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CHARLES DUBOULOZ, Hochgebirgsführer und Extremalpinist

von Brice Lechevalier

Bergwelt

Der Spitzenathlet und Richard Mille-Botschafter teilt seine Gefühle und seine Sicht auf die Entwicklung des Alpinismus in unseren Bergen.

Was ist deine schönste Erinnerung als Bergführer?

Da würde ich ganz klar sagen: die Besteigung der Grandes Jorasses mit Arnaud, einem Kunden, der im Laufe der Jahre zu einem Freund geworden ist. Es war sein größter Traum. Dafür hatte er hart trainiert und viel Zeit und Energie investiert. Diese Tour ist extrem anspruchsvoll, selbst für einen erfahrenen Bergführer. Wir haben die Wand an einem einzigen Tag bestiegen. Normalerweise braucht man dafür zwei bis vier Tage. Wir sind um Mitternacht von der Hütte los und standen gegen 20 Uhr auf dem Gipfel. Das war ein intensiver Moment: Biwak auf dem Gipfel, die Sonne ging über den Bergen unter… Aber am meisten hat mich das Menschliche berührt – das absolute gegenseitige Vertrauen. Als Bergführer stellt man die eigene Leistung völlig hinten an. Man ist ganz für den anderen da. An diesem Tag habe ich Arnaud geholfen, sich einen Traum zu erfüllen, und genau dieses Teilen, dieses gegenseitige Vertrauen, macht das Erlebnis unvergesslich.

Und deine schönste Erinnerung an eine Expedition?

Es gibt viele, aber was mir in besonderer Erinnerung bleibt, ist die Einrichtung einer neuen Route in Nepal an der Nordwand des Chamlang auf 7319 Metern. Das war im Jahr 2021. Ich war damals mit Benjamin Védrine am Seil unterwegs. Der Aufstieg hat vier Tage gedauert, immer im eisigen Schatten und unter extremen Bedingungen. Das hat unglaubliche Erinnerungen hinterlassen. Den Gipfel zu erreichen und endlich ins Licht zu kommen, war fast unheimlich und ein krasser Gegensatz zu allem davor. Dieser Moment hat nur fünf Minuten gedauert, denn wir mussten konzentriert bleiben. Es war klar, dass es noch nicht vorbei war, denn auch der Abstieg war sehr heikel. Das ist oft so auf Expeditionen: Du erlebst einen kurzen Moment des Glücks, aber du musst einen kühlen Kopf bewahren. Dieser Gipfel war für mich ein Meilenstein, ein Baustein in einem größeren Ganzen.

Wie siehst du das Hochgebirge?

Im Hochgebirge gibt’s im Prinzip nur Eis und Felsen. Ich würde sagen, wir sind dort eigentlich nur Gäste, gerade mal geduldet. Man geht hoch, macht, was man zu tun hat und steigt wieder ab. So richtig wohl fühlt man sich unten in den Tälern und Bergen, wo es Tiere und Pflanzen gibt. Dort erst bekommt das Wort montagnard, „Bergmensch“, seine wirkliche Bedeutung: Du kannst in den Bergen bleiben, dort Zeit verbringen.

Was ist dein persönliches Revier, wo kannst du richtig Kraft tanken?

Ich fühle mich sehr mit der Aravis verbunden, diesem Gebirge oberhalb von Annecy. Ein Sehr lebendiges Gebiet, mit Wäldern und einer reichen Tierwelt. Dort fühle ich mich zu Hause, genauso wie in der ganzen Gegend rund um den Lac d’Annecy, die ich wie meine Westentasche kenne. Dort gehe ich Gleitschirmfliegen, klettern – dort trainiere ich am liebsten.

Und in der Schweiz?

In der Schweiz liebe ich Grindelwald. Die Atmosphäre am Fuß der Eiger-Nordwand ist wirklich kraftvoll, auch wenn die Gegend im Winter eine gewisse Strenge hat. Und dann gibt es die Felsen des Wendenstocks, Kalkstein von seltener Reinheit, mit großartigen Kletterrouten. Auch rund um Interlaken bietet die Schweiz einen weltweit einzigartigen Sportklettergrund.

Wie hat sich der Alpinismus in den letzten Jahren verändert?

Es gab mehrere bedeutende Veränderungen. Zuerst auf rein körperlicher Ebene: Dank Kletterhallen und der Professionalisierung des Sports sind wir heute besser vorbereitet, besser trainiert. Auch technisch ist das Niveau explodiert. Im Gegensatz dazu ist unsere Generation aber weniger risikofreudig als die vorherige. Die Alten sind damals viel größere Risiken eingegangen als wir heute. Sie haben öfter alles auf eine Karte gesetzt. Wir bauen auf ihren Erfahrungen auf, wollen uns aber anders weiterentwickeln. Neu ist auch, dass wir bewusst zugeben, gezielt zu trainieren. Der erste, der diesen Weg geebnet hatte, war der Schweizer Kletterer Ueli Steck, der uns sehr inspiriert hat. Dann müssen wir uns heute vor allem mit dem Klima arrangieren. Die Jahreszeiten haben sich verändert. Früher ist man bis in den August ins Hochgebirge gegangen. Jetzt steigen die Bergführer schon ab dem 20. Juli wieder ab – zu heiß, zu instabil, zu gefährlich. Auch die Hütten, die früher erst ab Juni geöffnet hatten, weil vorher zu viel Schnee lag, machen mittlerweile einen Monat früher auf. Die Natur gibt die Regeln vor, und man muss sich ständig anpassen.

