Interview
Zum zweiten Mal in Folge verstärkte Franck Cammas die Crew des M2 Team Bacchus von Charlotte Lerch. Der französische Ausnahme-Segler über die Bol d’Or, die Besonderheiten des Genfersees und seine Rolle als Mentor.
Welche Bilanz ziehen Sie aus der diesjährigen Bol d’Or?
Es gab Gutes und weniger Gutes, aber insgesamt können wir zufrieden sein. Natürlich hofft man immer, es noch besser zu machen. Nach dem Start wurden wir eingeklemmt und mussten zusehen, wie andere Boote auf der Schweizer Seite davonzogen. Uns wieder nach vorne zu arbeiten war ein hartes Stück Arbeit. Zwischenzeitlich lagen wir auf Rang zwei, doch dann fiel der Wind zusammen und DCM Systematic sowie Hominal et fils schlossen wieder auf. Auf dem Hinweg konnten wir sogar mit den TF35 mithalten und vor Le Bouveret Realteam überholen. Danach blieb die Rangliste praktisch unverändert. Taktisch war die Regatta nicht besonders anspruchsvoll. In der stockdunklen Nacht gab es keine Angriffsmöglichkeiten.
Sie kommen aus dem Hochseesegeln. Die Winde auf dem Genfersee gelten als besonders komplex. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Man muss auf die Locals hören, eigene Erfahrungen sammeln und offen bleiben. Es gibt keine unumstösslichen Wahrheiten. Selbst ausgewiesene Experten wie Christian Wahl können sich irren. Diesmal haben alle mit einem Winddreher auf der französischen Seite gerechnet, er kam aber auf der Schweizer Seite. Die Boote am französischen Ufer haben früh viel Boden verloren. Genau das macht den Reiz des Genfersees aus. Nach einer Stunde scheint die Spitze uneinholbar in Führung zu liegen und keine 30 Minuten später liegen alle wieder eng beieinander. Ich habe mich auch stark an früheren Ausgaben orientiert, insbesondere an meinem Sieg auf dem D35 Zebra 7 im Jahr 2008.
Die Weitergabe von Wissen spielt in Ihrer jüngeren Karriere, etwa in der Zusammenarbeit mit Tom Laperche, eine wichtige Rolle. Reiht sich Ihre Teilnahme an Bord des M2 von Charlotte Lerch in dieses Bestreben ein? Verstehen Sie sich als Mentor?
Es macht mir Freude, mit jungen, motivierten Seglerinnen und Seglern zusammenzuarbeiten. Sie sind wissbegierig und ehrgeizig. Ich sehe mich nicht als Lehrer, versuche aber, etwas von meiner Erfahrung weiterzugeben. An Bord achte ich darauf, gewissenhaft zu sein und dafür zu sorgen, dass die Crew konzentriert bleibt. Durch das gemeinsame Segeln lässt sich Erfahrung am besten vermitteln.
Hatten Sie zu Beginn Ihrer Karriere selbst einen Mentor, der Sie besonders geprägt hat?
Ja, ich hatte dieses Glück. Ich bin viel mit Michel Desjoyeaux gesegelt, insbesondere bei meiner zweiten Transatlantikregatta und während meines ersten Jahres in der Figaro-Klasse. In Port-la-Forêt hat mir auch Jean Le Cam viel geholfen. Die beiden haben mich mitgenommen, und später, als ich mein eigenes Boot hatte, konnte ich mich revanchieren. Von der Zusammenarbeit mit Michel, der damals die prägende Figur im Offshoresegeln war, habe ich enorm viel gelernt.
Apropos Offshoresegeln: An der Vendée Arctique ist die Teilnehmerzahl eingebrochen, viele Skipper sind auf Sponsorensuche und Sie selbst starten nicht an der nächsten Vendée Globe. Hat das Hochseesegeln an Attraktivität eingebüsst oder ist die wirtschaftliche Lage schuld?
Von Desinteresse kann nicht die Rede sein. Das Publikum kommt in Massen, die Regattadörfer am Start werden überrannt. Ursache ist vielmehr das wirtschaftliche Gleichgewicht zwischen Investitionen und Sichtbarkeit. Nach dem Hype rund um die letzte Vendée Globe normalisiert sich der Markt wieder. Natürlich hilft die wirtschaftliche Situation nicht, doch die Zahl der Sieganwärter bleibt unverändert. Ich selbst hatte ein Projekt mit einem Neubau ins Auge gefasst. Angesichts der künftigen Entwicklungen im Jachtdesign ist ein Sieg in meinen Augen nur mit einem neuen Boot möglich. Ich habe zeitnah keinen Partner gefunden und für einen Neubau ist es jetzt zu spät.
Was gibt es Neues in der Ultim-Klasse? Wie beurteilen Sie den neuen Gitana?
In diesem Jahr konzentriere ich mich vollständig auf SVR-Lazartigue, um Tom Laperche zu helfen, die Route du Rhum zu gewinnen. Was danach kommt, ist noch offen. Die Ultim-Klasse erhält mit den neuen Projekten von Banque Populaire und Argo frischen Schub. Und Gitana eröffnet spannende technologische Perspektiven. Unsere Studien im Team zeigen, dass wir das Tempo um 5 bis 6 Knoten nach oben schrauben können, das ist phänomenal. Wir stehen ganz klar am Beginn einer neuen Ära im Jachtdesign.

