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Wie Team Tilt zu einer festen Grösse im internationalen Segelsport wurde

von Gregoire Surdez

Team Tilt

Das von Alex Schneiter aufgebaute Team hat schon etliche Seglerinnen und Segler von internationalem Format hervorgebracht, die auf Schweizer Seen, an den Olympischen Spielen und am SailGP für Weltklasseleistungen sorgen.

Manche Namen setzen sich einfach fest. Sie bleiben hängen, ohne dass man erklären könnte, weshalb. Namen, die auf Anhieb richtig klingen und Strahlkraft besitzen. Tilt ist einer davon. Seit 1987 zieren die vier berühmtesten Buchstaben des Schweizer Segelsports die Rümpfe unterschiedlichster Regattaboote. «Als ich 1987 an der Mini-Transat startete, hätte ich nie zu träumen gewagt, dass dieser Name einmal Geschichte schreiben würde», sagt Alex Schneiter. «Fast vierzig Jahre später wird mir erst richtig bewusst, welchen Weg wir zurückgelegt haben.» Alex Schneiter gehört zu den Menschen, die eher nach vorne als nach hinten schauen. Trotzdem lohnt sich der Blick in die Vergangenheit, denn er macht den unglaublichen Werdegang des Erfolgsträgers und das Ausmass der von ihm geleisteten Arbeit deutlich. Von der ersten Mini-Transat mit Patrick Firmenich bis hin zum SailGP, wo sein Sohn Sébastien heute das Schweizer Boot steuert, kann der Genfer ein grosses Kapitel Schweizer Segelgeschichte vor seinem inneren Auge Revue passieren lassen. «Damals hatte ich keine Ahnung, worauf ich mich einliess», gesteht er.

Die Anfänge

«Tilt war mein erster Sponsor an der Mini-Transat 1987», erinnert sich Schneiter, der sich als Steuermann, vielseitiger Segler und Teamleader einen Namen machte. «Dahinter steckte eine Sportswear-Marke, die damals von Philippe Fehlmann geführt wurde. Und da wir auf Anhieb gute Resultate erzielten, wollten wir den Namen behalten.» Patrick Firmenich und Alex Schneiter gewannen die erste Etappe von Concarneau auf die Kanarischen Inseln und liessen die Segelszene erstmals aufhorchen. Damals genoss der Schweizer Segelsport noch nicht das Ansehen von heute. Pierre Fehlmann begann gerade erst damit, die grossen Talente vom Genfersee um sich zu scharen, während Laurent Bourgnon erste Schlagzeilen schrieb. Der spätere Zweifachsieger der Route du Rhum wurde an eben jener Mini-Transat 1987 Zweiter. «Ich war immer überzeugt, dass Schweizer Segler auf höchstem Niveau mithalten können», sagt Schneiter, der wie viele seiner Generation erste Offshore-Erfahrungen bei Fehlmann sammelte. «Alle, die diese Chance bekamen, sind daran gewachsen. Hochseesegeln ist eine unglaubliche Lebensschule. Ich habe enorm viel daraus mitgenommen undkonnte später darauf aufbauen.»

Vom Segeln leben konnte damals allerdings kaum jemand. Den Sport zum Beruf zu machen, wie es heute die besten Schweizer Regatteure tun, war schlicht nicht denkbar. Alex Schneiter wurde Ingenieur, gab das Segeln aber nie auf, denn daran hing sein Herz. Viele Jahre konzentrierte er sich auf Regatten auf dem Genfersee. Schon damals stand Tilt für kompromisslosen Einsatz und sportliche Exzellenz. Die Teams bestanden aus ebenso erfahrenen wie ambitionierten Amateuren. Zwischen 2002 und 2006 gewannen Alex Schneiter und Patrick Firmenich mit ihrer Psaros 40 dreimal die Bol de Vermeil und sicherten sich damit endgültig die Trophäe für die schnellste Jacht. Der Pokal nahm in der noch ziemlich leeren Vitrine einen prominenten Platz ein. Weitere Pokale kamen mit dem Sieg der M2-Meisterschaft in den Jahren 2008 und 2011 hinzu, sodass die Vitrine schon bald zu klein wurde.

Gezielte Nachwuchsförderung

«Für mich nahm die eigentliche Geschichte von Team Tilt erst mit dem ersten Youth America’s Cup 2013 in San Francisco ihren Lauf», erklärt Schneiter. «Ab diesem Zeitpunkt haben wir begonnen, den Schweizer Segelnachwuchs systematisch zu fördern.» Er selbst zog dabei lieber im Hintergrund die Fäden, denn er steht nicht gern im Rampenlicht. Mit Team Tilt und seinem Engagement im Swiss Sailing Team trug er in den 2010er-Jahren entscheidend zum Paradigmenwechsel im Schweizer Segelsport bei. Die beiden America’s-Cup-Siege von Alinghi – auch das ein bedeutungsschwangerer Name mit viel Schlagkraft – brachten eine neue Generation junger Segler und Regatteure hervor. Zu den aufstrebenden Talenten gehörte natürlich Sébastien Schneiter, der lange zögerte, seinem Freund Tanguy Nef nachzueifern. Der Genfer entschied sich bekanntlich für eine Karriere als Skirennfahrer und holte später in der Team-Kombination olympisches Gold. Aber auch Bryan Mettraux, Arnaud Psarofaghis, die Bachelin-Brüder und viele andere rückten nach. «Ich war schon immer überzeugt, dass nachhaltiger Erfolg nur mit einer breiten Basis möglich ist», sagt Schneiter, «deshalb war die Unterstützung durch unserer Sponsoren so wichtig, insbesondere jene von Rolex. Die Marke engagiert sich bis heute stark über das Swiss Sailing Team in der Nachwuchsförderung und unterstützt auch das Schweizer SailGP-Team.» Aus diesem Talentpool rekrutierte Team Tilt seine Segler. Sie sind auf dem anspruchsvollen Genfersee gross geworden und entsprechend versiert. «Um jeden Preis zu gewinnen und dafür Söldner an Bord zu holen, war nie mein Ding», stellt Schneiter klar. «Die Genugtuung ist viel grösser, wenn man eigene Talente aufbaut. Heute erfüllt es mich mit Stolz, dass wir mit Team Tilt und dem Swiss Sailing Team vielen Seglerinnen und Seglern den Weg an die Spitze ermöglichen konnten.»

