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Chronik einer Legende

von Pierre Alexis Colignon

Cujo

Cujo ist untrennbar mit der Liebschaft zwischen Prinzessin Diana und Dodi Al-Fayed verbunden. Die sportliche Luxusjacht hat aber auch sonst eine bewegte Geschichte, die 2023 mit der Kenterung ihr Ende fand.

Der Name Cujo soll indianischen Ursprungs sein und «unaufhaltsame Kraft» bedeuten. Eine solche Kraft verband die Bootswerft Baglietto und den Charaktermenschen John von Neumann.

Am Anfang war Baglietto

Baglietto ist eine italienische Institution mit einer faszinierenden Geschichte. Die 1854 von Pietro Baglietto gegründete Werft steht für handwerkliche Exzellenz und gehört zu den renommiertesten Adressen im Jachtbau. Sie war zunächst auf Jollen spezialisiert, konzentrierte sich dann aber bald auf Regattaboote. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sie Luxusjachten für Adlige, Industrielle und andere Prominente zu bauen. Was Ferrari in der Automobilbranche, ist Baglietto in der Jachtszene: ein Mythos, entstanden im Lauf erfolgreicher Rennen. Die Mächtigsten der Welt standen Schlange, damit sich die Werft ihren Anliegen annahm. Einer verkörperte das Wesen von Baglietto wie kein anderer: John von Neumann, ein Österreicher, der in seiner Jugend in die USA ausgewandert war. Der passionierte Autoliebhaber und talentierte Rennfahrer importierte in den 1950er-Jahren als einer der Ersten europäische Nobelmarken wie Volkswagen, Porsche, und Ferrari an die amerikanische Westküste und spielte so eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung der rollenden Ikonen in den USA.

Als von Neumann Ferien in Italien verbrachte, entdeckte er die Motor-jachten von Baglietto. Es war Liebe auf den ersten Blick. «Ein Boot ist kein Haus, sondern ein Fortbewegungsmittel, das schnell sein muss», pflegte er zu sagen. In den frühen 1970er-Jahren bestellte er zwei Motorjachten aus Marine-Sperrholz: die 16,50 Meter lange Geronimo (JVN4) und die 20 Meter lange Cochise (JVN5) – die spätere Cujo. Sie bestand grösstenteils aus Mahagoni und ihr Rumpf war mit einer Stahlschicht verstärkt. Von Neumann wollte die schnellste Jacht seiner Zeit. Sein Anspruch gefiel den Ingenieuren von Baglietto. Gemeinsam mit dem Auftraggeber entwarfen sie ein 20-Meter-Boot mit sportlichem Profil und zwei Castellanza-CRM-W18-Turbodieselmotoren mit 54 Litern Hubraum und je 1350 PS. Sie entfesselten über 42 Knoten und verbrauchten 450 Liter Treibstoff pro Stunde, dies bei einer Reichweite von 460 Seemeilen. Die Basis für die Motoren bildeten die Isotta-Fraschini-Asso-Benzintrieb-werke aus der Luftfahrt, die sonst bei Wasserflugzeugen und Zeppelinen zum Einsatz kamen. Sie bestanden aus drei, in 40-Grad-Winkeln ange-ordneten Reihen mit je sechs Zylindern. In diesem einzigartigen Projekt verbanden sich italienischer Stil und amerikanischer Wettkampfgeist zu einem Vorzeigeprodukt. Es diente später als Vorlage für 57 Küstenschiffe, die Baglietto für die Guardia di Finanza baute.

