Multipower
Lange Zeit fristeten Motor-Katamarane ein Randdasein, doch das hat sich geändert. In den vergangenen vierzig Jahren haben sie sich in allen Grössenklassen, vom einfachen Dayboat bis zur Superjacht, zu einer patenten Alternative zu Einrümpfern entwickelt.
1985 liess Jeantot Marine in Les Sables-d’Olonne den ersten Euphorie 40 zu Wasser. Catherine Relandeau, die damals für die Werft arbeitete, erinnert sich: «Das Boot war schlecht gemacht, trotzdem haben wir 43 Stück verkauft. Eigentlich gab es dafür gar keinen Markt, aber die moderne Formsprache gefiel. Im Motorbootsegment ist das Design extrem wichtig.» Fünf Jahre später folgte ein 44-Füsser, 1998 mit dem Transcat ein Powerkat mit Traw-ler-Charakter. Paradoxerweise hat sich die wegbereitende Werft, die heute unter dem Namen Privilège tätig ist, wenig später aus dem Motorbootmarkt zurückgezogen.
Zwanzig schwierige Jahre
Zu Beginn der 2000er-Jahre stiegen führende Segelkatamaran-Hersteller in den Markt ein. Lagoon lancierte 2001 den Power 43, Robertson & Caine 2002 den Leopard 46 PC. Fountaine Pajot zog 2003 mit dem Greenland 34 und ein Jahr später mit dem Cumberland nach. Doch das klassische Motorjacht-Publikum schwor weiterhin auf Stil und Tempo. Die Vorteile eines Mehrrümpfers liegen anderswo und sprechen eher Fans von Trawlern an. Sie punkten mit Stabilität auf dem Wasser und vor Anker, einem grossen Raumangebot, wenig Lärm, da die Motoren weiter vom Aufenthaltsbereich entfernt sind, und einem geringeren Kraftstoffverbrauch, sofern die Unterwasserschiffe und die Motorisierung energieeffizient sind und man sich mit einer Gleitfahrt von rund 10 Knoten begnügt. Lagoon stellte sein Motorprogramm bereits 2009 wieder ein und konzentrierte sich auf die Produktion von Segelkatamaranen. Fountaine Pajot hingegen setzte die Entwicklung eigenständiger Modelle fort.
Aquila als Vorreiter
Motorbetriebene Mehrrümpfer profitierten nicht von der Werbung durch Charterflotten, denn diese bestanden damals ausschliesslich aus Segelkatamaranen. Selbst heute umfasst die Flotte von Dream Yacht Worldwide nur sechs Powerkats bei insgesamt 800 Einheiten. Bei Sunsail und The Moorings können demnächst rund hundert Modelle gechartert werden, was 15 Prozent der Flotte entspricht. Der US-Anbieter Marine-Max musste seine Flotte nicht erst umstellen. 2012 gründete er zusammen mit Sino Eagle die Marke Aquila Catamarans und beauftragte den Visionär Lex Raas von Moorings mit dem Entwurf des ersten Aquila 48. Das Spezielle daran: Es handelte sich nicht um eine abgewandelte Form eines Segelkatamarans, sondern um ein von Grund auf für den Motorbetrieb gezeichnetes Boot. Aquila übernahm in Zusammenarbeit mit J&J Design die typischen Merkmale einer Motorjacht in Bezug auf Verarbeitung, Ausstattung und Design und liess den Powerkat in einer eigens errichteten Fabrik in China bauen. Darauf folgten in kürzester Zeit ein 36- und ein 44-Füsser. Heute besteht die Reihe aus zwölf Modellen von 28 bis 70 Fuss. Mit rund 140 produzierten Einheiten pro Jahr ist Aquila weltweit führend.
Sunreef, Luxus auf zwei Beinen
2008 drängte Sunreef mit einem 70-Fuss-Boot (21 m) auf den Markt. Francis Lapps erster Kunde war der Schweizer Skipper Laurent Bourgnon. Einen besseren Werbeträger hätte er sich nicht wünschen können! Für ihn baute er Jambo mit speziell grosser Reichweite, denn er sollte ohne Auftanken über den Pazifik gelangen. Der mit achtzehn verkauften Einheiten erfolgreiche Powerkat legte den Grundstein für die heutige Sunreef-Power-Linie. Über die Jahre wurden die Kats immer grösser und luxuriöser, Sinnbild eines gewissen Lifestyles. Getragen durch prominente Botschafter wie Rafael Nadal und Fernando Alonso stieg die Nachfrage, sodass die in Danzig ansässige Werft eine zweite Produktionsstätte in Dubai eröffnete. Eine weitere Ausnahmeerscheinung in der Luxussparte war der 2012 lancierte Adastra. Der Trimaran mit einer Länge von 42,50 Metern wurde nach Plänen von John Shuttleworth von McConaghy in China gebaut und erregte wegen seines aussergewöhnlichen Designs viel Aufsehen. Mit Ausnahme von ein paar wenigen Prototypen wie den Entwürfen des genialen Nigel Irens oder aktuell den LEEN sind Motorentrimarane jedoch äusserst selten.
