoît Deutsch, Segellehrer und Base Chief beim CNV, erklärend hinzu. «Alle anderen Jahre war die Semaine du soir in Versoix aber eine Riesenparty mit rund 100 Booten und 900 feierwütigen Teilnehmenden», stellt Philippe Durr klar. Er hat sie während zehn Jahren zusammen mit dem lokalen Bäcker Pierrot Marguerat organisiert. Eigentlich war anfangs nur von einem Regattaabend die Rede gewesen…
SNG: am Anfang war Firmenich
Bei der Société Nautique de Genève (SNG) wird keine Semaine du soir, sondern eine Semaine de la voile, eine Segelwoche, gefeiert. Ihre Anfänge gehen auf die 1960er-Jahre zurück, als die Familie Firmenich die erste Ausgabe vor ihrer Liegenschaft in Genthod organisierte. Man könne die Geschichte der Woche in drei Etappen gliedern, sagt Eric Arnulf von der SNG: «In den Achtzigern wurde um 14 Uhr in Asnières gestartet und bis um 19 Uhr gesegelt. Im Jahr 2000 wurde der Start zurück zur SNG verlegt und die Boote wurden zwischen 17 und 18 Uhr aufs Wasser geschickt. Damals büsste die Segelwoche an Bedeutung ein. Vor einigen Jahren hat sie dank der legendären Regattaleiterin Véronique und der von ihr eingeführten Kostümregatta am Freitag wieder Oberwasser bekommen.
