America’s Cup 38e édition
Die ersten Vorregatten Ende Mai vor Sardinien haben gezeigt, dass im komplett neu formierten Team viel Potenzial steckt. Es kann dem nächsten Kräftemessen vom 24. bis 27. September in Neapel mit Zuversicht entgegenblicken.
Tudor Team Alinghi wagt sich an eine Herkulesaufgabe. Vor ihm liegt ein weisses Blatt Papier, auf dem es versuchen wird, mit möglichst bunten Stiften ein neues Kapitel seiner Erfolgsgeschichte zu schreiben. Schliesslich ist der America’s Cup eine Herzensangelegenheit! Ernesto Bertarelli fühlt sich seit jeher tief mit der ältesten Sporttrophäe der Welt verbunden. Seit seinem historischen Triumph 2003 und der erfolgreichen Titelverteidigung 2007 in Valencia hat der Genfer Unternehmer nie aufgehört, an den Cup zu glauben. Weder die juristische und sportliche Niederlage gegen Oracle im Jahr 2010 noch die enttäuschende Kampagne von 2024 konnten die Ambitionen des Milliardärs bremsen. Neapel sehen und gewinnen – dieses Motto könnte in goldenen Lettern vor dem Hauptquartier von Tudor Team Alinghi prangen.
Bevor Bertarelli erneut in den Wettbewerb einstieg, arbeitete er hinter den Kulissen intensiv daran, den America’s Cup zu modernisieren und für Segelnde, Publikum und Sponsoren wieder attraktiv zu machen. Gemeinsam mit den historischen Nationen der Silberkanne war Tudor Team Alinghi an der Ausarbeitung eines Regelwerks beteiligt, das laut Grant Dalton, CEO des neuseeländischen Defenders, die Regatta revolutioniert. Die America’s Cup Partnership wurde im Januar in Anwesenheit der Gründungsnationen Neuseeland, Grossbritannien, Frankreich, Italien und der Schweiz offiziell besiegelt. Motiviert von den neuen Spielregeln hatte Tudor Team Alinghi bereits einen Monat zuvor seine Rückkehr und die Teilnahme an der 38. Ausgabe des America’s Cup 2027 in Neapel angekündigt.
Die vorherige Kampagne war an vielen fast unbemerkt vorbeigegangen, Begeisterungsstürme blieben aus. Zwischen dem Cup und Barcelona sprang der Funke nie über. Alinghi Red Bull Racing wurde den Ambitionen nicht gerecht und konnte nicht an seine erfolgreiche Vergangenheit anknüpfen. Nach dem Halbfinal-Aus im Louis Vuitton Cup zog das Team die Konsequenzen. Ohne grundlegende Änderungen kam eine weitere Kampagne nicht infrage. Nach Ansicht vieler Kenner war es um den Wettkampf nicht sonderlich gut bestellt und nur eine radikale Trendwende konnte ihn retten.
Die Partnerschaft als Gamechanger
Diese America’s Cup Partnership soll der ältesten Regatta nun wieder neuen Wind in die Segel blasen. Tudor Team Alinghi entschied sich dafür, nochmals von null anzufangen. Mit einem neuen Namen, einem neuen Team – sowohl an Land als auch auf dem Wasser – und einer positiven Dynamik, die Innovation und Tradition verbindet und den Geist von Valencia 2007 wieder aufleben lassen soll. In Erinnerung an den Cup der Superlative mit unglaublichen zwölf Teams am Start legte der Schweizer Challenger in weniger als sechs Monaten den Grundstein der neuen Kampagne. Einen ersten Härtetest absolvierte er bei den Vorregatten von Cagliari auf Sardinien.
Für Skipper und Steuermann Paul Goodison fiel die Bilanz trotz technischer Probleme und des logischerweise noch mangelhaften Zusammenspiels positiv aus. Für eine Crew, die erstmals gemeinsam im Wettkampfmodus unterwegs war, kann sich das Ergebnis sehen lassen. Leider lief nach einem fantastischen ersten Tag und einem dritten Zwischenrang am zweiten Tag so ziemlich alles schief. Probleme mit der Elektronik und eine Kenterung warfen die Schweizer im Klassement zurück. Doch wie heisst es so schön: In schwierigen Zeiten zeigt sich die wahre Stärke eines Teams. Tudor Team Alinghi reagierte stark und setzte zu einer eindrucksvollen Aufholjagd an. «Es tut gut, mit einer positiven Note abzuschliessen», meinte Paul Goodison. «Wir wissen, wie viel Arbeit noch vor uns liegt, aber es ist wichtig, den Event mit dem Blick in die richtige Richtung zu beenden.»
Der letzte Lauf, den die Schweizer nach Auswertung des Fotofinishs nach einem gewaltigen Schlusssprint hinter den Briten von GB1 auf Rang vier beendeten, gilt als Gradmesser. Darauf kann das Team laut Segeltrimmer Pietro Sibello aufbauen: «Im ersten Rennen des Tages haben wir das Potenzial des Bootes nicht ausgeschöpft. Vor der zweiten Wettfahrt haben wir uns dann zusammengesetzt und darüber gesprochen, was wir erreichen wollen und wie wir Wind, Trimm und Taktik angehen möchten. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass wir als geschlossenes Team aufgetreten sind. Es ist schön, auf diese Weise abzuschliessen.»
Toller Teamgeist
Noch wichtiger als das Ergebnis selbst – Platz 6, nur knapp hinter Frankreich auf Rang 4 – war aus Schweizer Sicht die Entstehung eines Gemeinschaftsgefühls. Die Teammitglieder freuten sich über die Fortschritte und lernten sich gegenseitig besser kennen. Nicolas Rolaz, der als Jüngster im Bunde an Steuerbord die Segel trimmte, meinte geradezu euphorisch: «Teil desselben Teams zu sein wie diese legendären Segler ist für mich etwas Unglaubliches. Ich habe in den vergangenen Jahren so viele Videos ihrer Erfolge angeschaut. Dass ich an ihrer Seite segeln kann, macht mich unglaublich stolz.»
Talent, jugendliches Ungestüm und eine gute Dosis Erfahrung auf höchstem Niveau: Das sind die Eckpfeiler, auf denen Tudor Team Alinghi seine neue Kampagne aufbaut. Von allen drei Zutaten wird der Challenger ganz viel brauchen, wenn er mit den Teams mithalten will, die in Cagliari auf den AC40 die Nase vorn hatten. Luna Rossa mit einem gewissen Peter Burling am Steuer hat dort die erste Gelegenheit genutzt, sein ehemaliges Team im Final zu bezwingen. Dass die Schweizer in der Lage sind, in den Spitzenkampf einzugreifen, daran zweifelt niemand. Vielleicht gelingt es ihnen schon im September bei der zweiten Vorregatta in Neapel. Noch besser wäre natürlich 2027 beim 38. America’s Cup. Dieser wird übrigens auf AC75 ausgetragen, die von den Teams selbst entwickelt werden. Auch das eine Herkulesaufgabe!





