Schon viele Werften und Designer haben versucht, auf Schweizern Seen eine Klasse zu lancieren und sie am Leben zu erhalten.
Einige mit viel, andere mit weniger Erfolg. Die folgenden Boote haben in den letzten 20 Jahren alle von sich reden gemacht, obwohl längst nicht allen der Durchbruch gelungen ist.

Text: VINCENT GILLIOZ

Es gibt Boote, die sind nie aus der Mode gekommen, und andere, die konnten sich trotz gewagtem Konzept nie wirklich durchsetzen. Dazwischen findet sich eine ganze Reihe von Modellen, die mehr oder weniger erfolgreich waren. Umtriebige Kleinunternehmer versuchten sich mit kleinen Klassen zu profilieren. Auf dem Genfersee hatte der Toucan einst die Meterklassen verdrängt und musste sich dann selbst gegen Verdrängungsversuche wehren. Mehrere Werften und Konstrukteure versuchten die Nachfolge des genialen Wurfs von Noverraz/Fragnière anzutreten und tüftelten an einer eierlegenden Wollmilchsau. Alle wollten sie das ideale Boot bauen, mit gutem Rating, um die ACVL-Regatten zu gewinnen, gutem Marschtempo, um mit Freunden zu regattieren, und guter Ausstattung für Wochenendtörns mit der Familie. Tiolus, Jeudi 12 und Vidygo erlebten alle ihre Sternstunde, wirklich etablieren konnten sie sich aber nicht. Zeitweise prägten industriell gefertigte Boote wie der Joker oder der Dolphin die hiesige Regattaszene. Sie wollten der Surprise den Rang streitig machen, schafften es jedoch nie, sie in den Schatten zu stellen.

In den letzten 20 Jahren haben sich die Kundenbedürfnisse geändert. Ein Boot muss nicht mehr Racer UND Cruisereigenschaften gleichzeitig aufweisen. Vielseitigkeit ist weniger ge-fragt und auch der Preis ist kein entscheidendes Kriterium mehr. Das Erfolgsrezept kennt allerdings niemand. Was ein Boot erfolgreich macht, ist vermutlich ein komplexes Zusammenspiel aus einer Marktlücke, einer dynamischen Werft, dem Vermögen der Eigentümer, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, und dem Marketinggeschick des Herstellers.

Die Grand Surprise bildeten 2011 die zweitgrösste Einheitsklasse in Frankreich und hatten auch in der Schweiz grossen Erfolg.

Surprise und Grand-Surprise

Die Surprise und die Grand-Surprise wurden zwar nicht in der Schweiz gebaut, doch in keinem anderen Land bringen sie auch nur ansatzweise eine so grosse Flotte aufs Wasser. Es wird wohl keiner anderen Klasse gelingen, nur annähernd an den Erfolg der Surprise und der Grand-Surprise heranzukommen. Dass ihr Bau mittlerweile eingestellt wurde, ändert nichts daran, dass die beiden Cruiser nach wie vor das Mass aller Dinge sind und bestimmt noch geraume Zeit bleiben werden.

Mit mehr als 1500 gebauten Exemplaren, von denen rund 600 auf dem Genfersee segeln, muss man die Surprise eigentlich nicht mehr vorstellen. Tausende haben mit dem kleinen Cruiser von Designer Michel Joubert das Fahrtenund Regattasegeln entdeckt. François Séchaud hatte 1977 das richtige Gespür, als er beschloss das Boot zu importieren. Wie von ihm erahnt, erfüllte es genau die Bedürfnisse und Erwartungen der Binnensegler. Als schnelle Leichtwindund solide Starkwindjacht, die viel Segelspass bietet und dazu noch relativ kostengünstig ist, fand die Surprise sofort ihr Publikum und bereits 1978 entstand in der Schweiz die erste Klassenvereinigung. Im gleichen Jahr wurden die Bauvorschriften der One-Design-Boote erlassen. Seither wurde der Decksplan zwar mehrfach geändert, die Surprise ist aber eine Einheitsklasse geblieben. Ältere Semester wie dasjenige der Familie Monnin haben gezeigt, dass die ersten Generationen noch immer mithalten können, was unter anderem daran liegt, dass nicht das Boot, sondern das Team massgebend ist. Heute sind die Surprise-Flotten zwar nicht mehr so gross wie früher, dennoch finden sich bei jeder Regatta noch immer mindestens zwanzig Boote ein. An der Bol d’Or starten sogar jeweils rund hundert Einheiten. «Es gibt vermutlich nichts Schwierigeres, als die Bol d’Or in der Surprise-Klasse zu gewinnen», schreibt Pierre-Yves Jorand auf der Website der Klassenvereinigung.

