Mini Globe Race
Im März beendete Renaud Stitelmann das Mini Globe Race im Ziel als souveräner Gesamtsieger. Er hatte das abenteuerliche Einhand-Rennen
von Anfang an dominiert und alle Etappen gewonnen. Ganze vierzehn Monate trotzte er auf seinem 5,80 Meter-Sperrholzboot Marke Eigenbau den Bedingungen. Rückblick auf eine unglaubliche Leistung.
Am 23. Februar 2025 ertönte in Antigua der Startschuss zum Mini Globe Race. «Für mich war die erste Etappe nach Colón in Panama eine Standortbestimmung. Ich hatte zwar zuvor die Überführungsetappe gewonnen, war aber nicht sicher, ob einfach nur Glück im Spiel war», sagt Renaud Stitelmann rückblickend. «Vor der kolumbianischen Küste hatten wir viel Wind. Ich las die Strömungen richtig und meine Taktik ging auf. Das ist bei nur 5 Knoten schnellen Booten entscheidend. Ab da wusste ich, dass ich meine Chancen hatte.»
Nach der ersten Etappe wurde der Schweizer als heisser Favorit gehandelt. Wegen eines Missge- schicks stand seine weitere Teilnahme aber auf der Kippe. Er war im Cockpit auf einem fliegenden Fisch ausgerutscht und hatte sich an der Achil- lessehne verletzt. Während des Zwischenstopps konnte er seinen Fuss kaum aufsetzen. «Ich wuss- te nicht, ob ich wieder starten könnte», erzählt er. Ganz aufgeben wollte er die Hoffnung aber nicht. Er liess sein Boot auf dem Landweg nach Panama City transportieren, da die Globe 5.80 zu klein sind, um den Panamakanal eigenständig zu passieren, und setzte die Vorbereitungen so gut wie möglich fort. «Mit Ruhe und entzün- dungshemmenden Medikamenten bekam ich die Verletzung schliesslich in den Griff.»
Vom Abenteuer zur Regatta
Die zweite Etappe Richtung Fidschi startete am 25. März in Panama. Auf dem Programm standen Zwischenstopps auf den Marquesas, Tahiti und Tonga. «Je nach Ort dauert ein Stopp zwischen fünf und zehn Tagen. Die Zeit ist vorgeschrieben und läuft ab dem Überqueren der Ziellinie oder
dem Einlaufen am Ankerplatz. Dieses etwas spe- zielle Format war teilweise etwas frustrierend, weil man nie wirklich direkt gegeneinander segelt. Man nimmt die neue Strecke mit dem herausgesegelten Vorsprung unter den Bug und segelt daher im Grunde allein.»
Auch auf dieser langen Pazifiketappe hielt sich Stitelmann an der Spitze. «Ich habe den Aufent- halt in Panama genutzt, um mich intensiv mit der Strategie und den Strömungen zu befassen. Das hat sich ausgezahlt. Ich konnte meinen Vorsprung weiter ausbauen.» In diesem Moment war sein Wettkampfgeist endgültig geweckt: «Von Antigua bis Colón hatte ich das Mini Globe Race als Abenteuer wahrgenommen, im Pazifik wurde daraus eine Regatta.»
Der Indische Ozean: ein harter Brocken
Am 26. Juli ging es für die Flotte weiter von Fidschi Richtung Kapstadt, mit Stopps auf Thursday Island in der Torresstrasse, den Kokosinseln, Mauritius und Durban. «Ich bin mit Dan Turner oft auf Sicht gesegelt. Das war sportlich sehr spannend. Bei der Einfahrt in das Korallenriff bei Nacht und gegen die Strömung musste ich die Zähne zusammenbeissen.»
Mühe hatte Stitelmann auch mit den Zwischenstopps: «Sie sind nicht wirklich erholsam, sondern brechen den Rhythmus und sind mit viel Arbeit verbunden. Es gibt immer etwas zu reparieren und man muss Proviant organisieren. An manchen Orten, etwa auf Thursday Island, gestaltet sich der Landgang zudem kompliziert. Wegen der Haie und Krokodile konnten wir das aufblasbare Kajak nicht benutzen. Ohne eigenes Dinghy ist man auf Wassertaxis angewiesen.»