Der Durchbruch auf internationaler Bühne Wirklich ins Rollen kam das Projekt Team Tilt Sailing mit der ersten Kampagne für den Youth America’s Cup. Am Steuer stand Lucien Cujean. Sébastien Schneiter war noch zu jung und Arnaud Psarofaghis bereits zu alt für die Teilnahme. Während Sébastien in den Juniorenklassen Erfahrung sammelte, coachte Arnaud das Team zum Erfolg. In der Bucht von San Francisco wuchs die Crew der SNG über sich hinaus und belegte den sensationellen 4. Platz. Am Steuer des neuseeländischen Siegerbootes stand damals niemand geringerer als Peter Burling, der vom Nobody zu einem der genialsten Steuermänner seiner Generation avancieren sollte. Auch danach bot Team Tilt jungen Schweizer Seglerinnen und Seglern immer wieder die Chance, sich auf Augenhöhe mit den Besten der Welt zu messen. Mit Tanguy Cariou als sportlichem Leiter professionalisierte sich Team Tilt in den folgenden Jahren weiter. Der Bretone, der in der Waadt heimisch wurde, prägte das Team während mehr als zehn Jahren. Schneiter hält grosse Stücke auf ihn: «Er hat uns unglaublich viel gebracht. Mit ihm kam frischer Wind ins Team. Wir haben uns konstant weiterentwickelt und wichtige Erfolge erzielt.» Dazu gehörte unbestritten der Sieg an der Bol d’Or 2015, mit dem Sébastien Schneiter zum jüngsten Sieger des Genfersee-Klassikers wurde. Im selben Jahr gewann Team Tilt in der Vorbereitung auf den Youth America’s Cup 2017 mit der D35 Trophy die hochklassigste Meisterschaft auf dem Genfersee. Die Methode Tilt trug Früchte. Die Kombination aus professioneller Arbeitsweise, konsequenter Nachwuchsförderung und gezielter Unterstützung durch erfahrene Segler funktionierte. Das Team machte rasante Fortschritte und sorgte für seglerische Sternstunden. «Der Podestplatz am Youth America’s Cup war ein wichtiger Meilenstein», erinnert sich Schneiter. «Sportlich hatte der WM-Titel in der GC32-Klasse aber nochmals eine ganz andere Bedeutung, denn wir haben uns gegen die weltbesten Foiling-Cracks durchgesetzt, darunter Ben Ainslie, Nathan Outteridge und Franck Cammas.»

Olympia und SailGP

Die spektakulären Foiling-Regatten auf dem Gardasee gaben wohl Auch den Anstoss für die Gründung des Switzerland SailGP Teams. Nach der D35 Trophy und der GC32 Racing Tour konzentrierte sich Team Tilt auf zwei grosse Projekte: die Unterstützung der Olympiakampagnen von Sébastien Schneiter im 49er (mit Lucien Cujean für Rio 2016 und Tokio 2021 und mit Arno de Planta für Paris 2024) und von Maud Jayet im ILCA 6 (2021 und 2024) und die Teilnahme an der spektakulärsten und anspruchsvollsten Regattaserie der Welt, dem SailGP. Eine olympische Medaille für die Schweiz bleibe einer seiner grossen Träume, gesteht Schneiter. «In Marseille waren Maud sowie Sébastien und Arno ganz nah dran. Sie hatten bis am letzten Regattatag reale Podestchancen. Maud holte 2022 und 2023 bei den ILCA 6 WM-Silber und auch Sébastien Schneiter und Arno de Planta reichte es an der WM der 49er 2023 für den zweiten Platz.» Für Schneiter führt ohnehin kein Weg an den olympischen Klassen vorbei. Die Härte und Konsequenz der Olympiavorbereitung seien einer der besten Wege an die internationale Spitze. Ein Blick auf die erfolgreichsten SailGP-Teams gibt ihm Recht. Fast alle Schlüsselpositionen auf dem Wasser und im Management sind von Olympiasiegern besetzt. Die Zukunft von Team Tilt baut deshalb weiterhin auf dieser kompromisslosen Schule auf. «Wenn wir langfristig bestehen wollen, müssen wir unsere Basis weiter verbreitern», sagt Schneiter. «Unser Ziel bleibt unverändert: Wir wollen ein Schweizer Team aufbauen, das sowohl im SailGP als Auch im olympischen Segelsport um Siege kämpfen kann. Die Ernennung von Boet Brinkgreve zum CEO von Switzerland SailGP bringt neuen Schwung ins Team und ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Vor uns liegt viel Arbeit, die ihre Zeit brauchen wird. Aber ich bin überzeugt, dass wir es schaffen können.»

Beste Voraussetzungen also, damit sich der Name Tilt im internationalen Segelsport noch stärker etabliert.


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