Die Grand-Surprise baut direkt auf der Surprise auf. Sie wurde ebenfalls von Michel Joubert und Bernard Nivelt entworfen, wobei François Sechaud ihnen mit seiner Erfahrung und seinen profunden Marktkenntnissen mit Rat und Tat zur Seite stand. Die Grand-Surprise wurde in den späten Neunzigerjahren auf den Markt gebracht und richtete sich gezielt an Binnenregatteure, die ein grösseres und stattlicheres Boot wünschten als die Surprise. Sie fand ebenso grossen Anklang wie ihre kleine Schwester. Bereits 2011 war sie die zweitgrösste Einheitsklasse Frankreichs. Auf dem Genfersee segeln mehr als 50 Einheiten, rund 30 nehmen jeweils an der Bol d’Or teil.

Fotos: Loris von Siebenthal

Ventilo M2

Bei den Mehrrümpfern setzte der Ventilo M2 schon kurz nach seiner Einwasserung im Jahr 2005 auf dem Genferund dem Neuenburgersee zu seinem Siegeszug an. Der 28-Fuss-Katamaran wurde auf Initiative des Regatteurs Rodolphe Gautier und des Chefs der Ventilo-Werft Christian Favre entworfen. Sie wollten mit dem zweibeinigen Flitzer wohlsituierten, nicht zwingend millionenschweren Amateuren die Möglichkeit bieten, auf Hightech-Multis zu segeln. Der Erfolg stellte sich sofort ein. Bereits die erste Bestellung umfasste acht Einheiten. Insgesamt wurden 30 Ventilo 28 vom Stapel gelassen. Die meisten nehmen an der Jahresmeisterschaft, der M2 Speed Tour, teil. Einige Exemplare wurden auch an den Bodensee, nach Ungarn und sogar nach China verkauft. Namhafte Segler wie Bertrand Geiser, Christophe Peclard, Michel Vaucher und Nils Palmieri haben jahrelang auf M2 regattiert und eine oder mehrere Meisterschaften gewonnen. Die Erklärung für diesen Erfolg ist beim Klassenpräsidenten zu suchen. Er hat sich an der Seite des Herstellers dafür eingesetzt, die Klasse auszubauen und vor allem daran gedacht, eine Westschweizer Meisterschaft auf dem Genfer- und dem Neuenburgersee zu organisieren.

Die Psaros

In Sachen Hightech und Gigantismus ist die Psaros 40 die wohl extravaganteste Klasse auf dem Genfersee. Das Sportboot wurde 2002 von Jean Psarofaghis und Sébastien Schmidt lanciert. Die beiden wollten damit die grossen Regatten gewinnen und reizten daher die Genfersee-Vermessungsregeln bis aufs Äusserste aus. Das Konzept ging auf. Kurz nach den ersten Siegen waren die Bestellbücher voll. «Die Psaros 40 ist das beste Boot der Welt», urteilte Jean Psarofaghis. «Sie ist extrem kraftvoll und schnell. Ich liebe das Boot.» Fünf Einheiten wurden gebaut, insgesamt haben sie zehn Bol d’Or gewonnen. Dass sich die Klasse nicht weiterentwickelte, hatte vor allem einen Grund: Der Racer ist so imposant und anspruchsvoll, dass er nur von einem relativ grossen Team gesegelt werden kann.