Mehrfacher Besitzerwechsel

1978 verkaufte von Neumann die Cochise an Thierry Roussel, da er sich eine grössere Jacht anschaffen wollte. Der Mann von Christina Onassis und Schwiegersohn von Aristoteles Onassis trat sie ein paar Jahre später an den saudischen Waffenhändler Adnan Khashoggi ab, der sie in Cujo umbenannte. Khashoggi war für seinen ausschweifenden Lebenswan- del bekannt. Seine Faszination für Luxusjachten passte zu seinem Drang nach Ansehen, Macht und Reichtum. Ihm gehörte auch die 85-Meter-Megajacht Nabila, eine der grössten und luxuriösesten Jachten ihrer Zeit. Sie wurde 1987 beschlagnahmt und von ihrem neuen Eigner Trump Princess getauft. Die Identität des Käufers ist leicht zu erraten. Doch zurück zu Cujo. Khashoggi verkaufte die Jacht an seinen Neffen Dodi Al-Fayed, der sie bei CARM Cantieri Navali in Lavagna umfassend überholen liess. Dodi war Filmproduzent, Geschäftsmann und Sohn des ägyptischen Unternehmers und ehemaligen Harrods-Besitzers Mohamed Al-Fayed. In den 1980er-Jahren stieg er ins Hollywood-Filmge-schäft ein. Ansonsten war er vor allem für seinen mondänen Lebensstil bekannt. Er verkehrte in VIP-Kreisen und pflegte Verbindungen mit berühmten Persönlichkeiten. Cujo war zum Symbol seines glamourösen Lifestyles geworden. Die Motorjacht wurde auf dem Mittelmeer, vor der Côte d’Azur, in Monaco und in Sardinien gesichtet. An Bord empfing Dodi Stars, Models, Schauspielerinnen und Freunde aus der internationalen High Society, darunter Clint Eastwood, Tony Curtis, Bruce Willis, Brooke Shields und Cindy Crawford. Dodis Vorliebe für diskreten Luxus und seine einflussreichen Beziehungen machten Cujo zu einem beliebten Treffpunkt, an dem in charmanter weiblicher Begleitung unter First-Class-Bedingungen Geschäfte abgewickelt wurden. Die berühmteste Passagierin aber war zweifellos Prinzessin Diana. Sie verbrachte 1997 gemeinsame Tage mit Dodi auf der Jacht, nur wenige Wochen, bevor beide ums Leben kamen. Cujo blieb noch einige Jahre im Besitz der Familie, verlor aber allmählich ihren Glanz und kam nur noch als Taxiboot der Al-Fayeds zum Einsatz. 1999 wurde sie ausgemustert und bei CARM in Lavagna eingelagert. Um 2017 liess Dodis Cousin Moody Al-Fayed sie für rund 800 000 Euro restaurieren. Mit der Innenausstattung und dem neuen Aussendesign wurde der renommierte Tommaso Spadolini beauftragt. Gleichzeitig wurden die Motoren von je 1350 auf 1650 PS aufgerüstet. Trotz dieses Refits kreuzte Moody nur zwei Sommer mit der Cujo durchs Mittelmeer. 2020 liess er sie versteigern.

Stelldichein von Klassikern

Cujo wechselte deutlich unter Wert den Besitzer. Durch eine etwas kuriose Geschichte ging sie an einen Oldtimer-Fan, der eher zufällig zum Motorjacht-Eigner wurde. Am Tag der Auktion erzählte er, wie es dazu kam. «Das Boot erinnerte mich an die britischen Motor Torpedo Boats (MTB), die mein Vater während des Zweiten Weltkriegs fuhr. Der Startpreis lag bei nur 150 000 Euro. Mein Kollege gab ein Angebot für 160 000 Euro ab, wurde aber von niemandem überboten. Der Hammer fiel und ich war Besitzer eines Bootes. Ich war aufgeregt und hatte gleichzeitig Bammel.» Seine Angst sollte sich als berechtigt herausstellen. Obwohl das Auktionshaus die Jacht als «seetüchtig» beworben hatte, stellte sich schnell heraus, dass umfangreiche Investitionen nötig waren, um sie wieder auf Vordermann zu bringen. Ausserdem brauchte es eine dreiköpfige Crew, um damit fahren zu können. Zwischen zwei Lockdowns setzte der neue Besitzer die Cujo auf ganz besondere Weise in Szene. Er fand sich mit der Superjacht, einem Lamborghini Miura SV und einem der vier rechtsgesteuerten Cabriolets Maserati Ghibli Spyder SS zu einem Filmdreh in Portofino ein. Stolz meinte ihr Besitzer: «Cujo hat eine unglaubliche Präsenz. Kein Boot dieser Grösse zieht in einem Hafen so viele Blicke auf sich. Vor allem in Italien, wo manch ein einheimischer Bootsbesitzer etwas nervös wird, weil er die Jacht für ein Einsatzboot der Finanzpolizei hält.» 2022 wechselte Cujo erneut den Besitzer. Sie ging an eine italienische Unternehmerfamilie. Am 29. Juli 2023 setzte die Jacht 18 Seemeilen vor Beaulieu-sur-Mer einen Notruf ab: Wasser drang in den Steuerbordrumpf ein. Die sieben Personen an Bord verliessen das sinkende Schiff. Sie wurden von einem Segelboot geborgen und von den Seenotrettern von Antibes an Land gebracht. Trotz aller Bemühungen, das Wasser abzupumpen, sank Cujo in weniger als zwei Stunden. So endete ihre Geschichte ebenso tragisch, wie die Liebschaft, die sie berühmt gemacht hatte.

HAFEN VON PORTOFINO, SOMMER 2020

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