Jules Verne Trophy
Neun Jahre lang hielt Francis Joyons Referenzzeit für die schnellste Weltumsegelung. Um den fabelhaften Rekord von 40 Tagen und 23 Stunden zu unterbieten, muss man erst einmal ins Ziel kommen. Und das war auch diesmal leichter gesagt als getan.
Gitana, Macif, Spindrift und Sodebo haben sich alle bereits zweimal vergeblich an der Bestmarke versucht. Diesmal jedoch gelang Thomas Coville, Benjamin Schwartz, Léonard Legrand, Frédéric Denis, Guillaume Pirouelle, Pierre Leboucher und Nicolas Troussel allen Hindernissen zum Trotz der grosse Coup. Sie waren gerade erst von der Transat Café L’Or in die Bretagne zurückgekehrt, als sich ein perfektes Wetterfenster auftat. Im Schnellverfahren reparierten sie ein defektes Foil und überflogen bereits 100 Stunden nach dem Start den Äquator. Die Fahrt durch den Südatlantik verlief reibungslos, sodass sie das Kap der Guten Hoffnung mit einem Vorsprung von 1250 Seemeilen auf die Referenzzeit passierten. Weiter südlich verschlechterte sich das Wetter dann deutlich. Anders als Francis Joyon, der vor einem Tiefdruckgebiet surfen konnte, mussten sie zahlreiche Halsen fahren und weit nach Süden ausweichen, wo sie der Eisgrenze gefährlich nahe kamen. Das Team an Land überwachte ihren Kurs permanent mithilfe von Satellitenbildern.
Geschafft!
Der fliegende Ultim ist derart schnell, dass er am Kap Leeuwin und später auch am Kap Hoorn trotz der ungünstigen Bedingungen virtuell weiterhin in Führung lag. Sein Vorsprung war dort aller-dings bereits auf 235 Seemeilen geschrumpft. Auf dem letzten Streckenabschnitt konnten die Rekordjäger das Potenzial des Monster-Tris dann voll ausschöpfen. Immer mit mindestens vier Foils im Wasser preschten sie mit durchschnittlich 30 Knoten dem Ziel entgegen. Am Äquator hatte sich der geringe Abstand nicht wesentlich verändert, entsprechend wuchs der Druck. Kurz vor dem Ziel traf der Wintersturm «Ingrid» auf den Nordatlantik. Der Sodebo Ultim 3 musste sich durch 45 Knoten Wind und zehn Meter hohe Wellen pflügen. Ohne diesen Rückschlag wäre sogar die 40-Tage-Marke gefallen, ist Bordstratege Benjamin Schwartz überzeugt. Doch Hauptsache, der neue Rekord steht. Nach 40 Tagen, 10 Stunden, 45 Minuten und 50 Sekunden stand Thomas Coville hochverdient als neuer Rekordhalter fest. Er hatte nicht nur eine beeindruckende Weltumsegelung absolviert, sondern zugleich eine neue Bestzeit aufgestellt und das Boot nahezu unversehrt ins Ziel gebracht. Und es ist ihm gelungen, aus sehr unterschiedlichen Seglern eine Crew zu formen, die an Bord hervorragend funktionierte.