Um diese Erkenntnis reicher entwarf die Genfer Werft zusammen mit Designer Sébastien Schmidt ein neues Boot, das sich näher an den Kundenbedürfnissen orientierte. Mit einer Länge von 10 Metern ist es doch erheblich kleiner und kann auch zweihand gesegelt werden. Die erste Psaros 33 wurde im Frühling 2012 eingewassert. «Die Psaros 33 ist einfach, schnell und überschaubarer als die Psaros 40», beschreibt Jean Psarofaghis seinen zweiten Wurf. Ihre Grösse (10 m), ihr Gewicht (2 t) und ihr Hubkiel verhelfen ihr gleich zu mehreren Vorteilen. So kann sie zum Beispiel einfach getrailert und mit kleiner Besatzung gesegelt werden.» In Wirklichkeit ist die Psaros 33 ein kompromissloses Hightech-Konzentrat. Der 2,60 Meter tiefe, elektrisch bedienbare Schwenkkiel, der feste 70-Zentimeter-Bugspriet für die Genua, der 3,20 Meter lange einziehbare Bugspriet für den asymmetrischen Spi, der Gleitrumpf mit diskreter Kimmkante, der für den Transport zerlegbare Kohlefasermast und die einfahrbare Schraube machen den Racer zu einer Ausnahmeerscheinung. Bei der Präsentation des Bootes erklärte Sébastien Schmidt: «Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Optimierung der Gussformen gelegt. Sie wurden per Computer zugeschnitten, sodass sich alle Teile perfekt ineinanderfügen. Auf diese Weise nimmt die Montage viel weniger Zeit in Anspruch und die Kosten sinken.» Wirklich günstig ist die Psaros 33 aufgrund der komplexen Systeme dennoch nicht. Ein segelfertiges Exemplar schlägt mit über 300 000 Franken zu Buche. Das scheint die Käufer nicht abzuschrecken. Zwischen 2012 und 2020 wurden zwölf Einheiten gebaut, die meisten sind bei der SNG stationiert und segeln während der Saison mehrmals pro Woche. Mittlerweile hat die Klasse ihre kritische Grösse überschritten und kann sogar eigene Punkteregatten austragen.

Jean Psarofaghis hat mit der Psaros 33 einen speziell auf den Genfersee zugeschnittenen Hubkieler entworfen.

Die Luthi

Die Bootswerft Luthi hat zahllose schnelle und berühmte Boote gebaut, One-Design-Racer gehörten aber in den letzten 20 Jahren nicht wirklich zu ihren Stärken. Perchettes, BodSoul, 50ème Hurlants, Miss Tfy, Tarangau und Black Swan aus den Reihen 33, 36, 38, 38.2, 950 und 952 konnten alle grosse Erfolge feiern und haben ihre jeweilige Epoche geprägt. Einige sind sogar aus den gleichen Formen hervorgegangen, wurden geändert, verlängert oder nach den Wünschen des Käufers mit angepasstem Deckslayout ausgeliefert. Sich bei dieser Vielzahl von Produktionen zurechtzufinden, war schlicht nicht möglich, zumal die Boote keinen Standards entsprachen. Das Können der in Crans ansässigen Werft lag eindeutig in der individuellen Stückproduktion. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie im Bereich der optimierten Produk- tion mit ihren 90 Flying Forty, 40 Black Bird und den zehn Toucan eine Vorreiterrolle gespielt hat.

Olivier Luthi wollte das ändern. Er tat sich mit dem Segler Michel Vaucher und dem Konstrukteur Olivier Mousselon vom Designbüro Mer Forte zusammen, um ein optimales One-Design-Boot für unsere Binnenseen zu entwerfen. 2013 wurde die Luthi F10 als schlichteres, einfacheres und erschwinglicheres Konkurrenzprodukt zur Psaros 33 lanciert und stellte ihr Potenzial an den grossen Genferseeregatten gleich mehrfach unter Beweis. Zum Bestseller wurde sie jedoch nicht. Nach der dritten Einheit war Schluss. Wahrscheinlich fehlten dem Konzept ein paar Zutaten, um den Platz zu erobern, den es eigentlich verdient hätte.