Auf dem Weg in den Indischen Ozean wurden die Bedingungen nochmals spürbar härter. «Wir sind bei viel Wind in Thursday Island ausgelaufen und
zu dritt in einem Umkreis von zwanzig Seemeilen gesegelt: Dan Tuner auf Immortal Game, Keri Harris auf Origami und ich auf meiner Capucinette. Südlich von Timor wurde es wieder ruhiger. Danach haben Dan und ich Kerri abgehängt. Die Verhältnisse waren extrem fordernd: Wir hatten mehr als 35 Knoten Wind, vier bis sechs Meter hohe Wellen, tropische Hitze und extreme Luftfeuchtigkeit. Auf diesen kleinen Booten fährt man mit drei Reffs entweder unterpowert im Wellental oder überpowert auf der Wellenkuppe. Das geht an die Substanz.»
Stitelmann wusste natürlich, worauf er sich einliess, «aber dass der Indische Ozean auch in den Tropen so brutal sein würde, hatte ich nicht erwartet. Für mich war das der härteste Abschnitt der ganzen Weltumsegelung.» Zwischen Mauritius und Durban musste sich die Flotte durch ein chaotisches Meer kämpfen. «Mir wurde schon etwas mulmig. Bei mehr als 35 Knoten am Wind sind die kleinen Sperrholzboote kaum noch zu kontrollieren.» Dank feinem Gespür und taktischer Präzision konnte Stitelmann seine Führung trotz allem verteidigen. «Ich musste das Boot an seine Grenzen pushen, um meine Entscheidungen durchzuboxen.»


CAPUCINETTE SETZTE SICH AUCH AN DER LETZTEN ETAPPE VON BRASILIEN NACH ANTIGUA DIREKT NACH DEM START AN DIE SPITZE DES FELDES.
Zurück im Atlantik
Nach Kapstadt nahm die Flotte Kurs auf Recife, mit einem Zwischenstopp auf St. Helena. «In Südafrika wurden wir unglaublich herzlich empfangen. Die schönen Momente an Land liessen uns die schwierigen Bedingungen auf dem Meer und das wechselhafte Wetter etwas vergessen.»
Am 28. Dezember verliessen die elf verbliebenen Teilnehmenden Afrika Richtung Brasilien. «St. Helena ist ein faszinierender Ort, komplett von Steilklippen umgeben. Die Mitglieder des Jachtclubs hatten für uns Mooringbojen ausgelegt, weil Ankern dort in 15 Metern Tiefe praktisch unmöglich ist.»
In Recife, vor dem Start zur letzten Etappe, war die Anspannung spürbar. «Je näher das Ziel rückte, desto grösser wurde der Druck. Es durfte nichts mehr kaputtgehen und man durfte auf keinen Fall krank werden. Das war bei unserem angeschlagenen Immunsystem gar nicht so einfach.» Am 26. Februar brach die Flotte zur letzten Etappe auf. «Wir segelten zu- nächst der Küste entlang mit starker mitlaufender Strömung und erreichten dadurch sieben bis acht Knoten über Grund. Kurz vor dem Antillenbogen bremsten die Algenteppiche das Boot aus, es war ein Alptraum. Ich musste alle dreissig Minuten rückwärtsfahren, um den Kiel freizubekommen. Dazu
kamen die vielen Sturmböen und der ständige Lärm der Wellen gegen den Rumpf. Ich habe so gut wie nicht geschlafen.»
Capucinette blieb allen Widrigkeiten zum Trotz bis ins Ziel an der Spitze. Am 8. März lief Renaud Stitelmann als Gesamtsieger in Antigua ein und vollendete damit eine beeindruckende, nahezu fehlerlose Weltumsegelung, bei der er sämtliche Etappen für sich entschied.
Am Ende des Rennens rund um den Globus meinte er mit seiner typischen Gelassenheit: «Im Grunde fühlt es sich an wie nach den 5 Jours du Léman. Man hat das Gefühl, einen guten Regattatag beendet zu haben. Dass man so lange unterwegs war, geht irgendwie vergessen.»
In 14 Monaten um die Welt
Capucinette legte in 180 Tagen, 11 Stunden und 25 Minuten 24 000 Seemeilen zurück. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 5,54 Knoten Einschliesslich aller Stopps dauerte das Mini Globe Race 377 Tage.
Die Teilnehmenden liefen fünfzehn Häfen in dreizehn Ländern an. Im Ziel hatte Renaud Stitelmann dreieinhalb Tage Vorsprung auf den Zweitplatzierten Dan Turner aus Australien und zehn Tage auf den Briten Keri Harris. Insgesamt starteten dreizehn Skipper und zwei Skipperinnen aus acht Nationen. Sie segelten auf selbstgebauten 19-Fuss-Einheitsbooten aus Epoxy-Sperr- holz nach Plänen von Janusz Maderski. Elf von ihnen kamen ins Ziel.