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Martinique, das Land der Jollen

von Quentin Mayerat

Die karibischen Indianer tauften die Insel auf den Namen “Madinina”, die Blumeninsel. Der überwiegende Teil des 80 km langen und 35 km breiten Eilandes ist von einer üppigen Vegetation überzogen. Martinique liegt inmitten der karibischen Inselgruppe der Kleinen Antillen, die sich wie eine Perlenkette von Norden nach Süden erstreckt. Im Westen wird das Land von den Wellen des Karibischen Meeres und im Osten von den Wogen des Ozeans umspült.
Nach gut acht Stunden Flug landet die Maschine aus Paris im Interkontinentalflughafen Lamentin südöstlich von Fort-de-France, der Wirtschaftshauptstadt von Martinique. Ein überwältigender Moment! Die warme Luft hüllt die Passagiere beim Verlassen des meist überklimatisierten Flugzeuges wie in einen Kokon ein.
Es ist soweit! Endlich befinden sie sich auf der legendären Inselgruppe. Paris ist nur noch eine 7000 Kilometer entfernte, vage Erinnerung! Das französische Departement Martinique mit seinen 300’000 Seelen ist in drei Teile aufgeteilt: die Gegend um Fort-de-France, wo man bis hin zu den Verkehrsstaus alles findet, der Süden mit seinen berühmten, für Badeferien idealen Stränden und der noch unberührte Norden mit seiner üppigen Pflanzenwelt und dem höchsten Punkt der Insel, dem Vulkan Pelée, dessen Gipfel häufig von einem Nebelmeer umgeben ist.

Vom Zucker zum Tourismus

Martinique wurde von Christoph Kolumbus entdeckt. Er ging am 15. Juni 1502 in der Nähe des Örtchens Le Carbet im Norden der Insel an Land. Seltsamerweise wurde die in Erinnerung an die Entdeckung errichtete Gedenksäule von den Wellen ins Meer gespült. Im Juni 1635 erreichten die Franzosen Liénard de l’Olive und Jean Duplessis d’Ossonville das Ufer von Martinique. Sie wurden jedoch von den zahlreichen Lanzenottern und vor allem von den wilden Indianern abgeschreckt. Ein paar Monate später landete Pierre Belain d’Esnambuc auf der Insel. Er liess sich auf dem Eiland nieder und gründete Fort Saint-Pierre, das spätere Saint-Pierre. Damit begann die eigentliche Kolonialisierung. In weniger als fünfundzwanzig Jahren dezimierten die Kolonialherren das Volk und die karibische Zivilisation. Damals wurde auch die oligarchische Gesellschaft der “Béké” (weisse Kreolen), ihres Zeichens Plantagenbesitzer, gegründet. Um die Bedürfnisse der heimatlichen Metropole zu decken, wurde die Insel im Lauf der Jahre zu einem riesigen Zuckerrohrfeld umfunktioniert. Ab 1660 verschärfte sich die Ausbeutung unter dem Druck von Jean-Baptiste Colbert. 1685 wurde die Sklaverei eingeführt und der menschenfeindliche “Code Noir”, in dem die Lebensbedingungen der von Gesetzes wegen zur Sache erklärten Sklaven genauestens definiert waren, in Kraft gesetzt. Innerhalb von hundert Jahren hatte sich Martinique zum viertgröss-ten Zuckerproduzenten der Welt entwickelt. Der Reichtum der Kolonialherren war besiegelt. Dadurch entstand natürlich auch Neid, was dazu führte, dass die Engländer 1762 die begehrte Insel eroberten. Um sie zurückzuerlangen, opferten die Franzosen im Jahr 1763 das von ihnen spöttisch als “ein paar Quadratmeter Schnee” bezeichnete Kanada. Im gleichen Jahr wurde auch Joséphine Tascher de la Pagerie, die zukünftige Kaiserin an der Seite Napoleons, geboren. Ein paar Monate früher und sie wäre als Engländerin zur Welt gekommen! 1794 wurde die Sklaverei in den französischen Kolonien abgeschafft, auf Martinique blieb sie jedoch aufrecht erhalten. Ein paar mächtige Grossgrundbesitzer, die durch die Revolution verunsichert waren, ermutigten die Engländer zur Rückkehr. Erst nachdem Frankreich Martinique ein zweites Mal zurückerobert hatte, nahm die Sklaverei endgültig ein Ende. Dazu stellte der Franzose Victor Schoelcher, einer der eifrigsten und militantesten Verfechter im Kampf gegen die Sklaverei, einen Erlass auf, der am 27. April 1848 gutgeheissen wurde. Danach wurden grundlegende Gesellschaftsreformen durchgeführt, die Macht blieb jedoch in der Hand der Weissen. Nach der tragischen Zerstörung von Saint-Pierre bei einem Vulkanausbruch am 8. Mai 1902 wurde Fort-de-France zur kulturellen und wirtschaftlichen Hauptstadt der Insel ernannt. Mit der Wirtschaftskrise der Zuckerproduzenten veränderte sich allmählich auch die Gesellschaftsstruktur. 1946 wurde Martinique zum französischen Departement erklärt. Heute machen Bananen- und Ananasplantagen dem Zuckerrohr das Land streitig. Obwohl die Mischbevölkerung in den Landgebieten noch immer von der Landwirtschaft lebt, ist heute der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle der Insel.

Die Course de Yoles, ein Nationalsport!

