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Gard, das große Entkommen

von Julien Beauchot

Okzitanien

Auf dem Weg von der Schweiz ans Mittelmeer lohnt es sich, einen Schritt zur Seite zu machen und das Land zu entdecken, in dem die Dörfer die Namen ungeahnter Heiliger tragen: das Gard. Es ist ein Land voller Geschichte und Kontraste, großzügig und karg zugleich; seine vielfältigen und urtümlichen Landschaften lassen niemanden unberührt.

Auf der Seite der Provence

Unser Ausflug beginnt im ersten Herzogtum Frankreichs: Uzès. Über den Weinbergen der Appellation d’Origine Protégée, die den Namen des Herzogtums trägt, erscheinen in der Ferne auf einem Hügel drei Türme. Kommt man näher, sucht man den Bergfried des herzoglichen Schlosses. Weht die Fahne auf seiner Spitze, bedeutet das, dass der Herzog – der noch immer Eigentümer seines Besitzes ist – sich in seinem Domizil aufhält. Das Gebäude und seine Restaurierung gaben der Stadt, die damals in einem Dornröschenschlaf lag, neuen Schwung. Hier wurde einer der ersten „Secteurs sauvegardés“ eingerichtet – Schutzbereiche, die durch das Malraux-Gesetz von 1962 zur Erhaltung und Aufwertung des Kulturerbes geschaffen wurden. Heute schlendert man durch Straßen und Gassen, vorbei an Herrenhäusern, ehemaligen Kasernen, Kirchen und einfachen Gebäuden, die sorgfältig und mit viel Liebe restauriert wurden. Das pulsierende Herz dieses fast kreisförmigen Labyrinths ist der Place aux Herbes, umgeben von seinen charakteristischen Gewölbegängen. Jahrhundert findet hier der Wochenmarkt statt. Wer an einem Samstagmorgen in Uzès ist, taucht ein in die Farben, Düfte und Aromen eines zeitlosen Moments. Unter dem sanften, runden Klang des „gardoiser“ Akzents werden lokale Spezialitäten wie Spargel, Oliven und Olivenöl, Lavendel, Fougasse (provenzalisches Brot) oder Seifen angeboten – und natürlich darf der schwarze Diamant der Region nicht fehlen: der Trüffel, dessen Saison vom 15. Dezember bis 15. März dauert. Bevor man die Stadt und ihre zahlreichen Sehenswürdigkeiten wieder verlässt, sollte man sich ein Glas Wein aus dem Herzogtum gönnen – und dazu ein paar Picholines (grüne Oliven) vom Markt knabbern.

Die spinnen, die Römer!

Am Fuße von Uzès bilden ein Dutzend Quellen den Brunnen von Eure. Im ersten Jahrhundert kamen die Römer, die die Region besetzten, auf die Idee, die aufstrebende Stadt Nîmes – damals Nemausus – mit diesem Wasser zu versorgen. Die Herausforderung: 50 Kilometer Entfernung mit einem Gefälle von nur 25 Zentimetern pro Kilometer. Dazu mussten die rund 50 Meter tiefen Schluchten des Gardon überwunden werden. Doch das war für die Römer kein Hindernis! Ein Wunderwerk der Ingenieurskunst wurde entworfen und umgesetzt, dessen spektakulärster Abschnitt der Pont du Gard ist. Mitten in der Garrigue entdeckt man dieses auf wundersame Weise erhaltene Meisterwerk. Die Zeit scheint stillzustehen. Man fühlt sich klein angesichts der drei Stockwerke mit Bögen, 275 Metern Länge – und einer Bauzeit von nur fünf Jahren. Seit 20 Jahrhunderten wartet es auf unseren Besuch.

Ein Stück weiter durch die Garrigue erreichen wir das Ziel des Aquädukts. Einer der 52 Orte, die man laut der New York Times gesehen haben sollte, ist die Stadt Nîmes – stolz mit Palme und Krokodil im Wappen. Die Arena, erbaut kurz nach Ankunft des kühlen Eure-Wassers, ist ein Muss. Wunderschön erhalten, können Kinder dort in die Rollen von Gladiatoren schlüpfen. Mirmillon, Retiarius oder Secutor – Influencer gab es schon lange vor Social Media. Und wie kann man beim Anblick des Maison Carrée nicht in Ehrfurcht erstarren? Dieser prächtige römische Tempel wirkt, als sei er gestern erbaut worden, und entfaltet seine Aura von seinem Podium aus. Wer sportlich ist, sollte den Aufstieg zum Tour Magne wagen, der über den Jardins de la Fontaine thront. Die Wendeltreppe macht schwindelig – aber nicht so sehr wie der Ausblick über die Stadt. Und vor der Weiterreise lohnt ein Halt in Les Halles: Ein Brandade de Morue auf knusprigem Brot und ein Glas Costières de Nîmes sind ein echter Genuss.

Es lebe Aigues-Mortes

Weiter südlich verschwinden die Hügel, das Meer gibt nun den Takt vor – und der Mensch versucht, sich die Natur zu eigen zu machen. Willkommen in der Camargue. Zur Rechten: weiße Pferde und schwarze Stiere. Zur Linken erhebt sich der Tour Carbonnière, ein steinerner Zeuge des einzigen Zugangs zur königlichen Stadt Aigues-Mortes. Der heilige Ludwig wollte einen direkten Zugang zum Mittelmeer und ließ mitten im Marschland eine Stadt errichten, von der aus er zum Siebten Kreuzzug aufbrach. Zunächst ragte der Tour de Constance empor, später wurde die Stadt vollständig von einer Mauer umgeben. Heute ist diese elf Meter hohe Stadtmauer auf ihrer gesamten Länge von 1.640 Metern begehbar. Von diesem malerischen Rundweg, der seine Bewohner bis heute vor Wind und Sand schützt, sieht man zwar nicht das Meer zu Füßen – denn Aigues-Mortes (vom Okzitanischen „Aigasmòrtas“, „tote Gewässer“) ist eben nicht Aigues-Vives –, doch der Blick nach außen offenbart die Salzgärten und ihre faszinierende Vogelwelt, während nach innen eine fast militärisch wirkende Ordnung sichtbar wird. Obwohl sie aus dem 13. Jahrhundert stammt, ist Aigues-Mortes eine Planstadt, die selbst moderne Stadtplaner vor Neid erblassen lässt. Nach einem Teller Gardiane (ein traditioneller Rindfleischeintopf aus der Camargue) lohnt ein Spaziergang durch die Gassen mit ihren verschiedenen Ordenskapellen: Die Bruderschaften der Pénitents teilen sich in Blancs und Gris – je nach Gewandfarbe –, während die Capucins (Kapuzinermönche) heuten Ausstellungen organisieren. Hier ist die Fougasse süß, duftet nach Orangenblüte – ein Erbe ferner Reisen, zweifellos. Der Kanal führt uns schließlich bis zum Meer. Die Sonne sinkt hinter uns und das Gefühl bleibt: Wir haben ein Land und seine Seele entdeckt – geschmiedet von den Schichten der Zeit. Der Wunsch, den Rest des Gard zu erkunden, wächst: Auf in die Cevennen, auf den Spuren von Robert Louis Stevenson?

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