Haben sich die Erwartungen der Kunden auch verändert?

Ja, ganz eindeutig. Die Sportkultur hat einen enormen Aufschwung erlebt und sehr bekannte Bergsteiger wie Kilian Jornet haben bei vielen Menschen die Lust geweckt, diese Räume und das Bergsteigen zu entdecken. Trailrunning hat den Anfang gemacht. Körperlich sehr fitte Kunden begannen, sich auch an technische Aufstiege heranzuwagen. Heute sorgt das Hallenklettern für eine zweite Welle: Viele Kletterer wollen nach draußen, das Hochgebirge entdecken. Manche haben ein gutes Niveau, aber wenig alpine Erfahrung. Die Rolle des Bergführers besteht darin, sie zu begleiten und sie in diesen Bereich einzuführen. Es gibt eine echte Nachfrage und eine wirkliche Entwicklung in diesem Beruf.

Was würdest du jemandem raten, der mit einem Bergführer die Berge entdecken möchte?

Für zwei oder drei Tage würde ich empfehlen, die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Der Mont Blanc hat zwar eine große Anziehungskraft, aber er steht nicht für das gesamte Bergerlebnis. Es gibt so viele wunderschöne und wenig begangene Routen. Für eine Woche – vorausgesetzt, die Person hat schon etwas Erfahrung – kann man Touren in der Schweiz oder in Italien planen, im Sommer wie im Winter. Etwa im Aostatal, das voller abgelegener Täler ist, mit Übernachtungen in unbewirtschafteten Hütten. Es gibt eine immense Vielfalt an einzigartigen Gebieten. Das Entscheidende ist, sich auf die Person einzustellen: ihre Wünsche, ihr Können, ihre Neugier.

Und was denkst du von Chamonix?

Chamonix ist ein außergewöhnliches Tor ins Hochgebirge. Man steigt in die Seilbahn – und nur wenige Minuten später steht man mitten in den Gipfeln. Anders als etwa im Écrins-Massiv, wo du erst mal zwei Tage zu Fuß unterwegs bist. Das ist wirklich einzigartig. Und dieser orangefarbene Granit – einfach fantastisch. Die Routen sind wie gemacht für Kletterer, die Bewegungen sind klar und sauber. Es ist ein Ort voller Geschichte und Möglichkeiten. Für mich ist es ein unglaubliches Terrain, um sich auszudrücken.

Wie gehst du im Alltag mit der Gefahr um?

Das ist ein bisschen wie mit der Höhe: Man gewöhnt sich daran, und genau da wird es riskant. Man muss permanent wachsam bleiben, nie verharmlosen. Ein Gletscher, der ruhig aussieht, kann eine riesige Spalte verbergen. Ein Windstoß, ein Moment der Unaufmerksamkeit, und es kann kippen. Zum Glück ist die Natur ziemlich gut gemacht und weist einen schnell in die Schranken. Die Erfahrung hilft dabei, Auch schwächste Signale wahrzunehmen.

Welche Eigenschaften sind für einen guten Bergsteiger wesentlich?

Zwei davon sind körperlicher Natur: Ausdauer und Klettern-Können. Man muss klettern können nach tagelangem Marschieren, bei Kälte, nach schwierigen Nächten, mit schweren Rucksäcken. Aber das Schwerste ist das Mentale. Oft leidest du, hast Angst und musst trotzdem eine Seillänge nach der anderen klettern, ohne Pause. Man muss imstande sein, nach einem Scheitern von vorne anzufangen, trotz Rückschlägen motiviert zu bleiben. Bergsteigen ist keine Serie von Glanzleistungen. Es ist ein Weg. Das dauert Jahre, und die, die durchhalten, sind oft die, die langsam aufbauen, geduldig, mit Bescheidenheit. Das ist ein Sport, der auf Dauer angelegt ist, kein Strohfeuer.

Hast du einen besonderen Ansatz in deinem Beruf als Bergführer?

Was ich liebe, ist die Vielfalt. Im Winter Eisfälle und Skitouren, im Sommer Alpinismus und Expeditionen – mal kurze Grate, mal ruhigere Übergangsphasen dazwischen. Ich könnte nicht fünfzig Mal dieselbe Tour machen in einer Saison. Dieser Beruf ist für mich auch ein Raum für Kreativität. Mit den richtigen Kunden, Menschen die motiviert und im Vertrauen sind, kann man wirklich wunderschöne Dinge unternehmen. Bergführer sind schon eine Spezies für sich: irgendwo zwischen Imagination und Reise. Gerade diese Seite, ein „Handwerker des Bergabenteuers“ zu sein, gefällt mir an diesem Beruf.

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