Erste Referenzzeit einer reinen Frauencrew
Auch Alexia Barrier hat das Kunststück vollbracht, ein Boot und das nötige Geld für ihr Vorhaben aufzutreiben, acht Seglerinnen aus sieben Ländernanzuheuern und mit ihnen auf einem Riesentrimaran um den Globus zu segeln. Mit der erfahrenen Dee Caffari als Co-Skipperin sowie Deborah Blair (Grossbritannien), Annemieke Bes (Niederlande), Rebecca Gmür Hornell (Schweiz/Neuseeland), Tamara Echegoyen (Spanien), Molly LaPointe (USA/ Italien) und Stacey Jackson (Australien) hätte The Famous Project – CIC keinen passenderen Namen tragen können. Allein schon, dass sich die sieben Damen am 29. November 2025 überhaupt auf Rekordjagd machen konnten, war ein Kraftakt. Als Untersatz diente ihnen Idec, das frühere Rekordboot von Francis Joyon. Die Crew war topfit, doch ihre Erfahrung auf grossen Trimaranen hielt sich in Grenzen. Nicht zuletzt deshalb ist ihre Teilnahme ein eindrückliches Beispiel für Mut, Urteilsvermögen, Ausdauer und Leistungswillen. Und obwohl sie um jeden Preis Schäden vermeiden wollten, stürzten sie sich entschlossen in einen kräftigen Nordweststrom, den Router Christian Dumard auf keinen Fall verpassen wollte. Danach wurden sie vom Pech verfolgt. Zunächst brach nur zwei Wochen nach dem Start der Reffhaken des Grosssegels, anschliessend machte das Südpolarmeer seinem Ruf alle Ehre und schliesslich entlud sich der Zorn des Sturmtiefs «Ingrid» über ihnen. Von den Azoren bis ins Ziel mussten sie ganz ohne Grosssegel auskommen. Bei so vielen Problemen hätten andere Crews längst die Segel gestrichen, nicht so The Famous Project – CIC. Am Ende konnten die Seglerinnen zwei ihrer drei Ziele abhaken: Sie waren ins Ziel gekommen und hatten eine Referenzzeit für reine Frauencrews aufgestellt. Mit 57 Tagen, 21 Stunden und 20 Minuten erzielten sie die sechstbeste Zeit in der Geschichte der Jules Verne Trophy! Bei ihrer Ankunft in Brest wurden sie überschwänglich empfangen, ihre Leistung fand grosse Anerkennung. Thomas Coville und Benjamin Schwartz warteten persönlich im Hafen auf sie. Sie werden als Frauenteam für immer die Ersten bleiben, trotzdem haben sie nur einen Wunsch: zurückkehren und die noch junge Bestmarke unterbieten. Thomas Coville hat es vorgemacht: Er knackte den Rekord mit der gleichen Crew, mit der er im Jahr zuvor noch gescheitert war. Die gebündelten Erfahrungen sowie die während der monatelangen Vorbereitung und der 57 Tage auf dem Meer gewachsene Verbundenheit bilden ein starkes Fundament für weitere Topleistungen.
Rebecca Gmür-Hornell, die Schweizer Kiwi
Wer in Neuseeland aufgewachsen ist, einen neuseeländischen Vater und eine Deutschschweizer Mutter hat und heute in England lebt, fühlt sich in einer inter- nationalen Crew schnell zu Hause – erst recht, wenn an Bord Englisch gesprochen wird. «Bex» setzte sich dank ihrer Qualitäten als Riggerin und ihrer grossen Offshore-Erfahrung (MOD70, Fastnet Race, Admiral’s Cup, Ocean Race Europe mit Alan Roura usw.) gegen 300 Mitbewerberinnen für The Famous Project – CIC durch. Mit gerade einmal 25 Jahren ging für sie damit ein Kindheitstraum in Erfüllung. Auf der Rekordjagd war sie neben der Takelage auch für die Borddrohne verantwortlich. Als besonders emotional erlebte sie die Umrundung des Kap Hoorn bei drei Meter hohen Wellen und 25 Knoten Wind, als sie die Drohne um den legendären Felsen steuern konnte. Diese Weltumsegelung sei «die grösste Chance, die sich mir je geboten hat», sagte sie im Interview mit dem New Zealand Herald. Nach ihrer Rückkehr gönnte sich die schnellste Weltumseglerin Neuseelands einige Wochen Erholung in Ōpua auf der Nordinsel. Lange wird die Pause jedoch nicht dauern. Ihr nächstes Ziel ist klar: Sie will die drei Schweizer schlagen, die schneller waren als sie – Bernard Stamm sowie Stève und Yvan Ravussin. Ihren berühmten Landsmann, den verstorbenen Peter Blake, hat siebereits hinter sich gelassen.