Bei diesem grossen, auf dem Welt einmaligen Wettkampf setzen sich die Martinikaner mit grosser Leidenschaft für ihre Teams ein. Der Ausdruck “Yole” kommt aus dem Holländischen und bezeichnet ein leichtes, lang gezogenes Boot mit geringer Wassertiefe. Die ersten Fischer bauten ihre Einbäume aus den Stämmen des Gummibaumes, eine Technik, die sie den eingeborenen Indianern abgeschaut hatten. Als aber die Fischer immer zahlreicher und die Gummibäume in den Wäldern immer weniger wurden, war notgedrungenermassen die Zeit für ein neues Boot gekommen. Die Erfindung dieses vom einheimischen Einbaum und der europäischen Jolle inspirierten Schiffes haben die Martinikaner einem Zimmermann aus Le François zu verdanken. Es war speziell für die maritimen Verhältnisse um die Insel Martinique herum konzipiert und sehr beliebt. Das wachsende Interesse an den Booten führte dazu, dass sich 1972 ein paar Segelfanatiker entschlossen, zusammen die “Société des yoles et gommiers de la Martinique” zu gründen. 1984, nach der Spaltung der Gesellschaft, nannte sich die Gemeinschaft der Jollenbesitzer neu “La Société des Yoles Rondes de Martinique”. Mittlerweile hat sich das Boot zu einer wahren Rennmaschine von maximal 10,5 m Länge entwickelt. Als Vorzeigewettkampf gilt die “Tour de la Martinique”. Das Wirtschaftsleben der Insel, das in dieser Woche nur noch auf Sparflamme funktioniert, kommt während der täglichen Verkündung der Resultate gänzlich zum Stillstand. Mit wie viel Herzblut die Teilnehmer dabei sind, verraten einige der Namen: DFVT (Dieu Fait Voir Tout), Elle est moi, Ki ma fouti é sa, Météor, Miss Paulette, Bien-Aimée.
Von Süden nach Norden
An den Stränden im Süden kommt niemand vorbei. Für den Diamantstrand und die Grande Anse des Salines lohnt sich der Umweg allemal. Der Weg ins Örtchen Le Diamant gibt einen einmaligen Blick auf das atemberaubende Panorama mit dem Diamant-Rock, der Cafard-Bucht und dem 477m hohen Morne Lacher frei. Badehungrige sollten sich vor den riesigen Wellen in Acht nehmen. Vor Les Salines eignet sich das Meer viel eher zum Baden. Es ist erstaunlich, wie weit man hier ins Meer hinauswaten kann, ohne den Grund unter den Füssen zu verlieren. Leider wachsen auf diesen paradiesischen Stränden aber auch zahlreiche Mancenillier-Bäume, die an Touristenorten mit einer roten Markierung gekennzeichnet sind. Der giftige Baum ist an seinen kleinen, grünen, zitronenähnlichen Früchten zu erkennen. Wer die Ruhe und die Natur geniessen möchte, der schlägt am besten den schmalen Weg in Richtung Anse Noire ein. Man kann aber auch bis zum Naturschutzgebiet der Halbinsel Caravelle weiterfahren, wo zahlreiche, für die Kleinen Antillen charakteristische Pflanzen und unzählige Vogelarten eine Heimat gefunden haben. Für den Norden Martiniques sollte man sich genügend Zeit lassen. Die engen Strässchen, die sich hier durch die Gebirgsregionen schlängeln, mahnen zur Vorsicht. In der Nähe des Mt. Pelée erwarten den Wanderer steile, von dichter Vegetation gesäumte Pfade. Der 1397 m hohe Vulkan kann über mehr oder weniger lange, unwegsame Wege erreicht werden. Die direkteste Route führt in der Nähe des Weilers Morne-Rouge, der höchstgelegenen Gemeinde, vorbei. Mit dem Auto gelangt man bis zur Aileron-Hütte. Die Temperaturunterschiede sind sehr gross. Im Gegensatz zur Küste benötigt man auf dem Vulkan unbedingt warme Kleidung und ein Paar gute Schuhe. Auch führt durch diese Gegend eine der schönsten Wanderwege: die Trace des Jésuites. Der gut gekennzeichnete Pfad dringt tief in den tropischen Urwald hinein. Abends, nach der Wanderung, sollte man es sich nicht nehmen lassen, in St. Pierre den Sonnenuntergang zu bewundern, der laut einheimischen Stimmen in Martinique seinesgleichen sucht. Wer vor einer Wanderung in den Norden wissen möchte, wie sich das Wetter entwickelt, der beobachtet am besten die Natur. Die Blätter des Bois-Canon oder Trompetenbaumes sind auf der Oberseite grün und auf der Unterseite weiss. Sieht man vom Boden aus die grüne Seite, so wird das Wetter schön. Die weisse Seite verkündet hingegen schlechtes Wetter Die Insulaner sind ausgezeichnete Naturkenner und beantworten gerne die Fragen interessierter Besucher. Im Süden von Martinique leben die meisten Freizeitsegler und Strandliebhaber. Mit ein bisschen seemännischer Erfahrung ist es noch immer möglich, unberührte Stellen zu entdecken, die nur mit dem Boot zugänglich sind. Von Pointe Baham bis zur Halbinsel Caravelle finden sich wunderbare Strände und verlassene Inselchen. Die Westseite Martiniques ist bestimmt eine der schönsten Gegenden der Karibik. Allein schon die Namen Cayes Paradis oder Baie du Galion laden zum Träumen ein.

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