Aussenborder für den Einstieg
Dem Powerkat-Markt wurde lange Zeit eine vielversprechende Zukunft prophezeit, ohne dass ihm der Durchbruch gelang. In den letzten zwanzig Jahren hat er aber doch Fahrt aufgenommen, die Zahl der Modelle hat sich verdoppelt. Die meisten werden von renommierten Herstellern in Serienanfertigung produziert. Dass der Markt mittlerweile eine gewisse Reife erreicht hat, zeigt die Unterteilung in drei Segmente. Das Basissegment bilden die Dayboats. Sie sind aufgrund ihrer Fläche und ihrer Stabilität besonders bei Anglern sehr beliebt. Mit starken Aussenbordmotoren erreichen sie alle mindestens 20 Knoten, teilweise bis zu 50 Knoten. Zu den bekanntesten Marken zählen Aquila, Worldcat, HammerCat und YOT (Catana Group). Sie bedienen vor allem den US-Markt. Beneteau wollte die starke Nachfrage in Amerika nicht ungenutzt lassen und beauftragte ihre Tochterfirma Four Winns mit der Entwicklung des TH36. Die grössten Aussenborder im Einstiegssegment mit einer Länge von 10 bis 12 Metern können dank WC, geschützter Sitzgruppe und manchmal sogar einer oder zwei Kabinen auch für Küstenfahrten genutzt werden.


12 bis 18 Meter für Langfahrten
Im mittleren Segment, das die Katamarane für Mid-Shore-Törns umfasst, ist die Konkurrenz grösser. Fountaine Pajot muss sich mit seinen 11 bis 14 Meter langen Innenbordern gegen mehrere Mitbewerber behaupten. Neben Leopard, Aquila und Aventura wollen auch Longreach und Hudson Powercats ein Stück vom Kuchen abbekommen. Um sein Portfolio der Nachfrage anzupassen, hat Beneteau über seine Marke Prestige eine M-Baureihe gestartet. Sie weist mehr motorjachtspezifische Merkmale auf als die Lagoon Power, die sich stark an Segelkatamarane anlehnen. Fountaine Pajot reagiert auf diese Offensive mit der Marke Veya, die sie in Partnerschaft mit der Motorjacht-Marke Couach lanciert. Den Auf-takt der Zusammenarbeit macht ein 53-Fuss-Modell. YOT will in diesem Segment ebenfalls Fuss fassen und hat für Ende 2026 einen 53-Füsser angekündigt. Überzeugt vom Potenzial des Marktes liess Catana Group im portugiesischen Aveiro ein 20 000 Quadratmeter grosses Werk für den Bau von YOT-Katamaranen errichten. Es hat eine doppelt so grosse Produktionskapazität wie der Marktführer Aquila.
Multiyachts, das neue Eldorado
In der Königsklasse ab 60 Fuss ist fast alles erlaubt. Hier werden Träume erfüllt. Während die führenden Multihull-Hersteller aus Kostengründen die Rümpfe ihrer Segelkatamarane anpassen (Power 67 und 80 bei Fountaine Pajot, Sixty, Seventy und Eighty bei Lagoon), setzt Sunreef auf individuelle Neubauten. Mit ihren massgeschneiderten Lösungen für Langfahrten, Entdeckungsreisen und Highend-Luxus deckt die Werft das komplette Programm ab. Das Gute daran: Die Mehrrümpfer sind ziemlich sparsam unterwegs. Nachhaltigkeit ist zum Verkaufsargument geworden. Sunreef macht es mit der Eco-Linie vor, Serenity mit ihren vollelektrischen Modellen und Silent Yachts demnächst mit Whisper. Mehrrümpfer eignen sich mit ihrem Layout besonders gut für grossflächige Sonnenkollektoren. Der Motor-Katamaran hat sich vom handwerklichen Pionierprojekt zur Serienreife entwickelt. In den meisten Fällen hat er sich von den Segelmodellen abgenabelt. Das internationale Angebot erfüllt die steigende Nachfrage nach komfortablen, hochseetüchtigen und durchdesignten Booten in allen drei Segmenten mit viel Innovationsreichtum. Powerkats sind zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Motorbootbranche geworden.