Die Vidygo wurde bei Birbaum zwar nur fünfmal gebaut, hat die Geschichte der Genferseekreuzer aber dennoch geprägt.

Gemeinschaftsprojekte

Obwohl die Luthi F10 nicht zum Verkaufsschlager wurde, zeigte sie zumindest, dass Michel Desjoyeaux’ Designbüro Mer Forte die speziellen Anforderungen an einen Binnenracer und die Erwartungen der Schweizer Kunden genau erfasst hatte. Nach 50 Jahren harschem Konkurrenzkampf beschlossen Luthi und Psaros zusammenzuspannen und mit Olivier Mousselon ein gemeinsames Projekt zu starten. Heraus kam die LP (für Luthi/Psaros) 820, die Ende 2018 am Salon Nautique du Léman vorgestellt wurde. Das kleine, 900 Kilo schwere Boot überzeugte. In kürzester Zeit entstand eine Flotte. Um der doch relativ grossen Nachfrage nachzukommen, bündelten die beiden Werften ihre Kräfte und Kompetenzen. Die LP 820 wurde als Binnenracer für junge Segler konzipiert, ist erschwinglich (rund 100 000 Franken), hat eine praktische Grösse und ist so gelungen, dass sie nicht nur die Zielgruppe begeistert, sondern auch von Regatteuren im fortgeschrittenen Alter gekauft wird. Die französische Zeitschrift Voiles et Voiliers bezeichnete die kleine Rakete in Anlehnung an die Surprise sogar als «genfersee- typische Überraschung».

Yves Ryncki

Mit der 850er und der 950er hat die Aebi-Werft in Gland zusammen mit den Konstrukteuren VMG zwei binnenseetaugliche Racer entworfen, die in vielen Punkten den Konkurrenzbooten ebenbürtig waren. Obwohl ursprünglich eine Klasse geplant war, blieb es beim Prototyp.

Weitere Sportboote

Mit Luthi und Psaros dominieren also die beiden Schwergewichte des Genfersees den Markt der kleinen Regattaboote. Andere Werf- ten versuchen, ein Stück des Kuchens abzubekommen. Mit den Modellen 850 und 950 brachte die Aebi-Werft aus Gland zwei perfekt auf Binnensee verhältnisse abgestimmte Modelle auf den Markt, die sich in vielen Punkten mit den Konkurrenzpunkten deckten. Sie waren auf dem Zeichenbrett von VMG Yacht Design (Fabrice Germond und Mathieu Verrier) entstanden, kamen allerdings trotz des Vorhabens, sie zu Klassen auszubauen, nie über die Prototyp-Phase hinaus. Einmal mehr bremsten das Marketing, die Regattaergebnisse und die fehlenden Bootsplätze die Entwicklung.

Was die industrielle Produktion im Ausland betrifft, so hat sich die J70 auf der ganzen Welt durchgesetzt, nicht aber in der französisch sprachigen Schweiz. Das Problem ist ihr Rigg. Da die Kieljacht mit einer Genua und nicht mit einer Fock gesegelt wird, ist sie für die Schwachwind bedingungen auf unseren Seen nicht wirklich geeignet. Daran ändert auch der hochinteressante Regattakalender nichts. Das CER hat dennoch eine J70 angeschafft, damit seine Mitglieder an internationalen Anlässen teilnehmen können.

Die starke Schweizer Wirtschaft, die Kreativität der Werften und die Kultur der kleinen One-Design-Boote werden bestimmt dafür sorgen, dass weitere stark typisierte Binnenracer entstehen. Neben den aufstrebenden Klassen, die in den nächsten Jahren den Ton angeben dürften, wird wohl auch viel Neues auf uns zukommen. Den Werften und Designern, die nicht vor technologischen Herausforderungen zurückschrecken, eröffnet der Boom der Foilerboote spannende Perspektiven.